Klara Cloud: „Baroque ist eine Einladung, in meine Welt einzutreten“
Von Jacek Brun
Vergänglichkeit und Beständigkeit, Opulenz und Intimität, Traum und Wirklichkeit: Auf „Baroque“ verbindet Klara Cloud diese Gegensätze zu einer sehr persönlichen musikalischen Welt.
Die ersten Gedanken zu diesem Album entstanden während ihrer zweiten Schwangerschaft. Für Klara Cloud wurde diese Zeit zu einem Moment, in dem sich das Bewusstsein für die Endlichkeit des Lebens und zugleich für seine erstaunliche Kontinuität noch einmal vertiefte. Daraus entwickelte sich eine Musik, die barocke Opulenz und starke Kontraste aufnimmt, ohne historisierend zu klingen.
Im Interview mit jazz-fun.de spricht Klara Cloud über ihre Rolle als Sängerin und Instrumentalistin, die enge Verbindung zu ihrer Band, den Einfluss der Mutterschaft auf ihr künstlerisches Denken und den Wunsch, eine Musik zu schaffen, die offen bleibt für die Geschichten der Hörerinnen und Hörer. Am Ende steht eine ebenso schlichte wie große Hoffnung: dass „Baroque“ auch in zwanzig Jahren noch stimmig und zeitlos wirkt.
jazz-fun.de:
Klara, das Album Baroque wirkt wie eine musikalische Erzählung über Leben, Vergänglichkeit und Wiedergeburt. Wann hattest du das Gefühl, dass du genau eine solche Welt erschaffen möchtest?
Klara Cloud:
Die Gedanken an genau ein solches Album entstanden während meiner zweiten Schwangerschaft. Ich glaube, das ist einer der wichtigsten Momente im Leben einer Frau – wenn einem die Vergänglichkeit noch bewusster wird und zugleich auch die erstaunliche Beständigkeit des Lebens.
jazz-fun.de:
Der Barock wird oft mit Opulenz, Kontrasten und starken Emotionen verbunden. Was hat dich an dieser Epoche besonders inspiriert, und wie hast du diese Ideen in deine eigene, zeitgenössische Musiksprache übertragen?
Klara Cloud:
Bei mir war es eigentlich genau umgekehrt. Es stimmt, dass ich klassische Musik sehr gerne höre und sie für mich eine große Inspirationsquelle ist. Am Barock schätze ich jedoch vor allem die Opulenz und die Kontraste. Ich habe das Gefühl, dass sich darin in gewisser Weise auch etwas von mir selbst widerspiegelt, denn auch ich empfinde mich als einen großen Kontrast – und genau das nehme ich auch in meinem Alltag immer wieder wahr.
Die wichtigste Inspiration war für mich also diese Opulenz. Ich liebe diese üppigen, vielschichtigen musikalischen Werke, in denen sehr viel gleichzeitig geschieht und viele verschiedene Ebenen nebeneinander bestehen.
In Bezug auf deine Frage war es für mich gar nicht besonders schwierig, das in meine heutige Musiksprache zu übertragen. Ich habe einfach ein musikalisches Werk geschaffen, das aus meiner Sicht den Geist der Barockzeit sehr stark in sich trägt.
jazz-fun.de:
Auf dem Album scheint deine Stimme nicht nur Trägerin des Textes zu sein, sondern zugleich ein vollwertiges Instrument. Wie sieht für dich der Prozess aus, in dem du nach den Klangfarben und Emotionen suchst, die wir später auf dem Album hören?
Klara Cloud:
Die Suche nach Klangfarben und Emotionen ist für mich etwas ganz Natürliches – so klinge ich einfach. Dass ich aber wie ein Teil der Band und nicht wie eine klassische Bandleaderin klingen wollte, war mir von Anfang an klar, als die Idee zu diesem Album entstand.
