Im Classroom von Nduduzo Makhathini

Foto von Nduduzo Makhathini
Nduduzo Makhathini, Foto: Siphiwe Mhlambi

Von Fanny Opitz

Für Nduduzo Makhathini ist Musik weit mehr als Klang. Auf seinem neuen Album The Myth We Choose fragt der südafrikanische Pianist und Komponist, wie Musik Erinnerung, Mythos und Gemeinschaft tragen kann.

Der Dialog ist keine neutrale Form. Seit der Antike ist er eine Methode der Erkenntnis: Frage und Antwort, Einwand und Verschiebung formen einen gemeinsamen Denkprozess mit dem Gegenüber, in dem Begriffe und Gegenbegriffe nicht einfach definiert, sondern geprüft, verschoben und neu gesetzt werden. Wer fragt, sammelt nicht nur Antworten. Wer fragt, eröffnet einen Raum, in dem Wissen entstehen kann. Im Gespräch mit Jazzfun verschiebt Nduduzo Makhathini das Interview genau in diese Richtung. Aus einem Gespräch über sein neues Album wird eine philosophische Lektion über die Notwendigkeit, an der Sichtbarkeit eines afrikanischen Wissenskanon zu arbeiten – aus Philosophie, Musik, Literatur und Soziologie. Denn Nduduzo Makhathini ist nicht nur Pianist, Komponist und Improvisator, sondern auch promovierter Wissenschaftler, Philosoph und spiritueller Praktiker.

jazz-fun.de:
Mythos wird oft mit Sprache verbunden: mit Erzählung, Wiederholung und Weitergabe. Wie kann Musik Mythen erzählen?

Nduduzo Makhathini:
Klang ist Sprache. Sprache hat allerdings sehr wenig damit zu tun, dass jemand spricht. Sie hat mit der intrinsischen Natur von Text in dem zu tun, was wir hören. Sie hat mit Bedeutung zu tun, die in jeder Form zentriert sein kann. Ich sehe Poesie als eine Art Sprache. Ich sehe Ästhetik als eine Art Sprache. Wenn etwas schön ist, kommuniziert es. Es gibt darin eine fundamentale Position von Text. Für mich sprechen Klänge. Sie erzählen uns Dinge. Deshalb denke ich immer mehr außerhalb von Performance und immer stärker in Begriffen wie Ritual. Denn im Ritual können wir über eine Art Zitation nachdenken, über ein Anderswo, über eine andere Welt, über etwas Unaussprechliches, über einen Text, der nicht vollständig sagbar ist und trotzdem spricht.

jazz-fun.de:
Das heißt, Musik erzählt nicht erst dann, wenn sie Worte benutzt. Der Klang selbst kann sprechen. Er wird nicht nachträglich bedeutungsvoll, sondern trägt Bedeutung bereits in seiner Form?

Nduduzo Makhathini:
Ja. Wenn man viel afrikanische Musik hört, ohne zu generalisieren, dann ist sie fast immer kontextbasiert. Und was ist Kontext? Kontext ist Text. Kontext ist Sprache. Kontext sagt etwas. Kontext fragt. Kontext problematisiert. Kontext trägt die kritischen Nuancen des Klangs. Für mich ist Musikmachen eine Entfaltung von Text und Rede. Fela Kuti, Miriam Makeba, Abbey Lincoln, Sun Ra haben ihr Leben lang Reden gehalten. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit ihrer Musik. Und sie haben daraus Rituale und Mythen kreiert.

jazz-fun.de:
Was ist dann der Unterschied zwischen Ritual und Mythos?

Nduduzo Makhathini:
Ein Mythos ist eine Art, Text hervorzubringen. Aber er wird erst zum Mythos, wenn Menschen ihn ritualisieren. Er wird Mythos in dem Moment, in dem bestimmte Reden zu Mantras werden. Wenn Dinge wiederholt werden.

„Die Dinge, die wir Mythen nennen, mussten von einer Gesellschaft gewählt werden.“

Eine Gesellschaft musste in das Ritual eintreten, es über Zeit zu wiederholen. Genau darin liegt die Beziehung zwischen Mythos und Ritual.

jazz-fun.de:
Welche Funktionen haben denn Mythen in unseren Gesellschaften heute?

