Wo Hoffnung Klang wird – Lakecia Benjamin über „We Dream“

Lakecia Benjamin
Lakecia Benjamin, Foto: Elizabeth Leitzell

Von Jacek Brun

Es gibt Alben, die erzählen Geschichten. Und es gibt Alben, die versuchen, eine Welt zu verändern – nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung.

Mit We Dream legt die Lakecia Benjamin ihr bislang persönlichstes und zugleich gesellschaftlich weitreichendstes Werk vor. Die New Yorker Saxophonistin verbindet Spiritual Jazz, Spoken Word, Hip-Hop, Soul und improvisierte Musik zu einer klanglichen Erzählung, die weit über stilistische Grenzen hinausweist. Wo frühere Alben vor allem biografische Wendepunkte reflektierten, richtet sich ihr Blick diesmal auf die Gegenwart – auf eine Welt voller Unsicherheit, Spaltung und Hoffnung.

Dabei versteht Benjamin Musik nicht als Flucht vor der Realität, sondern als Ort der Begegnung. Gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern wie Terence Blanchard, Hiromi, Chris Potter, Bilal und Chief Xian aTunde Adjuah entsteht ein Werk, das von Gemeinschaft lebt und zugleich jeder einzelnen Stimme ihren eigenen Raum lässt.

Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Lakecia Benjamin über Verletzlichkeit als künstlerische Stärke, über Improvisation als Suche nach Wahrheit, über die Verantwortung von Musik in bewegten Zeiten – und darüber, warum Hoffnung nichts ist, worauf wir warten, sondern etwas, das wir gemeinsam erschaffen.

jazz-fun.de:
Lakecia, We Dream wirkt weniger wie eine Sammlung einzelner Kompositionen als vielmehr wie eine zusammenhängende emotionale Reise. Wann wurde dir bewusst, dass dieses Album zu einem größeren künstlerischen Statement geworden war – und nicht einfach nur dein nächstes Werk?

Lakecia Benjamin:
Ich betrachte keines meiner Alben als „das nächste Album“. Ich mache nur dann eine Platte, wenn ich das Gefühl habe, eine Geschichte erzählen oder etwas ausdrücken zu müssen, das mir wirklich wichtig ist. Jedes Album, das ich geschrieben habe, war gewissermaßen eine Antwort auf das vorherige – fast wie einzelne Kapitel eines Buches. Der Unterschied bei We Dream besteht darin, dass es von meinen persönlichen Erfahrungen und meinen Eindrücken während meiner Reisen rund um die Welt ausgeht. Irgendwann wurde mir klar, dass dieses Album nicht nur dokumentiert, wo ich musikalisch stehe, sondern auch, wo ich mich emotional und spirituell befinde. In diesem Moment wusste ich, dass We Dream zu etwas geworden war, das weit über ein weiteres Album hinausgeht. Es erzählt von einer gemeinsamen Erfahrung – von einem kollektiven und zugleich symbolischen Zusammenkommen von uns allen.

jazz-fun.de:
Du beschreibst dieses Album als „ein helles Licht in einem dunklen Raum“. In einer Zeit, in der Unsicherheit allgegenwärtig zu sein scheint – welche Rolle kann Musik und insbesondere Jazz deiner Meinung nach heute noch spielen?

Lakecia Benjamin:
Ich finde es immer interessant, wenn ich gefragt werde, welche Rolle Musik oder Jazz spielt. Jeder Mensch, den ich kenne, hört Musik – in den unterschiedlichsten Momenten seines Lebens. Wir trainieren mit Musik, lassen sie bei Treffen mit Freunden im Hintergrund laufen, schauen Filme mit Musik, essen mit Musik. Kunst ist ein Teil unseres Alltags.

Wenn viele Menschen an ihren Hochzeitstag zurückdenken, hören sie sofort das Lied, das damals gespielt wurde. Und manchmal läuft ein bestimmter Song im Radio – und plötzlich bist du augenblicklich wieder an dem Ort, an dem du damals warst, und erinnerst dich genau daran, was du in diesem Moment getan hast. Musik erinnert uns daran, dass wir miteinander verbunden sind. Jazz war schon immer eine Musik der Widerstandskraft. Er zeigt uns, wie aus schwierigen Zeiten Schönheit entstehen kann und wie Menschen gemeinsam etwas Sinnvolles erschaffen. Wir leben heute in einer Welt, die unglaublich gespalten ist. Doch wenn Menschen gemeinsam Musik erleben, verschwinden diese Mauern – selbst wenn es nur für eine Stunde ist. Ich hoffe, dass dieses Album die Menschen daran erinnert, dass Hoffnung nichts ist, worauf wir warten. Hoffnung ist etwas, das wir gemeinsam erschaffen.

jazz-fun.de:
Im Gegensatz zu deinen früheren Projekten wirken die Gastmusiker auf We Dream nicht wie prominente Features, sondern wie unverzichtbare Stimmen innerhalb einer gemeinsamen Vision. Wie ist es dir gelungen, dieses Gemeinschaftsgefühl zu schaffen und gleichzeitig deine eigene künstlerische Identität zu bewahren?