Ich improvisiere sehr gerne und möchte ein gleichberechtigter Teil des Ensembles sein. Ich mag es nicht, mich über die anderen zu stellen oder mich in den Vordergrund zu drängen, weil ich mich in all dem selbst gar nicht so sicher fühle. Mir war vielmehr wichtig, dass wir alle gleichberechtigte Bestandteile dieser Musik sind.
jazz-fun.de:
Du wirst von hervorragenden Musikern begleitet, und dennoch klingt das Ganze außerordentlich geschlossen und intim. Wie hast du das Verhältnis zwischen Komposition, Improvisation und der Individualität der einzelnen Bandmitglieder gestaltet?
Klara Cloud:
Ich kenne die Musiker schon seit vielen Jahren, deshalb sind unsere Beziehungen wirklich sehr eng. Ich glaube, das überträgt sich unmittelbar auf unsere musikalische Verbindung.
Ich sage dann zum Beispiel: „Jungs, ich stelle mir das so und so vor …“, und sie wissen einfach, was ich meine. Manchmal müssen wir gar nichts sagen, weil wir die musikalischen Erwartungen des jeweils anderen kennen und sehr genau spüren, in welche Richtung wir gemeinsam gehen wollen.
Für mich als Sängerin ist diese Verbindung auf der Bühne sehr wichtig – dass diese Beziehung wirklich da ist.
jazz-fun.de:
In der Musik von Baroque lassen sich Einflüsse aus Jazz, klassischer Musik und Filmmusik entdecken. Denkst du beim Komponieren eher in Bildern, Emotionen oder Klängen?
Klara Cloud:
Schwierige Frage – ich glaube, die hat mir bisher noch niemand gestellt. Ich denke, dass ich in Klängen denke. Das heißt: Ich höre eigentlich sofort, wie etwas klingen soll, und weiß ziemlich genau, wie ich es haben möchte.
Aber auch Emotionen sind eine gute Antwort, denn die entstehen bei mir oft direkt aus dem Klang heraus.
Manchmal habe ich allerdings Schwierigkeiten, das, was ich mir vorstelle, tatsächlich aufzuschreiben, weil es sich um ziemlich komplexe Kompositionen handeln kann – zumindest in meiner Vorstellung. Dann weiß ich aber, dass ich mich immer auf die Hilfe meines Mannes verlassen kann.
jazz-fun.de:
Die Musik auf Baroque wirkt, als würde sie zwischen Traum und Wirklichkeit schweben. Versuchst du beim Komponieren eher von der Welt zu erzählen, wie sie ist – oder von einer Welt, nach der du dich selbst sehnst?
Klara Cloud:
Ich glaube, diese Musik erzählt von der Welt, in der ich selbst lebe. Ich weiß, das klingt vielleicht etwas seltsam, aber ich höre oft, dass ich in einer Realität lebe, die es so eigentlich gar nicht gibt.
Diese märchenhafte Welt, die man auf dem Album so deutlich hören kann, ist also zum Teil tatsächlich meine eigene Wirklichkeit.
Zusammengefasst ist das Album einfach eine Einladung an die Hörerinnen und Hörer, in meine Welt einzutreten.
jazz-fun.de:
Das Album ist deinen Kindern gewidmet. Wie hat die Mutterschaft deine Sensibilität als Komponistin und Sängerin verändert?
Klara Cloud:
Das ist ein sehr großes Thema, das meinen gesamten musikalischen Weg stark geprägt hat. Ich habe das Gefühl, dass ich gar nicht weiß, ob dieses Album heute überhaupt existieren würde, wenn ich keine Kinder bekommen hätte.
Das vorherige Album VAUNA entstand noch vor den Kindern. Baroque dagegen ist durch meine zweite Schwangerschaft entstanden, weil ich gespürt habe, dass ich bald noch weniger Zeit zum Komponieren und für meine kreative Arbeit haben würde.
Die Mutterschaft hat mich auf jeden Fall sensibler für das Leben gemacht und mir ermöglicht, die Welt völlig anders zu sehen – in ganz anderen Farben. Sie hat meine Wahrnehmung noch einmal vertieft und meine Sensibilität auf eine andere Ebene gehoben.
