Drew Gress - The Sky Inside

Drew Gress - The Sky Inside

Drew Gress
The Sky Inside

Erscheinungstermin: 17.05.2013
Label: Pirouet

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Drew Gress - bass, electronics
Tim Berne - alto saxophone
Ralph Alessi - trumpet
Craig Taborn - piano
Tom Rainey - drums

Die Kunst des gleichen Atems

Sonst legt er für andere das Fundament. Hier für die eigenen Stücke: Der große Bassist Drew Gress präsentiert in hochkarätiger Quintettbesetzung mit Ralph Alessi, Tim Berne, Craig Taborn und Tom Rainey eine Pirouet-CD als Leader. The Sky Inside: Der Titel ist Programm. Ein weiter musikalischer Himmel eines feinen Introvertierten tut sich auf.

Es ist eine Traumbesetzung. Fünf Musiker, die zur USamerikanischen Jazz-Elite der mittleren Generation gehören. Und die eine immense Referenzenliste vorweisen können. Aber nicht müssen, um zu überzeugen. Und mitzureißen! Hört man sie in diesen Aufnahmen, wird man sofort gepackt von der Schönheit und Ausdrucksspanne, die mit einer ganz klassischen Besetzung des modernen Jazz möglich sind. Trompete, Saxophon, Klavier, Bass und Schlagzeug – wobei hier schon mal zwei Feinheiten zu beachten sind: Das Saxophon ist ein Altsaxophon, kein Tenorsaxophon, und der Leader der Band ist der Bassist. Ein Musiker also, der aus der Rhythmusgruppe heraus die Strippen zieht, ist der Boss. Und er hält hier auf höchst spannende Art alles zusammen: Der 1959 in New Jersey geborene Drew Gress, einer der begehrtesten Jazzbassisten New Yorks, legt hier bei PIROUET ein Album unter eigenem Namen vor, dessen Titel auch das Programm dieser Aufnahmen sein könnte: The Sky Inside. Ein „innerer Himmel“ tut sich wirklich auf in den Aufnahmen dieser CD – es sind durchweg Eigenkompositionen von Drew Gress, und sie stecken einen weiten Horizont der Klangeindrücke und Stimmungen ab. Gress, ein großartiger Musiker, der bei dem Label PIROUET schon in diversen erfolgreichen Produktionen mitgespielt hat – etwa als Fels in der Brandung in Ensembles von Marc Copland, Tim Hagans und Bill Carrothers – kann hier sein eigenes Profil als Leader und Komponist zeigen: Es ist ein starkes und markantes Profil.

Die Besetzung ist eine, die nicht von ungefähr kommt. Aus inneren Kreisen der New Yorker Szene hat Gress sich diese Fünferbande zusammengestellt. Mit dabei sind zunächst zwei Partner, mit denen Drew Gress schon Ende der 1990er Jahre ein Trio bildete: Saxophonist Tim Berne (geboren 1954) und Schlagzeuger Tom Rainey (geboren 1957); zusammen nannten sie sich Paraphrase. Auch mit Trompeter Ralph Alessi (geboren 1963) hat Gress immer wieder in unterschiedlichen Projekten zusammengearbeitet, Gress ist auch Mitglied eines hochkarätigen Quintetts, das Alessi und der Saxophonist Ravi Coltrane gemeinsam leiten. Craig Taborn (geboren 1970), der in den letzten Jahren vom Fachmagazin Down Beat besonders gefeiert wurde, hatte 2001 schon mit Tim Berne zusammengearbeitet und taucht seit 2003 auch in Aufnahmen mit Gress auf. Musiker, die einander vertraut sind – und die auf höchstem internationalen Jazzniveau seit vielen Jahren zu den gefragtesten Vertretern ihres Instruments gehören.