Nduduzo Makhathini:
Sehr wenige, würde ich sagen. Wenn Menschen von Mythos sprechen, beziehen sie sich meistens auf etwas Historisches. Auf etwas, das vor langer Zeit passiert ist. Ich glaube nicht, dass heutige Gesellschaften wirklich ein bewusstes Konzept von Mythos haben. Und ich glaube auch nicht, dass heutige Gesellschaften bewusst neue Mythen erzeugen. Aber genau das ist die Gefahr. Denn alles, was heute in der Welt geschieht, kann eines Tages als Mythos der Vorfahren einer bestimmten Generation gelten. Wenn wir nicht intentional damit umgehen, dass wir Mythen erschaffen, auch dann, wenn wir es nicht bemerken, dann ist das ein fundamentales Problem. Deshalb schlage ich eine Wiedererweckung dieses Themas vor. Vielleicht brauchen wir mehr Bewusstsein für unsere Handlungen und dafür, dass sie irgendwann eine Geschichte schreiben. Alles, was wir tun, kann eines Tages als Wissen für eine andere Generation gelten: Ist das die Art, wie wir verstanden werden wollen? Ist das die Art, wie wir erinnert werden wollen? Diese Fragen stehen im Zentrum meiner Arbeit. Das Album bringt alte Mythen zusammen, besonders Schöpfungsmythen der Nguni, aus deren Linie ich komme.

„Ich möchte, dass meine Enkelkinder einen Blick in unsere Vergangenheit bekommen — aber auch einen Blick darauf, wie wir mit dieser Vergangenheit ringen, um zukünftige Mythen neu zu komponieren.“

jazz-fun.de:
Gibt es einen besonderen Mythos aus Ihrer Linie, den Sie mir mitgeben möchten?

Nduduzo Makhathini:
Es gibt viele Mythen. Das ganze Fundament des Denkens und Wissens basiert auf Millionen von Mythen. Aber einer ist wirklich zentral: der Schöpfungsmythos. Er hilft uns zu verstehen, woher wir kommen. Im Schöpfungsmythos wird erzählt, dass wir aus dem Schilf hervorgegangen sind. Das verortet unsere kollektive Essenz, unser Gedächtnis. Und es verweist auch auf eine vor-existente Essenz. Manche nennen sie Gott, aber es geht vielmehr um eine vitale Kraft. Um das, was uns sagt, dass wir lebendig sind. Diese Kraft ist im Klang, in der Musik, im Denken, in der Philosophie. Sie zeigt, dass etwas in allen Dingen lebt. Sie heißt uMvelinqangi, diese ursprünglichen Entität, die zuerst erschien. Wörtlich bedeutet uMvelinqangi: derjenige oder dasjenige, das zuerst erschien. Es ist auch ein Name für Gott in meiner Sprache. Aber diese ursprüngliche Entität hat kein zugewiesenes Geschlecht. Das ist interessant, wenn man es mit einem christlich-theologischen Verständnis von Gott als männlich vergleicht. In unserem Schöpfungsmythos ist diese ursprüngliche Entität einfach Energie. Sie hat kein zugewiesenes Geschlecht. Die erste geschlechtlich markierte Gestalt ist uNomkhubulwane, die mythische Regengöttin. Sie stand auch im Zentrum meines vorherigen Albums. Sie ist eine Göttin der Fruchtbarkeit, sie regiert Fülle, Regen, Abundance. Für uns ist das wichtig, weil alles von der Mutter kommt:

„Der Mythos der Mutter ist für mich zentral: der Ort der Mutter ist der Ort des Ursprungs. Ihm habe ich bereits ein Album gewidmet“

jazz-fun.de:
Das verändert sofort die Perspektive. Gerade wenn man aus westlichen, christlich geprägten Begriffen kommt, denkt man Ursprung oft männlich. Sie beschreiben eine Kosmologie, in der das nicht der Ausgangspunkt ist. Für mich ist daran wichtig: Sie sprechen nicht über Mythos als Folklore, sondern über Mythos als Ordnung des Wissens. Der Mythos lokalisiert Herkunft, Geschlecht, Körper, Kosmos und Erinnerung.

