Anna Margolina über „Song Of A Girl“: Musik zwischen Erinnerung und Gegenwart

Foto von Anna Margolina
Anna Margolina, Foto: Dovile Sermokas

Von Jacek Brun

Anna Margolina verbindet auf ihrem neuen Album Song Of A Girl Jazz, Folk, Soul und elektronische Klangfarben mit der Poesie der jiddischen Dichterin Anna Margolin. Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt die Sängerin von ihrer persönlichen Reise zu den eigenen Wurzeln, der Wiederentdeckung einer fast verlorenen Sprache und davon, warum Musik Erinnerungen lebendig halten kann. Sie spricht über Frauen in der Kunst, den kreativen Prozess hinter dem Album und darüber, weshalb Leichtigkeit trotz aller Melancholie eines der wichtigsten Ziele ihrer Musik geblieben ist.

jazz-fun.de:
Anna, in deinem neuen Album vertonst du jiddische Gedichte von Anna Margolin – einer Dichterin, mit der du nicht nur den Namen, sondern auch die Herkunft teilst. Wann hast du ihre Lyrik für dich entdeckt, und warum gerade jetzt dieses Projekt?

Anna Margolina:
Mit Jiddisch habe ich mich auf musikalischem Wege vor 10 Jahren angefangen zu beschäftigen, als ich die Stimme von Chava Alberstein entdeckte. Auch wenn es die Sprache meiner Ur-Großeltern ist, habe ich sie selbst nie erlebt, außer ganz nebenbei im Klezmer. Und da hatte ich zugegeben große Vorbehalte. In meiner Familie waren alle „Klassiker“ und hatten keinen Zugang zur Folklore, Jazz blieb auch außen vor. Das ist kein Snobismus, sondern einfach meine Prägung und natürlich auch das politische Klima, in dem wir lebten. Wir verehrten Shalom Aleichem und liebten Anatevka, aber darüber hinaus ging es nie. Alberstein zeigte mir eine ganz neue Welt und als ich in eins ihrer Booklets mit Songtexten schaute, entdeckte ich plötzlich meinen eigenen Namen, bei dem ein Buchstabe fehlte: Anna Margolin. So fing die Reise an.

Bei meiner Recherche bin ich übrigens auf ganz fantastische Klezmer-Aufnahmen gestoßen, dafür ist mein Freund und Kollege Yuriy Gurzhy mit seiner überbordenden Vinyl-Sammlung verantwortlich. Oft lehnen wir etwas ab, weil wir es nicht richtig kennen - davon bin ich selbst nicht befreit und es ist gleichzeitig ein Leitmotiv meiner Projekte geworden.

jazz-fun.de:
Die Texte entstanden im New York der 1920er Jahre, handeln aber von Themen, die heute erstaunlich aktuell wirken: weibliche Identität, Zugehörigkeit, Liebe. Was hat dich an dieser Poesie besonders berührt?

Anna Margolina:
Leider konnte ich die Gedichte nicht im Original lesen, sondern nur als Transliteration, sodass ich zumindest die Sprachmelodie und die Inhalte mitbekommen habe. Dann entdeckte ich die tollen Englisch-Übersetzungen von Maia Evrona, die ich für meine Songs verwenden durfte. Was mich bei Margolins Lyrik berührt, ist die Melancholie, mit der ich mich total identifizieren kann - bei „Shadows“ z.B. beschreibt sie das Gefühl des Zurückgelassen-Seins.

Anna Margolina - Song Of A Girl
Anna Margolina - Song Of A Girl, Foto: Dovile Sermokas

jazz-fun.de:
Dass Rosa Lebensboim unter einem Pseudonym schrieb, weil Frauen als Dichterinnen nicht ernst genommen wurden, verleiht dem Projekt eine zusätzliche politische Dimension. Spielt dieser Aspekt für dich eine bewusste Rolle?

Anna Margolina:
Die Vertonungen sind aus einem inneren Impuls entstanden - aber es ist bezeichnend, dass wir als Frauen und als Künstlerinnen nach wie vor noch nicht die Anerkennung bekommen, die wir verdienen. Das Thema ist nach 100 Jahren nicht verjährt. Statt mit Manifesten bin ich mit Musik unterwegs und freue mich, eine weitere Frauenfigur ins Zentrum zu rücken. Zudem sehe ich eine noch viel wichtigere Mission: wenn künstlerische Werke nicht immer wieder aufgegriffen werden, gehen sie mit der Zeit verloren.

jazz-fun.de:
Deine Musik verbindet Jazz mit Folk, Soul und elektronischen Elementen. Wie hast du den passenden musikalischen Raum für diese sehr intime und sprachlich dichte Lyrik gefunden?

