Ein neues musikalisches Statement zum 100. Geburtstag
Jason Miles: „Ich wollte kein Tribut – ich wollte ein Statement“
Es gibt Alben, die klingen wie ein Abschied. „100 Miles for Miles Davis“ von Jason Miles klingt wie das Gegenteil: wie eine Begegnung. Wie das Aufschlagen eines Notizbuchs, das jahrzehntelang in der Jackentasche lag – vollgeschrieben mit Melodien, Farben und Erinnerungen, die nun endlich Luft bekommen.
Jason Miles war nicht irgendein Mitstreiter von Miles Davis. Er war derjenige, der auf den Alben „Tutu“ (1986), „Siesta“ (1987) und „Amandla“ (1989) die elektronischen Texturen webte, die Miles Davis’ Spätwerk so unverwechselbar machten. Davis selbst nannte ihn ein „Synthesizer-Genie“ – ein Titel, den Miles bekanntlich nicht leichtfertig vergab.
Nun, zum 100. Geburtstag des Trompeters am 26. Mai 2026, legt Miles seine musikalische Antwort vor – und sie ist bezeichnenderweise keine Coversammlung, kein nostalgisches Aufwärmen alter Sounds. Stattdessen: acht neue Originalkompositionen, eingespielt mit einem Ensemble der Extraklasse, darunter Randy Brecker, Russell Gunn, Jeff Coffin und Vinnie Colaiuta. Aufgenommen in Portugal, wo Miles heute lebt und arbeitet.
Wir haben Jason Miles getroffen und mit ihm über das Album, seine Zeit mit Davis, und die Frage gesprochen, wie man ein Erbe ehrt, ohne sich darin zu verlieren.
jazz-fun.de:
Jason, „100 Miles for Miles Davis“ fühlt sich sehr persönlich an, klingt aber nie nach Nostalgie. Wann wurde dir klar, dass Miles Davis’ 100. Geburtstag nicht nur einen Tribut verdient, sondern ein vollkommen eigenes musikalisches Statement?
Jason Miles:
Ich mag das Wort Tribut ehrlich gesagt nicht. In meiner 53-jährigen Karriere habe ich immer versucht, etwas Eigenständiges zu schaffen. Wenn ich auf meine Alben der letzten 35 Jahre zurückblicke, dann habe ich stets einen frischen Ansatz gesucht – egal, ob bei eigenen Produktionen oder bei Studioarbeiten. Das gilt auch für „Miles to Miles“ von 2005. Jetzt, wo ich in Portugal lebe, wollte ich ein starkes, eigenständiges Statement zum 100. Geburtstag machen. Ich erkenne den Anlass, aber ich feiere ihn auf meine eigene Weise. Genau so, wie er es auch gewollt hätte.
jazz-fun.de:
Du hast eng mit Miles Davis an wegweisenden Alben wie „Tutu“, „Amandla“ und „Siesta“ zusammengearbeitet. Welche musikalische Lektion, die er dir mitgegeben hat, war für die Entstehung dieses Albums am prägendsten?
Jason Miles:
Das ist eine leichte Frage: Suche immer nach etwas Neuem. Ruh dich nicht auf vergangenen Erfolgen aus. Such dir dein nächstes kreatives Abenteuer. Wiederholung wird sehr schnell sehr langweilig.
jazz-fun.de:
Das Album bewegt sich klanglich im Universum von Miles’ elektrischer Periode – geschichtete Synthesizer, Groove-orientierte Strukturen, cinematische Texturen. Wie bist du an diesen Sound herangegangen, ohne einfach die Vergangenheit zu rekonstruieren?
Jason Miles:
Ich habe die drei Alben, die ich damals mit Miles und Marcus Miller gemacht habe, seit Langem nicht mehr gehört. Die Musik und die Erfahrungen sind noch in mir, sie sind ein Teil von mir – aber alles hat sich verändert. Ich habe keines der Instrumente mehr, die ich damals benutzt habe. Mein Ansatz beim Komponieren ist ein anderer geworden, und auch die Klänge, die ich verwende, sind andere. Der Einfluss dieser Musik steckt in mir, weil sie so tief verwurzelt ist – aber meine Vision für die Tracks hier hatte eine breitere Palette. Ich habe mir Zeit gelassen, die richtigen Klänge zu finden.
jazz-fun.de:
Die Kompositionen auf dem Album sind Originale und keine Neuinterpretationen aus Miles’ Katalog. Warum war es dir wichtig, seinen Geist durch neue Musik zu ehren, statt bekanntes Material neu zu deuten?
Jason Miles:
Ich würde nie zurückgehen und einen seiner Songs aufnehmen. Ich höre Musik einfach nicht in diesem Kontext. Einmal habe ich das gemacht – mit „Flamenco Sketches“ auf meinem Album „Miles to Miles“. Ich spürte, dass ich damit etwas Interessantes schaffen konnte. Aber das war eine Ausnahme. Er würde nicht erwarten, dass ich in die Vergangenheit greife. Die großartigen Musiker, die diese Musik damals gemacht haben, sind nicht mehr unter uns – und sie haben diese Stücke zur Perfektion gespielt. Live spiele ich allerdings ein paar seiner Songs, weil ich Freude daran habe.
jazz-fun.de:
Miles Davis bewegte sich immer vorwärts, schaute nie zu lange zurück. Glaubst du, er hätte ein Album wie dieses geschätzt – eines, das seinen Einfluss anerkennt und trotzdem nach etwas Neuem sucht?