Nduduzo Makhathini:
Genau. Und wenn Menschen heute über Gender-Based Violence oder über Geschlechterprobleme in Afrika sprechen, muss man verstehen: Vieles davon ist sehr neu. In unserer Kosmologie ist der Ort der Mutter der Ort des Ursprungs. Aber Afrika wird sehr oft von einem anderen Ort aus geschrieben. Uns wird immer gesagt, wer Afrika ist oder was Afrika ist. Es kommt nicht wirklich von uns als Autor*innen, von uns als Menschen, die in dieser Erfahrung leben.

jazz-fun.de:
Welche Autorinnen und Autoren müsste ich lesen, wenn ich afrikanische Mythologie und afrikanisches Denken besser verstehen möchte?

Nduduzo Makhathini:
Sie könnten John S. Mbiti lesen, Credo Mutwa, Ngũgĩ wa Thiong’o lesen oder Zulumathabo Zulu. Auch Léopold Sédar Senghor. Es gibt so viele. Aber das Problem ist: Sie werden nicht immer als Philosophen positioniert:
Der afrikanische Kanon steht unter Verschluss. Wir haben ein Problem mit der Zitationspraxis: Zentrum und Peripherie. Wenn jemand Hegel sagt, wissen viele sofort, wer gemeint ist. Aber wenn jemand Mudimbe sagt, dann weiß kaum jemand, über wen wir sprechen.
Auch Valentin-Yves Mudimbe Mudimbe ist zentral für jedes Denken über Black critical thought und Wissensproduktion. Das Problem für uns Afrikaner*innen ist:

„Wir müssen ständig im Classroom sein. Afrikaner*innen bleiben im Classroom. Wir müssen lehren, während der Westen diesen Classroom schon vor langer Zeit verlassen hat.“

jazz-fun.de:
Das ist eine sehr starke Formulierung, weil „Classroom“ bei Ihnen nicht einfach Schule oder Universität meint. Es geht um die Arbeit, überhaupt erst Material sichtbar zu machen, damit Wissen studiert werden kann.

Nduduzo Makhathini:
Ja genau. Es geht letztlich darum, welche Texte schon im Classroom sind. Ob du hingehst oder nicht, der Text ist im Classroom. Was ich über den afrikanischen Classroom denke: Menschen sitzen dort nicht einfach. Sie arbeiten daran, dass überhaupt Material im Classroom ist. Es ist ein aktiver Prozess, den Classroom erst zu einem Classroom zu machen.

jazz-fun.de:
Sie sagen also nicht, dass dieser Kanon nicht existiert, sondern dass er nicht in gleicher Weise sichtbar, verfügbar und institutionell stabilisiert ist. Dass man ihn nicht einfach im Regal findet, sondern dass man ihn oft erst freilegen muss.

Nduduzo Makhathini:
Kanon ist Wissen, das über Zeit geprobt wurde. Wissen, das zugänglich, sichtbar und hörbar ist. Der westliche Kanon bleibt aufgerichtet. Man kann ignorant ihm gegenüber sein, aber er ist da. Er ist verfügbar, man kann ans Regal gehen und wird ihn dort finden. Wenn man ihn also sucht, weiß man, wohin man gehen muss. Wenn ich über Hegel spreche, dann ist allen klar, dass er ein Philosoph ist. Beim afrikanischen Kanon ist diese Arbeit oft eine Ausgrabung.

„Jedes Mal, wenn wir den afrikanischen Kanon sichtbar machen wollen, müssen wir in eine Art Grabfeld gehen. Er hat schon eine Art Tod erlitten. Er muss wieder auferstehen.“

Und diese Ausgrabung erzeugt Müdigkeit. Man kann so wissensdurstig sein wie nur möglich, aber wenn man zuerst damit beschäftigt ist, so viel freizulegen, dann kapituliert man vielleicht. Das ist Design: Diese Ungleichheit wurde historisch produziert und strukturell stabilisiert. Es geht um die Bedingungen, unter denen ein Kanon überhaupt Kanon werden kann.

jazz-fun.de:
Wenn wir über Kanon, Autorenschaft und Sichtbarkeit sprechen, bekommt der Titel Ihres Albums noch einmal eine andere Schärfe. The Myth We Choose klingt zunächst wie eine poetische Formulierung. Aber eigentlich steckt darin eine Entscheidung. Haben wir als Hörerinnen und Hörer eine Wahl?

