Tomas Janzon im Interview: Wie aus einem Jazztagebuch Musik entsteht
Von Angela Ballhorn
Ein Tagebuch zu führen, ist immer gut, weil es dabei hilft, Gedanken zu sortieren. Ein Jazztagebuch zu führen, um Ideen zu sammeln, ist für einen Musiker fast unabdinglich. Der schwedische Gitarrist Tomas Janzon notiert selbst kleinste Bruchstücke - oft nur kurze melodische oder harmonische Ideen und kaum mehr als ein oder zwei Takte - auf Manuskriptpapier, damit ihm die Inspiration nicht verloren geht. Die „richtige“ kompositorische Arbeit fängt dann erst an, wenn die Notizen gesichtet werden. Es müssen Entscheidungen gefällt werden: Was ist brauchbar und was lässt sich kombinieren, was kann ausgewählt werden, um konkrete Kompositionen entstehen zu lassen. Auf Janzons aktuellem Album „Jazz Diary“ hat er seine Einfälle aus dem Tagebuch zu elf Stücken verarbeitet. Zusammen mit der Bassistin Nedra Wheeler und den Schlagzeugern Tony Austin auf sechs Stücken und Chuck McPherson hat er in seiner Wahlheimat Los Angeles ein Jazzgitarrentrio-Album aufgenommen, das auf der Grenze von Tradition und Moderne balanciert.
jazz-fun.de:
Du hattest als Jazzmusiker in Schweden mit Musik angefangen und bist dann in die USA gegangen, um weiterzustudieren. Und bist dann dort geblieben.
Tomas Janzon:
Ich bin in Schweden zur Schule gegangen und war am Konservatorium in Stockholm. Nach ein paar Jahren auf Tour habe ich beschlossen, in die USA zu gehen. Ich wollte die Magie des Jazz entdecken, seine Geheimnisse, das, was man den Aufnahmen anhört.
Ich habe mit Django Reinhardt begonnen, wodurch ich zum europäischen Gypsy Jazz gekommen bin. Ich habe viele von Django Reinhardts Kompositionen gehört. Danach habe ich Charlie Parker für mich entdeckt. Das hat mich wirklich zum Jazz gebracht und ich habe mich dann Wes Montgomery zugewandt. Ich tauchte tief in die afroamerikanische Tradition ein und habe mir auch viel Sonny Rollins angehört.
Deshalb bin ich in die Staaten gegangen, zuerst wegen der Szene nach New York. Aber da waren so viele Europäer, die bei den Sessions anstanden, um einen Solochorus zu spielen. Man riet mir, nach Los Angeles zu gehen, da gäbe es einen Typen, den ich auschecken müsste: Joe Diorio. Ich fand erstaunliche Sachen von Joe, seine Bücher über modernen Gitarrenstil und modernem Sound. Seinetwegen bin ich ans GIT nach Los Angeles gegangen. Ich wollte dort hin, wo Joe Diorio unterrichtet hat.
jazz-fun.de:
Wenn ich an eher traditionellen Jazz denke, kommt mir Los Angeles überhaupt nicht in den Sinn, sondern eher New York.
Tomas Janzon:
Ja, das ging mir genauso. Deshalb hatte ich auch gezögert. Los Angeles war für mich eher für Hardrock bekannt als für Jazz.
jazz-fun.de:
Oder für Filmmusik...
Tomas Janzon:
… oder Fusion-Jazz mit Larry Carlton, Lee Ritenour und Scott Henderson. Aber dann habe ich herausgefunden, dass Joe Pass in Los Angeles gelebt hat. Ich habe ihn dort auch getroffen, und ich habe im selben Club gespielt wie er. Wir waren gemeinsam auf einem Plakat des Wine Street Bar & Grill zu sehen. Ich habe immer dienstags gespielt, Joe Pass an den Wochenenden. Ich habe mich öfter mit ihm unterhalten, er wollte aber nicht mehr unterrichten. Seine Tochter lebte in L.A. und er hatte ein Haus dort. Ich habe auch herausgefunden, dass Barney Kessel in L.A. lebte. Es gab also schon eine richtige Straight Ahead-Gitarrenszene dort.
jazz-fun.de:
Ich bin erst kürzlich über Ted Greene gestolpert, der für die Gitarrenszene in Los Angeles auch sehr wichtig war.
Tomas Janzon:
Oh ja Ted Greene! Er war Lehrer am GIT und ich hatte auch Unterricht bei ihm. Sein Buch „Chord Chemistry“ ist sehr interessant. Er hatte ein Haus voller Bücher. Da musstest du wie durch ein Labyrinth gehen. Bücher überall, an den Wänden, in Stapeln auf dem Boden. Wenn er Jazzgitarre unterrichtete, da mussten alle Studenten durch.
Es war spannend hören, was Kontrapunkt in der Improvisation bedeutet. Er hatte eine ganz besondere Vision. Scott Henderson war auch da, wir haben viel zusammen gespielt. Später wurde ich selbst Lehrer am GIT und habe dort zehn Jahre lang unterrichtet.
jazz-fun.de:
Was hat deine Entscheidung beeinflusst, in den USA zu bleiben? Letztendlich ist es ja gar nicht so einfach, in die Staaten zu kommen und zu bleiben.
