Zwischen Alter Musik und freier Improvisation
Marlo Thinnes spricht im Interview über das Projekt VENEREM, den Mut zum klanglichen Risiko, Improvisation als kompositorisches Prinzip und das Album „Strike“ – ein lebendiger Dialog zwischen Purcell, Jazz und zeitgenössischer Freiheit.
Ein Interview von Jacek Brun
jazz-fun.de:
Marlo, Venerem bewegt sich zwischen Barock, Renaissance, Jazz und freier Improvisation. Was war der ursprüngliche Impuls, historische Musik auf diese Weise neu zu befragen?
Marlo Thinnes:
Meine Frau gab mir den Impuls. Nach vielen Konzerten – teils auch mit prominenten Barockensembles – bekam sie Lust, auszubrechen und etwas Eigenes zu machen. Allerdings wusste sie zunächst nicht, in welche Richtung das Ganze gehen sollte. Eine Freundin machte sie auf Improvisations on Purcell aufmerksam, eine Aufnahme des Ensembles L’Arpeggiata von Christina Pluhar. Das brachte ihr Klarheit – und mir die Herausforderung, mich von dieser Quelle zu lösen und etwas Eigenes, etwas Neues zu kreieren, natürlich auf modernen Instrumenten.
Also machte ich mich an die Arbeit, nicht unbedingt überzeugt davon, dass es etwas werden würde. Ich bin klassischer Pianist und beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit der Geisteswelt der größten Meister. Das prägt – und macht kritisch gegenüber allem.
Hätte mich meine Arbeit nicht überzeugt, wäre alles im Papierkorb verschwunden.
jazz-fun.de:
Die Besetzung mit Sopran, Klavier, E-Bass und Schlagzeug ist ungewöhnlich. Wie hat sich diese Konstellation entwickelt, und welche klanglichen Freiheiten eröffnet sie euch?
Marlo Thinnes:
Als es darum ging, VENEREM zu besetzen, spürte ich, dass es wichtig ist, keine klassisch ausgebildeten Musiker anzufragen. Es brauchte andere Einflüsse, andere Klangfarben, freche Ideen und den Mut, außerhalb des Textes zu spielen.
Einen guten Freund, leidenschaftlicher Bassist, mit dem ich Mitte der Neunziger viel gespielt habe, traf ich nach langer Zeit wieder in Saarbrücken. Wir verbrachten einen sehr angenehmen Abend miteinander, und ich erzählte ihm von diesem neuen Projekt. Er war sofort dabei, brachte Vorschläge für Stücke ein, und wir vereinbarten die erste Probe.
Damals gab es keine Arrangements – nur die Lust, gemeinsam etwas zu versuchen. Gesang, Klavier und Bass beziehungsweise Kontrabass. Improvisation auf Alte Musik, die naturgemäß viel Raum für freies Spiel lässt. Ein Percussionist kam etwas später dazu. Hätte mein Kumpel Panflöte oder singende Säge gespielt – wer weiß, vielleicht wäre dieses Instrument heute Bestandteil von Venerem.
VENEREM hat sich dann schon bald nach der Gründung, ersten Konzerten und der geplanten Studioaufnahme neu formiert. Das war ein schmerzlicher Prozess, aber notwendig.
Mit Simon Zauels haben wir den perfekten Musiker gefunden: ein großer Virtuose am E-Bass, mit hoher kammermusikalischer Sensibilität und großer Lust auf dieses verrückte Abenteuer. Durch ihn kam der luxemburgische Jazzschlagzeuger Michel Meis dazu. Er ist vielleicht der unberechenbarste und freigeistigste von uns – ein Erschaffer von Groove und Atmosphäre. Immer anders, immer interessant. Ich liebe die beiden für das, was sie machen.
jazz-fun.de:
Ihr behandelt Werke von Purcell, Vivaldi oder Händel nicht museal, sondern sehr lebendig. Wie findet ihr die Balance zwischen Respekt vor dem Original und dem Mut zur Veränderung?
