Die polnische Band O.N.E. über ihr neues Album „Well, actually…“, künstlerische Demokratie und die Kraft weiblicher Perspektiven im Jazz.
Das polnische Quartet O.N.E. ist längst kein Geheimtipp mehr – ihre energiegeladenen, zugleich lyrischen und kompromisslos ehrlichen Auftritte haben europaweit Aufmerksamkeit erregt. Mit „Well, actually…“ veröffentlicht die Band ihr drittes Album, das zwischen kollektiver Improvisation, poetischen Melodien und experimenteller Offenheit oszilliert. Im Interview sprechen die Musikerinnen über den besonderen Entstehungsprozess, die Zusammenarbeit mit dem renommierten Label April Records, ihre Erfahrungen auf internationalen Festivals und darüber, wie künstlerische Freiheit und gesellschaftliche Verantwortung in ihrer Musik zusammenfinden.
Monia Muc - Saxophon
Kateryna Ziabliuk - Klavier
Kamila Drabek - Kontrabas
Patrycja Wybrańczyk - Schlagzeug
jazz-fun.de:
Euer neues Album trägt den Titel „Well, actually…“. Woher kam die Idee für diesen Titel und welche Bedeutung hat er für Euch?
O.N.E.:
Der Titel „Well, actually…“ stammt von einer Komposition von Kateryna Ziabliuk mit demselben Namen. Ursprünglich sollte er nur provisorisch sein, doch schnell stellte sich heraus, dass er kaum zu übertreffen ist. Mit der Zeit begann der Slogan ein Eigenleben zu führen, und jede von uns interpretierte ihn anders: mal war er ein erfrischend frecher Gestus, ein anderes Mal ein Manifest der Präsenz in einem völlig anderen Licht, als andere uns sehen. Manchmal wirkte er wie ein leichter, augenzwinkernder Unsinn.
All diese Bedeutungen vereinigten sich schließlich in einem: Wir sind tatsächlich zu immer mehr fähig. Wir haben Pläne, wir sind mutig, sensibel und schön. Wir schätzen uns gegenseitig – und tragen diese Energie mit Freude in die Welt hinaus.
jazz-fun.de:
Seit Eurem vorherigen Album „Entoloma“ sind fast drei Jahre vergangen. Wie hat sich Eure Musik und Euer gemeinsames Spiel in dieser Zeit verändert?
O.N.E.:
Ja, es sind schon drei Jahre! Und seitdem hat sich viel getan :) Vor allem durften wir Kateryna Ziabliuk in unserem Ensemble willkommen heißen, die mit ihrem wunderschönen Klavierspiel und großartigen Kompositionsideen viel eingebracht hat. Unsere Musik reift gemeinsam mit unserem persönlichen Wachstum. Jede von uns entwickelt sich ständig weiter, erkundet neue Horizonte, sucht Inspirationen. Mit jedem Konzert, jeder Probe und jeder Aufnahme kommen wir uns als Künstlerinnen und Frauen näher.
jazz-fun.de:
Ihr habt im legendären Studio S4 in Warschau aufgenommen. Wie hat dieser Raum den Klang und die Atmosphäre der Session beeinflusst?
O.N.E.:
Das Studio S4 des Polnischen Rundfunks in Warschau ist tatsächlich ein legendärer Ort, an dem regelmäßig großartige polnische und internationale Künstler*innen zu Gast sind, die Musikgeschichte geschrieben haben. Jede Gelegenheit, in diesem Raum zu arbeiten, ist für uns ein großes Vergnügen – die Akustik und die technische Unterstützung des Teams sind dort auf höchstem Niveau. S4 ist ein großartiger Saal, in dem man den natürlichen, warmen Klang akustischer Ensembles einfangen kann. Abgerundet wurde unsere Session durch den wunderbaren Piotr Taraszkiewicz, der im Regieraum über den gesamten Prozess wachte und den Klang jedes Instruments im Blick hatte. Wir sind stolz, dass wir mit unserer dritten Platte ein weiteres Kapitel zur Geschichte dieses Studios beitragen konnten.
jazz-fun.de:
Jede von Euch bringt eigene Kompositionen und Ideen in die Band ein. Wie sieht der Entscheidungs- und Arrangierprozess in einer demokratisch strukturierten Gruppe aus?