Das alles wäre nur großes Kapital, aber noch keine Garantie für höchste Qualität. Doch die steht außer Frage, wenn man die Ergebnisse hört. „Die Ergebnisse“ und nicht „das Ergebnis“: Denn die Stücke auf dieser CD sind höchst unterschiedlich – auch wenn sie insgesamt wie aus einem Guss wirken und eine organische Einheit bilden. Doch Drew Gress schafft es, die Zuhörer hier immer wieder mit neuen Farben zu überraschen. Das Stück No Saint etwa verbohrt sich zunächst in einen sperrigen Groove von Bass und Klavier, der mit eingängigen Bläserkantilenen überlagert wird und sich dann allmählich auflöst in eine tastende und suchende Bewegung im Raum, die immer wilder wird und dann den ursprünglichen Groove in kraftvoll aufgeladener Form wiederfindet. Bei dem Stück In Streamline heben das Altsax und die Trompete zu melancholischen Gesängen an, in denen ihr Sound sich nicht nur reizvoll ineinander blendet, sondern auch noch fast zu einem einzigen Klang verschmilzt: Wie eine Traumsequenz wirkt dieses Stück, das mit leisen Erzählungen am Klavier und ungemein zarten Schlagzeug-Akzenten weitergeht. Richtig rau, mit schmirgelndem Trompetensound, und in kantiger Kontrapunktik zwischen Klavier und Saxophon, geht es dann in dem Stück Long Story zu: Wie ein hitziges Streitgespräch zwischen den Instrumenten wirkt dieses Stück, das sich immer mehr verdichtet. Ganz anders später das Geschwisterstück zu dieser Komposition: Long Story Short – lang angehaltene Bläsertöne, die sich in sperrig überlagerten Intervallen in den Raum spreizen, kennzeichnen hier die Stimmung.

Sobald man die musikalische Welt dieser CD zu kennen glaubt, wird man hier gleich aufs Neue verblüfft. Denn alle Stücke nehmen in ihrer Atmosphäre und dann auch in ihrem Verlauf stets Wege, die man nach dem jeweils vorhergehenden so nicht erwartet hatte. Da ist die gewitzt eingängige Melodik des Stücks Kernel, natürlich unterfüttert von kleinen Verfremdungen, da begegnet man melancholisch verhangenen Linien in Dreampop, da verfolgt man staunend die eckig-sprunghaften Motiv-Verschiebungen und raffinierten Groove-Verzögerungen in dem forsch ausschreitenden und dann nach kurzer Dauer auf einer ganz stillen Klanginsel landenden stück Jacquard, da versenkt man sich in den leisen, manchmal fast geräuschpoetischen Feinstrukturen von Delve und wundert sich über den Titel und die quirlig-kompakte Action von Zaftig Redux. Und zappt dann vielleicht wieder zum Titelstück zurück: The Sky Inside: Höhenerkundungen der beiden Blas-Instrumente mit langen, einander umspielenden Tönen, die dann allmählich einen Rhythmus und ein wunderschönes, aber wie in verfremdeten Filmszenen gedehntes und klanglich in sich selbst verhallendes Thema finden, um dann bald wieder die Strukturen aufzulösen und nach neuen Klang-Partikeln zu suchen, die bald kompakt und komplex ineinander spielen und später auf ganz eigene und eigenwillige Art losgrooven. The Sky Inside ist nicht nur das Titelstück dieser CD, sondern auch das Kernstück. Und seine Botschaft könnte lauten: Auch der innere Horizont ist weiter und überraschender, als man denkt.

In allen Stücken ist ständig die Band als Ganzes gefordert. Es gehen viele für den Hörer unvorhersehbare Bewegungen vonstatten, die von der ganzen Band vollzogen werden. Das Tempo wird immer wieder in fließender Bewegung von allen gemeinsam verändert – das hört sich an, als würden alle fünf Musiker gemeinsam atmen. Lauter Kunstwerke des organischen Zusammenhalts sind diese Stücke. Und doch hat man in ihnen immer wieder auch den Raum, um die Glanzleistungen der einzelnen Musiker zu bewundern: diejenigen von den Bläsern oft in gegenseitiger Verschränkung, die von Pianist Craig Taborn in herrlichen Soli und Interplay-Momenten, in denen der Musiker eine expressive Feinheit ohne jeden Zierrat ausleben kann, vom Schlagzeuger in vielen kleinen, leisen und umso intensiveren Momenten – und, last but not least, auch vom Bandleader selbst, der seinen kraftvollen Ton in allen Lagen pulsieren und singen lässt, mit sattem Volumen und packender rhythmischer Präzision Fundamente legt und als so feinfühliger wie klangvoller Spieler von Soli das Niveau für die anderen vorgibt. Tiefe Töne, hohe Messlatte. Von einem eher seltenen, aber dafür spürbar starken Bandleader. All das schlägt sich hier nieder: in facettenreichen, atmosphärisch dichten Stücken und einem Zusammenspiel von einer Selbstverständlichkeit, wie sie nur eine Besetzung dieser Qualität haben kann. Eben eine Traumbesetzung.

  1. No saint
  2. In streamline
  3. Long story
  4. The sky inside
  5. Kernel
  6. Dreampop
  7. jacquard
  8. Delve
  9. Zaftig redux
  10. Long story short

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