Rezension des Albums "the whirling" von mingbauset
mingbauset
the whirling
Erscheinungstermin: 18.09.2026
Label: Unit Records, 2026
Wenn Klänge zu kreisen beginnen
Manchmal entsteht etwas Neues gerade dann, wenn man vertraute Bedingungen verlässt. Nach ihrem gefeierten Auftritt beim Jazz Festival Willisau 2024 zog sich das schweizerisch-amerikanische Trio mingbauset für zwei Tage ins Studio zurück – und arbeitete dort bewusst anders als auf der Bühne. Weniger unmittelbarer Druck, mehr Ruhe, mehr Schichtung, mehr Raum für Veränderungen. the whirling ist das Ergebnis dieses Prozesses.
Seit 2018 entwickeln Gerry Hemingway, Vera Baumann und Florestan Berset gemeinsam eine Musik, in der persönliche und musikalische Erfahrung eng miteinander verbunden sind. Nach Yakut’s Gallop von 2021 ist the whirling ihr zweites Studioalbum – und weniger eine Fortsetzung als eine neue Perspektive auf dieselbe gemeinsame Sprache.
Vieles wirkt improvisiert und zugleich erstaunlich durchdacht. Formen entstehen, lösen sich wieder auf und hinterlassen dennoch den Eindruck einer inneren Ordnung. Hier liegt die besondere Qualität dieser Musik: Sie scheint sich während des Hörens selbst zu komponieren.
Gerry Hemingways Schlagzeug ist dafür von zentraler Bedeutung. Es liefert nicht einfach Rhythmus, sondern spannt ein feines Netz aus Impulsen, Geräuschen und kleinen Bewegungen. Manchmal entsteht daraus ein klarer Puls, manchmal nur eine kaum greifbare Struktur, an der sich die anderen orientieren können. Seine Stimme erweitert dieses Klangfeld zusätzlich.
Florestan Berset behandelt die elektrische Gitarre wiederum weniger als klassisches Harmonieinstrument denn als Quelle unterschiedlichster Klänge. Effekte, gezupfte, geschlagene oder verfremdete Saiten erzeugen Flächen, Fragmente und Geräusche, die sich mal deutlich in den Vordergrund schieben, mal fast vollständig in den Gesamtklang einfügen.
Und dann ist da Vera Baumanns Stimme. Sie steht nicht einfach über diesem Geflecht, sondern bewegt sich mitten hindurch. Sie zeichnet Linien, formt Melodien, legt Farben über die instrumentalen Strukturen und gibt der Musik gleichzeitig etwas unmittelbar Menschliches. Ihre Stimme kann klar und lyrisch erscheinen, sich aber ebenso in elektronische Texturen verwandeln und damit selbst Teil der abstrakten Klangwelt werden.
So entstehen auf the whirling farbige Landschaften, ruhige Momente, die niemals stillstehen, und Passagen von beinahe eruptiver Kraft. Nichts wirkt hastig. Selbst dort, wo die Musik dichter und bewegter wird, bleibt genügend Raum, um jede Veränderung wahrzunehmen.
Das macht dieses Album so faszinierend. mingbauset versucht nicht, Improvisation möglichst spontan klingen zu lassen oder Komposition möglichst geschlossen erscheinen zu lassen. Beides existiert gleichzeitig.
the whirling ist Musik in Bewegung – kreisend, sich verdichtend, wieder auseinanderdriftend und ständig neue Formen annehmend.
Und manchmal hat man das Gefühl, nicht einem fertigen Stück zuzuhören, sondern seiner Entstehung.
(Jacek Brun, 19.09.2026)
Besetzung
Gerry Hemingway – drums, voice
Vera Baumann – voice, fx
Florestan Berset – electric guitars, fx
Titelliste
- la danse des miroirs
- the spell
- la brise
- the whirling
- finding nowhere
- cloud chaser
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