Anna Margolina:
Damals, also vor 10 Jahren, hatte ich ein Ensemble mit dem Berliner Komponisten und Musiker Ruben Giannotti - er arrangierte zwei jiddische Volkslieder auf unsere Jazzbesetzung um, dann schrieben wir drei weitere Songs auf die Texte von Margolin. Das klang wahnsinnig schön, man könnte es modern jazz nennen - kammermusikalisch, intelligent, sehr melodiös. In meiner Band gab es einen Besetzungswechsel und die Kollegen fanden die jiddischen Songs toll, arbeiteten die Arrangements weiter aus und wollten mehr davon spielen. Als der Bassist Paul Kleber dazukam, brachte er ganz neue Ansätze mit ein - wir schrieben zusammen, er arrangierte und produzierte die Songs, die wir dann im Quartett einspielten: mit Arseny Rykov am Piano und Martin Krümmling an den Drums. Es wird auch mehrstimmig gesungen! Ich habe großes Glück mit diesem Ensemble, das für die Musik brennt und sie immer wieder auf ein neues Level bringt.

jazz-fun.de:
Nach deinem Debütalbum One Endless Night gehst du diesmal noch weiter zurück in deine eigene Familiengeschichte. Was hat diese Reise zu deinen Ur-Großeltern in dir ausgelöst?

Anna Margolina:
Ehrlich gesagt sind das nach wie vor zwei unterschiedliche Welten - die meiner Familie und die auf der Bühne. Ich habe bei diesem Projekt bewusst viel recherchiert, mit Wissenschaftler:innen gesprochen, einen Buchclub in Berlin besucht, in dem junge Menschen einander vorlesen, habe festgestellt, dass Jiddisch weiterlebt und sich langsam freimacht von dem tragischen Teil der Geschichte. Es wird immer mitschwingen, aber da ist noch viel mehr.

jazz-fun.de:
Jiddisch ist für viele Menschen eine verlorene oder fremde Sprache. Wie gehst du damit um, diese Sprache musikalisch neu hörbar zu machen – auch für ein Publikum ohne jiddische Sprachkenntnisse?

Anna Margolina:
Das deutschsprachige Publikum macht es mir leicht - wenn ich von Englisch auf Jiddisch wechsle, bekomme ich zwar jedes Mal ein mulmiges Gefühl, dass ich mitten im Jazzkonzert die „Norm“ verlasse, aber die Sprachmelodie erinnert wohl ganz automatisch an das Deutsche und im Saal wird es still, weil alle zuhören. Ganz eigenartig, denn bei Jazz auf English zieht der Text regelrecht an uns vorbei und es besteht kein Anspruch, ihn zu verstehen.

jazz-fun.de:
Auf dem Album finden sich erstmals auch eigene Kompositionen. Wie unterscheiden sich diese Stücke im Ausdruck von den Vertonungen der Gedichte – oder gehen beide Ebenen ineinander über?

Anna Margolina:
Meine eigenen Songs sind dort verwurzelt, wo meine Ohren aufgewachsen sind: neben Bach bekam ich mit der Muttermilch auch Beatles, Queen und The Police, später Michael Jackson, Stevie Wonder und Lauryn Hill, dann Amy Winehouse - und das kommt alles durch, wenn ich selbst schreibe.

jazz-fun.de:
Wenn du dir wünschst, dass Hörer:innen dein neues Album mit einem Gefühl verlassen: Welches wäre das – und warum gerade dieses?

Anna Margolina:
Leichtigkeit. Die suche ich selbst, wenn ich Musik höre oder spiele. Als wir die Songs geschrieben und aufgenommen haben, waren wir sehr im Prozess und hatten große Lust auf das Projekt. Für uns war es im Kollektiv auch sehr leicht mit einander. Das ist nicht selbstverständlich und ich glaube, dass es sich auch in der Musik widerspiegelt.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Dovile Sermokas

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