Lakecia Benjamin:
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich habe die Musiker nicht einfach eingeladen, weil sie großartige Künstler sind. Ich habe Menschen ausgewählt, deren Stimmen unterschiedliche Facetten der Geschichte repräsentieren, die ich erzählen wollte. Jeder Gast wurde zu einer eigenen Figur innerhalb dieser Erzählung. Ich habe nie erwartet, dass sie so klingen wie ich. Im Gegenteil – ich wollte, dass jeder genau wie er selbst klingt. Ironischerweise wird die eigene künstlerische Vision sogar noch deutlicher, wenn jeder seine authentische Stimme einbringen darf. Denn als Bandleader schaffst du den Raum, in dem all diese unterschiedlichen Stimmen gemeinsam existieren können.

jazz-fun.de:
Deine Musik verbindet seit jeher außergewöhnliche Virtuosität mit einer starken emotionalen Erzählkraft. Hast du beim Komponieren von We Dream eher in Melodien, Geschichten, gesprochenen Worten oder in filmischen Bildern gedacht?

Lakecia Benjamin:
Ehrlich gesagt: an all das. Ich sehe Musik in Bildern. Mein Wunsch war es, die Hörerinnen und Hörer mitten in einen Film hineinzusetzen. Deshalb beginnt das Album mit mir, Terence und dem gesprochenen Wort. So wird das Publikum unmittelbar in denselben Geisteszustand versetzt, in dem ich mich beim Schreiben befand. Auf diese Weise kann das Album so erlebt werden, wie ich es mir vorgestellt habe. Die Musik wurde zum Soundtrack dieser Bilder, während die gesprochenen Texte die emotionalen Räume zwischen ihnen miteinander verbinden.

Lakecia Benjamin
Lakecia Benjamin, Foto: Elizabeth Leitzell

jazz-fun.de:
Das Album bewegt sich mühelos zwischen Spiritual Jazz, groovorientierter Musik, Spoken Word, Hip-Hop-Einflüssen und zeitgenössischer Improvisation. Denkst du überhaupt noch in Genres – oder ist Musik für dich inzwischen eine universelle Sprache geworden?

Lakecia Benjamin:
Ich denke eigentlich nicht mehr in Genres. Ich denke in Wahrhaftigkeit. Ich bin mit Jazz, Hip-Hop, Gospel, Funk, Soul und klassischer Musik aufgewachsen. All diese Einflüsse leben in mir und sind Teil meiner musikalischen Identität. Wenn ich komponiere, frage ich mich nicht, ob etwas zum Jazz oder zum Hip-Hop gehört. Ich frage mich vielmehr, ob es der Geschichte, die ich erzählen möchte, ehrlich dient. Afroamerikanische Musik war für mich schon immer eine gemeinsame Sprache. Die verschiedenen Genres sind letztlich nur unterschiedliche Akzente dieser einen Sprache.

jazz-fun.de:
Nach Pursuance und Phoenix, die beide eng mit prägenden Momenten deines Lebens verbunden sind, scheint We Dream ein weiteres Kapitel aufzuschlagen. Wie hat sich deine künstlerische Stimme in den vergangenen Jahren verändert?

Lakecia Benjamin:
Früher in meiner Karriere wollte ich vor allem beweisen, was ich auf meinem Instrument spielen kann. Heute interessiert mich viel mehr, auszudrücken, was ich fühle. Das sind zwei völlig unterschiedliche Ziele. Ich habe gelernt, Verletzlichkeit zuzulassen. Ich habe gelernt, Stille auszuhalten und darauf zu vertrauen, dass Emotionen oft viel kraftvoller sprechen als reine Komplexität. Ich glaube, dass Reife einem zeigt, dass Authentizität eine weit größere Kraft besitzt als Perfektion.

jazz-fun.de:
Die Spoken-Word-Passagen verleihen dem Album eine bemerkenswerte Intimität. Warum war es dir diesmal wichtig, Worte zu einem so wesentlichen Bestandteil der musikalischen Erzählung zu machen?

Lakecia Benjamin:
Es gab Dinge, die ich mit meinem Saxofon allein nicht ausdrücken konnte. Die Poesie wurde deshalb zu einem weiteren Instrument. Sie öffnet den Zuhörerinnen und Zuhörern eine Tür in die emotionale Welt des Albums, noch bevor die Improvisation ihren Platz einnimmt. Manchmal bereiten Worte das Herz auf das vor, was die Musik anschließend erzählen möchte. Außerdem gibt es dadurch keine sprachliche Barriere mehr zwischen dem, was ich sagen möchte, und dem, was tatsächlich beim Publikum ankommt. Meine Absicht wird unmittelbar verständlich.

jazz-fun.de:
Künstler wie Terence Blanchard, Hiromi, Chris Potter, Bilal oder Chief Xian aTunde Adjuah bringen alle eine unverwechselbare Persönlichkeit in dieses Album ein. Gab es eine Zusammenarbeit, die während des Entstehungsprozesses die Richtung einer Komposition unerwartet verändert hat?