Jason Miles:
Ich kann nur hoffen, dass er es gut gefunden hätte. Ich kann nur hoffen, dass er die Ehrlichkeit in meinem Versuch gehört hätte. Aber ich würde nie nach seiner Zustimmung suchen. Was zählt, ist mein eigener Anspruch an mich selbst. Wer hat sein Album „On The Corner“ damals bejubelt, als es herauskam? Kaum jemand. Die wichtigste Person, die es gut fand, war Miles selbst. Und das reicht. Wenn er daran glaubt, werden andere irgendwann auch hinhören.
jazz-fun.de:
Miles Davis hat dich selbst als „Synthesizer-Genie“ bezeichnet. Technologie und Klangestaltung stehen nach wie vor im Mittelpunkt deiner Musik. Wie hat sich dein Verhältnis zu elektronischen Klängen seit der Tutu-Ära entwickelt?
Jason Miles:
Es hat sich weiterentwickelt, weil sich die Technologie weiterentwickelt hat. 1974 fing ich mit einem Fender Rhodes an. Dann kamen Effekte dazu, dann ein monophoner ARP-Synthesizer. Jedes Jahr brachte Neues: den Prophet V, den Oberheim, die Linn Drum Machine. Ich bin mit der Technologie gewachsen. „TuTu“ war nur möglich, weil Sampling, polyphoner Synthesizer, Drumcomputer und Sequencer endlich reif waren. Heute ist es einfacher, Musik zu produzieren – es gibt unzählige Instrumente und Plugins. Aber die entscheidende Frage bleibt dieselbe: Weißt du, wie man sie einsetzt? Und machst du damit wirklich großartige Musik?
jazz-fun.de:
Auf dem Album sind herausragende Musiker wie Randy Brecker, Russell Gunn, Jeff Coffin und Vinnie Colaiuta zu hören. Was waren die entscheidenden Qualitäten, nach denen du bei der Besetzung gesucht hast?
Jason Miles:
In all den Jahren habe ich das Glück gehabt, außergewöhnliche Musiker kennenzulernen und mit ihnen zu arbeiten. Viele sind zu Freunden geworden – manche kenne ich seit 50 Jahren, andere erst seit einem. Was ich gelernt habe: Halte immer die Augen und Ohren offen. Suche nach den besonderen Talenten. Wenn man in einem musikalischen Umfeld wie New York, Los Angeles oder Nashville gelebt hat, entwickelt man den Instinkt, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das setzt tiefes Wissen voraus – zu wissen, welche Stärken ein Musiker mitbringt und ob er zu einem bestimmten Track passt.
jazz-fun.de:
Das Album hat eine starke Groove-Energie, aber auch emotionale Tiefe und Raum. Wie findest du die Balance zwischen technischer Präzision und emotionalem Erzählen?
Jason Miles:
Ich glaube, das ist einfach das Ergebnis von Zeit, Wachstum und Übung. Es braucht Engagement und Geduld. 1979 habe ich mein erstes Album „Cosmopolitan“ gemacht – mit großartigen Musikern, und ich fand es seiner Zeit voraus. Aber da war noch eine gewisse Unreife. Mit der Zeit hat sich das geändert. Ich spürte das Wachstum und habe mich noch tiefer auf mein Handwerk eingelassen. Heute zu erzählen ist immer noch anspruchsvoll, aber nicht mehr so schwierig – weil ich fokussierter bin und weiß, was ich suche. Und was den Raum betrifft: Man begreift irgendwann, dass Musik den richtigen Raum braucht. Ich bin froh, dass ich das verstanden habe.
jazz-fun.de:
Deine Beziehung zu Miles war nicht nur musikalisch, sondern auch persönlich. Gibt es eine bestimmte Erinnerung an ihn, die beim Komponieren unerwartet wieder aufgetaucht ist?
Jason Miles:
So viele Erinnerungen. Natürlich das erste Mal, als ich ihn getroffen habe. Jeder Song hat eine Geschichte dahinter. „Malibu Midnight Blue“ – ich war in Los Angeles, arbeitete mit Luther Vandross und war nach langen Studiotagen erschöpft. Meine Frau Kathy war gerade zu Besuch. Miles war in New York, aber er überließ uns für einen Tag sein Strandhaus in Malibu, damit wir einfach entspannen konnten. Im Juli 1988 kam er zu uns nach Hause, draußen vor New York, aufs Land. Er verbrachte den ganzen Tag bei uns – ein wunderschöner Sommertag. Wir haben zusammen Boxkämpfe angeschaut, ich war bei seiner 65. Geburtstagsparty im Central Park Boathouse. Und natürlich all die Zeit in den Studios, in denen wir diese drei Alben gemacht haben.
jazz-fun.de:
Was sollen Hörerinnen und Hörer, die Miles Davis’ Spätwerk nicht besonders gut kennen, in diesem Album hören – jenseits des Tributs?
Jason Miles:
Ich hoffe, sie hören die Ehrlichkeit und die Kreativität in der Musik. Ich habe viele Stunden damit verbracht, diese Songs zu gestalten und sicherzustellen, dass alles von höchster Qualität ist. Sie sollen wissen: Ich respektiere das Publikum und will ihm das Beste bieten – von exzellenten Kompositionen und Musikalität bis zu großartigen Mixes und sorgfältigem Mastering. Und sie sollen die Emotion spüren – weil ich weiß, dass ich Teil von etwas war, das Geschichte gemacht hat. Mit einem der größten musikalischen Ikonen der letzten 70 Jahre.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Aktuelles Album:
"100 Miles for Miles Davis" ist das Album eines Mannes, der die Vergangenheit nicht vergessen hat – und sie genau deshalb hinter sich lässt. Jason Miles erweist seinem Freund und Wegbegleiter die vielleicht größte Ehre, die ein Musiker einem anderen erweisen kann: Er macht weiter. Er sucht. Er klingt wie er selbst.
Das Album ist ab sofort erhältlich:
Jason Miles - „100 Miles for Miles Davis“
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