O.N.E.:
Jedes Mal, wenn eine von uns eine neue Komposition oder einen Keim einer Idee einbringt, stellt sie ihre Vorstellung von der Ausführung vor. Im Prozess kann dann jede etwas hinzufügen – wir suchen nach einem gemeinsamen Klang, nach interessanten, unkonventionellen Lösungen. Es ist großartig, in einem demokratischen Ensemble zu arbeiten, in dem Engagement und Verantwortung auf jede von uns verteilt sind.
jazz-fun.de:
Könnt Ihr von einem Moment während der Arbeit am Album erzählen, in dem kollektive Improvisation Euch selbst überrascht und der Musik eine neue Richtung gegeben hat?
O.N.E.:
Bei der ersten Probe zur Vorbereitung der Aufnahme machten wir Improvisations- und Kollektivübungen. Ich denke, dass wir dabei einige spannende Lösungen und Ideen gefunden haben. Wir haben ein System entwickelt, uns gegenseitig zuzuhören und auf die musikalische Richtung zu reagieren – so kommen manchmal neue Dinge ohne verbale Kommunikation zustande. Wir fließen gemeinsam mit unserer Musik.
jazz-fun.de:
Im Stück [solo form] tritt eine von Euch solistisch auf, und doch ist das ganze Ensemble präsent – wie habt Ihr diese Balance zwischen Individualität und Gemeinschaft gefunden?
O.N.E.:
[solo form] ist meine Komposition (Patrycja Wybrańczyk), die in Form einer einfachen grafischen Partitur de facto als Solovorlage dient. Darin finden sich drei Zeichnungen, die den Verlauf von Phrasen unter Berücksichtigung von Artikulation und Dynamik darstellen. Trotz der hörbaren Freiheit und Offenheit folgen wir einem sehr konkreten Schema – eine spannende Verbindung von freejazziger, experimenteller Ausdruckskraft und geordnetem System. Ich selbst arbeite sehr gerne mit Zeichnungen oder füge solche Elemente zu notierten Kompositionen hinzu. Das öffnet die Vorstellungskraft und erlaubt es manchmal, sich von den gewohnten musikalischen Reaktionen „von der Leine zu lassen“.
jazz-fun.de:
Eure Musik balanciert zwischen modaler Lyrik und der Energie des Free Jazz. Wie bewusst erarbeitet Ihr diesen Balanceakt, und wie viel überlasst Ihr Zufall und Intuition?
O.N.E.:
Oft haben wir eine Skizze, einen Rahmen oder Kontext für die Improvisation. Das können Formen sein, aus denen wir heraustreten oder in denen wir bleiben, konzeptionelle Ansätze, Zeichnungen oder die Reihenfolge der Stücke bei Konzerten – mit dem Bewusstsein, wohin wir gerade wollen. Dieser Dualismus ist charakteristisch für unseren Sound, wir wollen uns bewusst nicht von einer Seite lösen, denn in dieser Vielfalt finden wir Platz für jede von uns, für unterschiedliche Inspirationen und Ziele. Ein wesentlicher Faktor ist auch der Ort des Konzerts und das Publikum – je nach Energie und Reaktion zieht es uns in verschiedene Richtungen, ob in einem großen Konzertsaal oder in einem intimen Club. Hinzu kommen unsere Erfahrungen aus anderen Bands oder eigenen musikalischen Projekten. Es ist eine Musik, die keine Angst vor Freiheit hat, aber auch nicht vor lyrischen Melodien und Formen.
jazz-fun.de:
In Beschreibungen Eures Sounds tauchen Begriffe wie „Vertrauen“, „gemeinsame Sprache“ und „tiefes Zuhören“ auf. Was bedeuten sie für Euch in der musikalischen Praxis?
O.N.E.:
Ich bin überzeugt, dass wir auf unseren Instrumenten einen Klang erzeugen, der unseren Charakteren entspricht. Unser rein weibliches Ensemble funktioniert, weil wir uns auch im Alltag mit Respekt, Freundschaft, Bewunderung, Unterstützung und eben Vertrauen begegnen. Jede von uns ist ein wunderbarer Mensch – und wenn wir zusammenspielen, wird diese Energie im gemeinsamen Klang und gegenseitigen Zuhören hörbar.
jazz-fun.de:
Wie beeinflusst die aktuelle gesellschaftliche und politische Situation in Polen Eure Kunst – findet Ihr in der Musik eine Form des Kommentars oder eher eine Flucht?
