Rezension des Albums "Song Of A Girl" von Anna Margolina
Anna Margolina
Song Of A Girl
Erscheinungstermin: 26.06.2026
Label: XJazz!, 2026
Manche Gedichte warten Jahrzehnte auf die Stimme, die sie endlich wieder zum Atmen bringt.
Manchmal genügt ein Name, um eine Verbindung über Jahrzehnte hinweg herzustellen. Mit Song Of A Girl schlägt Anna Margolina eine Brücke zu der jiddischen Dichterin Anna Margolin (1887–1952). Was beide verbindet, ist nicht nur der Name oder die Herkunft aus dem heutigen Belarus, sondern auch die Suche nach Identität, Zugehörigkeit und einer eigenen künstlerischen Sprache.
Die aus einer traditionellen jüdischen Familie stammende Rosa Lebensboim emigrierte Anfang des 20. Jahrhunderts nach New York und veröffentlichte ihre Gedichte unter dem Pseudonym Anna Margolin. Ihre Texte waren so kraftvoll und selbstbewusst, dass manche Literaturkritiker ihrer Zeit überzeugt waren, sie könnten nur von einem Mann geschrieben worden sein. Gerade diese Geschichte verleiht dem Album eine zusätzliche Tiefe. Die Gedichte werden hier nicht lediglich vertont – sie erhalten eine neue Stimme und eine neue Gegenwart.
Musikalisch bewegt sich Song Of A Girl zwischen Jazz, Folk, Soul und dezenten elektronischen Klangfarben. Diese unterschiedlichen Einflüsse verschmelzen zu einer organischen Klangsprache, die den poetischen Charakter der Texte unterstreicht, ohne ihn jemals zu überdecken. Statt stilistische Grenzen zu betonen, lässt Anna Margolina die Musik frei atmen und schafft einen Raum, in dem Literatur und Klang auf natürliche Weise zusammenfinden.
Besonders bemerkenswert ist, dass erstmals auch eigene Kompositionen der Sängerin zu hören sind. Gemeinsam mit dem Bassisten Paul Kleber entwickelt sie Musik, die sich harmonisch in das Gesamtkonzept einfügt. Unterstützt von Arseny Rykov am Klavier und Martin Krümmling am Schlagzeug entsteht ein Ensemble, das sich ganz in den Dienst der Lieder stellt. Die Musiker begleiten nicht nur – sie hören zu, reagieren und gestalten mit großer Sensibilität.
Im Mittelpunkt steht dabei stets Anna Margolinas außergewöhnliche Stimme. Ihr feines Gespür für Phrasierung, ihre natürliche Ausdruckskraft und ihre Fähigkeit, Emotionen mit großer Zurückhaltung zu vermitteln, verleihen jedem Lied eine besondere Intensität. Die Instrumentalisten schaffen dafür den idealen Rahmen und setzen mit geschmackvollen Solopassagen immer wieder kleine musikalische Akzente, ohne den Fluss der Erzählung zu unterbrechen.
Was dieses Album letztlich so besonders macht, ist seine innere Geschlossenheit. Kompositionen, Arrangements und Interpretation greifen so selbstverständlich ineinander, dass Musik und Poesie zu einer untrennbaren Einheit werden. Song Of A Girl ist keine Sammlung einzelner Stücke, sondern ein zusammenhängendes künstlerisches Werk, das von Anfang bis Ende seine eigene Atmosphäre bewahrt.
Es ist ein Album voller Schönheit, Sensibilität und literarischer Tiefe. Anna Margolina gelingt es, einer außergewöhnlichen Dichterin eine neue Stimme zu geben und gleichzeitig ihre eigene umso deutlicher hörbar zu machen. Ein Werk, das lange nach dem letzten Ton nachklingt.
(Jacek Brun, 30.06.2026)
Besetzung
Anna Margolina - vocals
Arseny Rykov - piano
Paul Kleber - bas
Martin Krümmling - drums
Titelliste
- Di Goldene Pave
- In The Snow
- Song Of A Girl
- Glance
- Shadows
- Yingling
- You Woke Me Up
- Dance
- Daisies
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