Lakecia Benjamin:
Absolut. Genau das ist das Schöne an echter Zusammenarbeit. Wenn man Künstlerinnen und Künstler dieses Kalibers einlädt – Menschen, die musikalisch ähnlich denken –, dann spielen sie nicht einfach nur auf deiner Musik. Sie verändern sie. Sie verstärken ihre Aussage. Terence bringt eine unglaubliche cineastische Tiefe mit. Hiromi hört Möglichkeiten, die alle anderen im Raum überraschen. Chris fordert mich immer wieder heraus, noch tiefer zu gehen. Bilal verleiht jeder einzelnen Phrase, die er singt, eine außergewöhnliche Menschlichkeit. Und Chief besitzt einen vollkommen furchtlosen kreativen Geist, der jeden Menschen um ihn herum inspiriert und antreibt. Jede einzelne Zusammenarbeit hat die Musik größer werden lassen, als ich sie mir allein jemals hätte vorstellen können.

jazz-fun.de:
Im Laufe deiner Karriere hast du mit Künstlern wie Stevie Wonder, Prince, Alicia Keys, Gregory Porter oder The Roots zusammengearbeitet. Wie haben diese Erfahrungen deine Art beeinflusst, heute eigene Projekte zu leiten?

Lakecia Benjamin:
Jeder einzelne dieser Künstler hat mir etwas anderes beigebracht. Stevie Wonder hat mir gezeigt, dass Großzügigkeit ein wesentlicher Bestandteil wahrer Größe ist. Prince hat mich Disziplin und die kompromisslose Hingabe an die eigene Vision gelehrt. Von Alicia Keys habe ich gelernt, wie wichtig es ist, einen Raum zu schaffen, in dem Ehrlichkeit entstehen kann. Und The Roots haben mir gezeigt, dass Groove genauso tiefgründig sein kann wie Harmonie. Als Bandleaderin versuche ich deshalb, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich Musikerinnen und Musiker so sicher fühlen, dass sie bereit sind, Risiken einzugehen. Denn genau dort entsteht Magie.

jazz-fun.de:
Improvisation steht seit jeher im Zentrum des Jazz. Auf We Dream scheint sie jedoch besonders eng mit Erzählung und Emotion verbunden zu sein. Suchst du beim Improvisieren nach Tönen – oder nach etwas sehr viel Persönlicherem?

Lakecia Benjamin:
Ich würde nicht sagen, dass sie tiefer geht als Improvisation selbst. Improvisation ist bereits etwas zutiefst Bewegendes und Faszinierendes – sie bildet das Fundament, auf dem der Jazz aufgebaut ist. Ich suche niemals nach den richtigen Tönen. Ich suche nach Ehrlichkeit. Technik ist lediglich das Vokabular. Improvisation bedeutet für mich, etwas sichtbar zu machen, das genau in diesem Augenblick zuvor noch nicht existiert hat. Jedes Solo wird zu einem Gespräch – zwischen meinen Lebenserfahrungen, den Musikerinnen und Musikern um mich herum und dem Publikum. Deshalb gleicht keine Aufführung der anderen.

jazz-fun.de:
Das abschließende Stück New World hinterlässt nach einem Album, das sich den dunklen Seiten unserer Zeit stellt, ein Gefühl von Hoffnung. Auf welche Zukunft, glaubst du, weist diese Musik?

Lakecia Benjamin:
Ich wünsche mir eine Zukunft, in der Mitgefühl stärker ist als Angst. Eine Zukunft, in der Menschen einander so zuhören, wie Musiker innerhalb einer Band miteinander kommunizieren. Der Jazz lehrt uns, dass unterschiedliche Stimmen nicht miteinander konkurrieren müssen. Gemeinsam können sie etwas Schönes erschaffen. Genau in diese Richtung wünsche ich mir, dass wir uns als Gesellschaft entwickeln.

jazz-fun.de:
Wenn jemand We Dream in zwanzig Jahren zum ersten Mal hört – was soll diese Person dann nicht nur über die Musik erfahren, sondern auch über Lakecia Benjamin in dieser Phase ihres Lebens?

Lakecia Benjamin:
Ich hoffe, die Menschen hören jemanden, der keine Angst davor hatte, verletzlich zu sein. Jemanden, der daran geglaubt hat, dass Musik auch heute noch heilen, inspirieren und Menschen zusammenbringen kann. Vor allem aber wünsche ich mir, dass sie Liebe hören. Liebe zur Musik. Liebe zu meiner Gemeinschaft. Und Liebe zur Menschheit. Wenn dieses Gefühl noch lange weiterlebt, nachdem ich selbst nicht mehr da bin, dann hat We Dream genau das erreicht, was ich mir von diesem Album erhofft habe.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Elizabeth Leitzell

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