O.N.E.:
Das ist ein Thema, das oft in unseren Gesprächen auftaucht – manchmal im positiven, manchmal im schwierigen Kontext. Wir sind betroffen von Veränderungen bei Förderungen, musikalischen Trends, Publikumserwartungen oder der Wahrnehmung von Frauen auf der Bühne. Ebenso beeinflussen alltägliche Bedürfnisse und Lebensveränderungen unseren Weg. Deshalb sind wir flexibel, aber bestimmt. Wenn sich eine Tür schließt, sehen wir sofort eine andere, die offensteht. Besonders schätzen wir die Möglichkeit, offen über das zu sprechen, was uns wichtig ist: über Krieg und Frieden, Migration, Weiblichkeit, Männlichkeit oder kindliche Leichtigkeit.
Musik gibt uns die Freiheit, unsere eigenen Geschichten zu erzählen – nostalgisch, witzig, schön oder schwierig, aber immer unsere. Das schätzen wir sehr und stellen es über jede Form. Wir verletzen unsere Prinzipien nicht: Wir spielen nicht dort, wo wir nicht willkommen sind, wir schaffen nichts nur, um zu beeindrucken, wir sagen nichts gegen unsere Überzeugungen. Auch wenn das bedeutet, dass wir in manchen Kreisen weniger Aufmerksamkeit bekommen – wir stehen gemeinsam dafür ein und wissen, dass viele uns gerade dafür unterstützen.
jazz-fun.de:
Ihr habt bereits auf vielen europäischen Festivals gespielt, u.a. Jazzahead, B-Jazz, Umeå oder Edinburgh Jazz & Blues Festival. Welche Erfahrungen nehmt Ihr aus der Begegnung mit internationalem Publikum mit?
O.N.E.:
Das hat uns unglaublich viel Rückenwind und Inspiration gegeben. Keine Sekunde lang verspürten wir Angst oder Einschüchterung, die manchmal mit Reisen ins Unbekannte einhergehen – im Gegenteil. Mit jedem weiteren internationalen Auftritt erleben wir ehrliche Begeisterung und Unterstützung, als würden wir Teil einer großen, freundlichen Familie werden.
Die Gespräche mit dem Publikum und anderen Künstler*innen sind für uns ebenso wichtig – die Leute fragen nach unseren Anfängen, unserer Arbeitsweise, unserem Blick auf verschiedene Szenen. Das ist inspirierend, denn unbekannte Umstände zwingen zu neuen Kommunikationsformen. Dadurch lernen wir uns selbst besser kennen, sprechen anders von der Bühne – und jedes Reiseerlebnis frischt unser Spiel und unser Denken auf.
jazz-fun.de:
Euer Album erscheint beim dänischen Label April Records, das in Europa großes Ansehen genießt. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was bedeutet es für Euch, Teil dieses Labels zu sein?
O.N.E.:
Wir freuen uns sehr, Teil des Katalogs von April Records zu sein. Das erste Kennenlernen fand auf der Musikmesse Jazzahead in Bremen statt, dort begannen auch die Gespräche. Ich denke, unsere wachsende Präsenz auf internationalen Bühnen hat zu dieser Zusammenarbeit beigetragen. Auch private Pläne einzelner Bandmitglieder – einige von uns haben in Dänemark (RMC in Kopenhagen) und Norwegen (NMH in Oslo, INTL Jazz Platform) studiert – führten uns in die Heimat von April Records.
Wir möchten diese Zusammenarbeit nutzen, um noch mehr internationale Hörer*innen zu erreichen. Und wir hoffen, dass die Zukunft auch neue Richtungen bringt, in die wir mit unserer Musik reisen können.
jazz-fun.de:
Welche künstlerischen Pläne habt Ihr nach der Veröffentlichung von „Well, actually…“ – stehen Tourneen, neue Projekte oder bereits Ideen für weitere Aufnahmen an?
O.N.E.:
Wir sind ständig aktiv. Für 2026 planen wir eine Tour durch Polen und ins Ausland. Wir suchen immer nach neuen und aufregenden Ideen. Jedes gemeinsame Abenteuer ist einzigartig, deshalb freuen wir uns sehr, dass Ihr bald unser neues Album hören könnt. Wir sehen uns auf den Konzerten – kommt mit auf unsere musikalische Reise!
Aktuelles Album: Well, actually…
Website:
https://onemusic.com.pl/
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