Nduduzo Makhathini:
Wir haben ja schon gesagt, dass Mythos durch Ritualisierung, durch Wiederholung getauft wird. Das ist, was das Album versucht. Es wählt bestimmte Themen und wiederholt sie. Und hoffentlich greifen die Zuhörerinnen und Zuhörer diese Themen auf. Das passiert bereits in Konzerten:

„Menschen singen mit. Für mich ist das eine Möglichkeit, Mythos zu schaffen.“

Mythos muss zu dem Leben sprechen, das Menschen leben. Menschen leben in Konzertsälen. Menschen leben auf Tanzflächen. Menschen leben in Institutionen. Vielleicht müssen wir die liturgische Vorstellung von Mythos verlernen, denn:

„Wo Menschen sind, wird Mythos geschaffen.“

Es gibt heute neue Rituale, in denen Mythen entstehen. Wir sind uns dessen nur nicht bewusst. Aber zukünftige Generationen werden diese Momente als myth-making moments lesen.

jazz-fun.de:
The Myth We Choose also – wir wählen, was zukünftige Mythen werden. Damit klingt der Albumtitel wie eine Aufforderung zum myth-making.

Nduduzo Makhathini:
Der Titel ist eine Frage, auch wenn er nicht als Frage formuliert ist. Er fragt nach Entscheidungen: Was wählen wir zu tun? Die Welt steht gerade kurz davor, auseinanderzufallen. Was entscheiden wir in diesem Moment zu tun?

„Was würden wir anders machen, wenn wir wüssten, dass jede Handlung eine Komposition von Mythos ist?“

jazz-fun.de:
Auf dem Album ist auch Ihr Sohn beteiligt. Entsteht dadurch eine Art Mythos deiner künstlerischen Praxis oder eine Familiengeschichte?

Nduduzo Makhathini:
Das war nicht wirklich die Intention. Aber es geschieht an den Rändern eines größeren Projekts, eines kosmischen Projekts. Familie ist fundamental, um das aufzubauen. Durch Erweiterung entstehen Familienmythen innerhalb der Bemühung, gesellschaftliche Mythen zu schaffen. Familie ist der Stoff, der den Mythos hält. Sie macht den Mythos real. Sie macht ihn real, weil er in solcher Nähe erfahren wird.

jazz-fun.de:
Wenn jede Handlung an dieser Komposition von Mythos beteiligt ist, dann gilt das auch für die künstlerische Handlung selbst. In den Liner Notes sprichen Sie von einem Eid. Ein Eid wem gegenüber?

Nduduzo Makhathini:
Ein Eid gegenüber dem Mythos. Es ist mein Commitment zum Mythos. Es bedeutet: Ich meine es. Es ist wahr. Ich spiele diese Note, ich wähle sie. Als Improvisator tue ich das jeden Tag. Ich spiele diese Note, keine andere, ich stehe für sie ein. Große Improvisatoren haben das getan. Sun Ra zum Beispiel: Space is the Place: Ich bin nicht von hier. Ich meine es Ernst. Mit jeder Note liegt darin Bedeutung. Es gibt darin also eine hermeneutische Dimension. Die Frage nach Bedeutung ist zentral für die Matrix der Mythenschöpfung.

jazz-fun.de:
Wenn wir nun konkreter über die Musik sprechen: Gibt es etwas, das ich über die Komposition wissen sollte, um sie im Kontext von Mythos und Kosmologie besser verstehen zu können?

Nduduzo Makhathini:
Für mich ist die Musik alles, worüber wir gesprochen haben. Das ist die Musik. Die Komplexität von Ideologien. Die Komplexität des In-der-Welt-Seins. Musik entsteht als Resultat davon, in der Welt zu sein. Natürlich könnten wir sehr sophisticated über Kompositionstheorie sprechen und sagen: Ich habe diese Tonart gewählt, ich habe das gewählt. Aber für mich liegt die Agency im Text. Die Agency liegt in der Rede. Dieses Album entsteht aus Gemeinschaft. Wenn unsere Ontologie vom Kommunalen geprägt ist, dann ist dieses Album ein Ergebnis der Erfahrung von Gemeinschaft: Es geht um kollektive Freude, kollektiven Schmerz, kollektives Gedächtnis. Wie teilen wir Freude? Wie teilen wir Schmerz? Wie teilen wir Lieder? Wie teilen wir Zeit? Wie teilen wir Raum?

jazz-fun.de:
Sie haben die Musik auf The Myth We Choose geschrieben, singen und spielen Klavier. Warum eignet sich das Klavier dafür, Mythen zu erschaffen?