Und ich muss auch sagen, dass ich dabei meine eigene Kraft als Komponistin gespürt habe: Wenn ich will, dann kann ich. Ich kann meine Rolle in dieser Band verändern.
jazz-fun.de:
Deine Musik lässt den Hörerinnen und Hörern viel Raum für eigene Interpretationen. Gefällt es dir, wenn Menschen darin ihre ganz persönlichen Geschichten entdecken – auch wenn diese sich von deinen ursprünglichen Intentionen unterscheiden?
Klara Cloud:
Natürlich. Ich glaube, es ist eines der größten Komplimente für einen Musiker, wenn seine Musik ein breiteres Publikum erreicht und von den Menschen durch den Filter ihrer eigenen Erfahrungen wahrgenommen wird.
Wenn jeder darin seine ganz eigene Interpretation finden kann, dann wird die Musik in diesem Moment auch universeller.
jazz-fun.de:
Die heutige Welt verlangt Künstlerinnen und Künstlern oft schnelle Reaktionen und ständige Präsenz ab. Baroque hingegen scheint dazu einzuladen, innezuhalten und bewusst zuzuhören. War das eine bewusste künstlerische Entscheidung?
Klara Cloud:
Das war nicht bewusst geplant. Aber rund um eine Geburt begleitet einen oft genau dieser Gedanke: langsamer zu werden, sich auf sich selbst und auf dieses neue Wesen zu konzentrieren.
Eigentlich wird einem erst dann wirklich bewusst, welchen Wert das Leben und die Zeit haben, die uns immer wieder entgleitet. Und dann stellt sich die Frage: Was ist wirklich wichtig? Das ständige Streben nach Erfolg – oder Ruhe und ein Leben im Hier und Jetzt? Umso mehr, weil man in diesem Moment auch ein neues Leben mitprägt.
Zusammengefasst: Diesen konkreten Plan gab es nicht. Aber ich glaube, dass dieser Gedanke irgendwo unbewusst in mir vorhanden war. Und gerade jetzt wird mir noch einmal bewusst, wie schön Musik ist und wie viel sie vermitteln kann.
Offenbar hat hier einfach der Strom des Unterbewusstseins gewirkt.
jazz-fun.de:
Nach der Veröffentlichung von Baroque und den Konzerten mit diesem Material – entdeckst du selbst noch Neues in dieser Musik? Verändern sich die Stücke mit jedem weiteren Auftritt?
Klara Cloud:
Ja, sie verändern sich, und ich habe das Gefühl, dass sie bei den Konzerten reifen. Beim ersten Album war die Situation etwas anders – unsere Auftritte waren stärker improvisiert.
Jetzt merke ich, dass wir älter geworden sind, uns besser kennen und auch die Kompositionen selbst eine ganz andere Wirkung haben. Sie sind deutlich ausgearbeiteter, und das gefällt mir sehr.
Ich entdecke außerdem, dass ich unisono mit der Violine singen und dabei mehr Instrumentalistin als Sängerin sein kann. Das ist für mich eine sehr interessante Erfahrung, die mich zusätzlich weiterentwickelt und mir neuen Auftrieb gibt.
jazz-fun.de:
Wenn jemand Baroque in zwanzig Jahren zum ersten Mal hören würde – was würdest du dir wünschen, dass diese Person nicht nur in der Musik, sondern auch in Klara Cloud als Künstlerin entdeckt?
Klara Cloud:
Nun, das ist eine sehr schwierige Frage. :) Am ehrlichsten ist wahrscheinlich die Antwort, dass ich eigentlich keine Erwartungen habe.
Ich würde mir nur wünschen, dass diese Musik etwas Zeitloses in sich trägt. Mein Mann hat einmal gesagt: „Das Schlimmste ist, Erwartungen zu haben.“ Und dem stimme ich vollkommen zu, denn irgendetwas wird sonst immer nicht so sein, wie man es sich vorgestellt hat.
Ich wünsche mir, dass die Wirkung dieses Albums auch in zwanzig Jahren noch stimmig ist und dass es weiterhin diese schönen Geschichten in sich trägt, die ich durch die Kompositionen gemeinsam mit meinen Freunden aus der Band geschaffen habe.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Album von Klara Cloud & The Vultures "Baroque" finden Sie hier.
Über den Autor
Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
Einen Kommentar schreiben