Marlo Thinnes:
Indem wir nicht darüber nachdenken und uns von der Musik an die Hand nehmen lassen. Diese Herangehensweise, gepaart mit eigenen Ideen, die irgendwann die Führung übernehmen, bringt viel Schönes hervor.
Nie standen Regeln, Traditionen oder andere Begrenzungen im Raum. Das ist ein Luxus, den sich bei VENEREM alle Beteiligten gönnen.
jazz-fun.de:
Improvisation spielt auf „Strike“ eine zentrale Rolle, fügt sich aber ganz selbstverständlich in die Struktur ein. Wie entsteht dieser Übergang zwischen Notiertem und freiem Spiel?
Marlo Thinnes:
Um Zusammenhalt und Verbindung zu schaffen, arbeite ich in meinen Arrangements immer mit Motivik: Verwandtschaften, Umkehrungen, Augmentation, Diminution und Ähnliches.
So entsteht ein Organismus, der wie aus einem Guss wirkt, es aber natürlich nicht ist. Das ist reizvoll und spiegelt ansatzweise alte Kompositionstechniken wider.
Michel nimmt das alles in seine percussive Begleitung auf – Dinge verbinden sich dann ganz von selbst und wachsen zusammen.
jazz-fun.de:
Besonders spannend ist der Dialog zwischen der Sopranstimme und den Instrumenten. Wie arbeitet ihr mit Laureen Stoulig-Thinnes an dieser Verschmelzung von Stimme und Ensembleklang?
Marlo Thinnes:
Wir mussten einiges ausprobieren, bis wir eine klangliche Verquickung hinbekommen haben. Geschriebenes lag manchmal in der falschen Lage. Dann haben Bass und Klavier Stimmen getauscht, neu justiert und angepasst.
Den Bass in höchstmöglicher Lage als wohlklingenden Kontrapunkt zum Sopran einzusetzen, ist etwas Besonderes. Normalerweise ist das Instrumenten vorbehalten, die deutlich höher spielen. Aber es funktioniert.
Mittlerweile wissen wir, in welchen Lagen die Instrumente im VENEREM-Kontext spielen müssen, um eine dichte und gut klingende Textur zu erzeugen.
jazz-fun.de:
Eure Musik entzieht sich klaren Kategorien und vermeidet bewusst den Begriff „Crossover“. Welche musikalische Haltung steckt hinter diesem Ansatz?
Marlo Thinnes:
Es gibt keine Haltung. Wir sind vier Musiker, die Lust haben, ihr Können aus verschiedenen musikalischen Sphären zu vereinen, um gute Musik mit individueller Eigenheit zu machen. That’s it.
jazz-fun.de:
Im letzten Teil des Albums reflektiert ihr selbst über Musik, Interpretation und künstlerische Haltung. Warum war es euch wichtig, diesen persönlichen Zugang mit auf das Album zu nehmen?
Marlo Thinnes:
Venerem – oder Musik, Kunst im Allgemeinen – lässt sich besser rezipieren, wenn man versteht, worum es geht und was dahinter steckt, nachdem sich der erste Eindruck verflüchtigt hat.
Wir glauben, dass dieser Talk am Ende für diejenigen, die es interessiert, durchaus spannend sein kann.
jazz-fun.de:
Was bedeutet der Titel „Strike“ für dich – musikalisch, emotional oder auch als künstlerisches Statement?
Marlo Thinnes:
„Strike“ ist ein Synonym für den Ball, der durchgeht – der perfekte Wurf des Pitchers beim Baseball. Dass eines unserer Purcell-Stücke den gleichen Namen trägt – wenn auch in anderem Kontext – das Album eröffnet und gleich zu Beginn einen fulminanten Auftakt hinlegt, der unseren Anspruch definiert, macht den Albumnamen für uns schlüssig.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
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