Nduduzo Makhathini:
Das Klavier ist ein Werkzeug, um Sehnsüchte, Fragen, Probleme, Freuden und Mythen auszudrücken. Randy Weston hat das sehr kraftvoll beschrieben. Wenn man das Klavier öffnet, die Saiten und Hämmer herausnimmt und aufrecht stellt, dann sieht man eine afrikanische Harfe. Und wenn man auf die Tasten und Hämmer schaut, gibt es eine Nähe zur Mbira. Für mich bringt das Klavier verschiedene afrikanische harmonische und melodische Traditionen zusammen:

„Im Grunde bin ich das Instrument. Das Klavier ist ein Werkzeug.“

Wegen der Elfenbein-Tasten ist mit dem Klavier auch eine spirituelle Praxis verbunden. In meiner Tradition gibt es großen Respekt vor Elfenbein. Es wird in divinatorischen Praktiken verwendet. Als Sangoma hat das Klavier dadurch eine besondere Bedeutung. Wenn ich dort sitze, ist es für mich fast, als würde ich Knochen werfen.

jazz-fun.de:
Können Sie dann überhaupt spirituelle, mythologische Praxis und musikalische Praxis voneinander trennen?

Nduduzo Makhathini:
Nein. Für mich kann ich das nicht trennen. Musik ist für mich nicht wichtiger als das, was sie offenbart. Diese Dinge sind auch ohne Musik da. Aber Musik aktualisiert sie. Musik ist die Aktualisierung der Musikalität des Seins. Und die Musikalität des Seins braucht keinen einzigen Ton. Die Musikalität des Seins bedeutet, über harmonische Arten des Existierens nachzudenken. Wie können wir freundlicher zum Universum sein? Wie können wir freundlicher zum Kosmos sein? Wenn jemand entscheidet, heute kein Plastik zu benutzen, weil es den Ozean erstickt, dann ist das für mich eine Form von Musikalität. Diese Person will in Harmonie mit dem Ozean sein. Wenn jemand etwas für sein Kind tut, ist das auch eine Form von Musikalität. Man schafft harmonische Beziehungen. Der Klangteil also, den wir Musik nennen, ist das Resultat von Musikalität. Und Musikalität existiert ohne Musik. Das afrikanische Instrument ist das afrikanische Personal. Die afrikanischen Stimmen. Der afrikanische Geist. Die afrikanischen Geschichten. Das ist das Instrument.Das erste Instrument ist der Körper. Was Du verkörperst, ist dein Instrument.

jazz-fun.de:
Dann haben wir alle ein Instrument. Sind wir alle Musikerinnen und Musiker?

Nduduzo Makhathini:
Musiker zu sein bedeutet, Zeit, Disziplin und Praxis in die Ausführung von Musikalität zu legen. Aber musikalisch zu sein, betrifft uns alle.

„Vielleicht sind wir nicht alle Musiker. Aber wir sind alle musikalisch.“

jazz-fun.de:
Danke, dass ich bei Ihnen im Classroom sitzen durfte!

Nduduzo Makhathini:
Wissen Sie, wenn Sie nur eine Sache mitnehmen dann: Alles ist in Klang verpackt. Menschen können sich dazu bewegen und tanzen — und dabei Philosophie studieren. Das ist auch der Classroom. Ich bin auch Autor, ich habe publiziert, ich habe in meiner Dissertation über einige dieser Themen geschrieben. Es ist ein fundamentaler Teil meiner Existenz, Material für das Studium zu  generieren und verfügbar zu machen. Dinge müssen zugänglich sein, wenn wir sie studieren wollen.

jazz-fun.de:
Dann ist auch dieses Gespräch nicht nur Begleitmaterial zu einem Album, sondern Teil einer größeren Archivpraxis. Sie sprechen mit mir über Mythos, Erinnerung und Kanon — und zugleich produzieren wir selbst Material, das später wieder gelesen, gehört, studiert werden kann.

Nduduzo Makhathini:
Ja. Ich habe zu Hause ein Archiv. Für meine Kinder, für meine Enkelkinder. Es ist wichtig, dass sie wissen, was der Großvater gedacht hat. Schicken Sie es mir unbedingt, das möchte ich ihnen gerne irgendwann zeigen dürfen.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Fanny Opitz

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