Tomas Janzon:
Das war damals anders und viel einfacher. Zuerst einmal wurde ich zum „outstanding player of the year“ der Schule gewählt und wollte viel Sologitarre spielen. Das war mein Ehrgeiz. Ich habe viele Gigs gespielt und dabei viele Musiker getroffen, unter anderem auch Nedra Wheeler, die Bassistin, die auch auf meinem aktuellen Album spielt. Ich habe sie spielen gehört und fand, dass sie eine außerordentliche Bassistin ist. Wenn sie Walking Bass spielt, kann man wirklich jede einzelne Note hören, nicht nur aufgefüllte Akkorde und sie swingt wirklich. Billy Higgins habe ich da auch getroffen. Er spielte jede Woche in West Hollywood. „Smiling Billy“ wurde er genannt, weil er – sobald er hinter dem Schlagzeug saß – sofort lächelte. Er war toll. Er kam ins Studio und war wie ein Schamane oder ein Guru. Er konnte die Atmosphäre komplett verändern. Das hat auch mein Leben verändert. Danach konnte ich einfach nicht mehr weggehen. Ich konnte nicht mehr nach Schweden zurückgehen. Ich habe darüber nachgedacht, aber das ging nicht mehr.
Die Musik, der Jazz, das ist keine Musik wie jede andere. Vielleicht kannst du diese Erfahrung auch in der klassischen Musik machen und eine Art Erweckungsmoment erleben.
Vielleicht gibt es das ja auch, dass jemand so viel über Kontrapunkt redet, dass er am Ende wie ein anderer Mensch wieder herauskommt. Im Jazz gibt es diesen Mentor-Moment, in dem die älteren Musiker ihre Erfahrung mit den jüngeren teilen. Dabei geht es nicht nur um den technischen Aspekt, sondern vor allem der spirituelle Ansatz. Das durfte ich in den Staaten erfahren, diesen philosophischen Ansatz. Es geht nicht um Technik, sondern um den Spirit, das Teilen und das Streben danach, eine vollständige Person zu sein. Musik ist alles, was du bist, so wie du gehst, wie du sprichst. Wenn du jeden Tag übst, das prägt deine ganze Persönlichkeit.
Es ist etwas Besonderes, ich habe viel mit Musikern der älteren Generation gespielt, vor allem mit Schlagzeugern. Ich war gesegnet, dass ich mit Billy Higgins und Sherman Ferguson spielen konnte. Sie hatten eine sehr großzügige Art an sich, sie wollten ihr Wissen teilen.
Sie konnten vermitteln, wie man Musik fühlt. Das ist wichtig.
Ich habe mit Joe Diorio über lange Solospots gesprochen, weil Coltrane ja zum Beispiel immer diese langen Solos gespielt hat, Er sagte: Manchmal musst du lang spielen. Du musst das spielen, was du kennst und kannst, aber du musst darüber hinauskommen. Manchmal braucht das seine Zeit. Du musst letztendlich das spielen, das du nicht kennst.
Coltrane war ein Meister, der immer auf der Suche nach dem Höheren war.
jazz-fun.de:
Erzähl mir etwas zu deinem neuen Album „Jazz Diary“?
Tomas Janzon:
Es ist das doppelseitige Manuskriptpapier, auf dem ich meine Ideen nach meinen Morningritualen und nach dem Spielen notiere. Wenn ich nirgendwo hin muss, spiele ich morgens erst einmal ein paar Stunden. Gute Ideen sollte man sofort aufschreiben. Das habe ich früher nicht gemacht und mich nachmittags gefragt, was meine gute Idee vom Morgen war. Und oft kannst du dich nicht mehr daran erinnern.
Diese kleinen Dinge, manchmal nur ein oder zwei Takte, darin ist immer schon etwas Besonderes, was ich höre. Du musst dir selber zuhören, sozusagen von aussen. Dann weißt du, wann du Dinge aufschreiben musst.
Dann arbeite ich an den Ideen, die werden das Vehikel meiner Improvisation. Mal sind sie eher melodisch, mal eher eine rhythmische oder harmonische Idee. Nach ein paar Monaten gehe ich dann zurück zu den Aufzeichnungen. Das habe ich 2025 gemacht. Ich habe die Notizen gesichtet und sie dann zu Kompositionen geformt. Das ist die eigentliche Arbeit, die Ideen in Form zu bringen. Das braucht Zeit. Manchmal geht es aber auch schnell, nur in einem Tag, deswegen heißt eine der Kompositionen „In One Day“. Ich wollte dem Stück diesen Titel widmen, denn das Stück entstand innerhalb eines Tages aus einer einzigen simplen Idee.
Ich habe es vor der Aufnahme ein paar Mal im Konzert gespielt und das Publikum war speziell von diesem Stück sehr angetan, also musste ich es aufnehmen.
Das ist mein Arbeitsprozess. 2025 habe ich Kompositionen aus meinem Jazztagebuch augesucht.
Im August habe ich in L.A. mit Tony Austin aufgenommen, mit dem ich schon auf früheren Alben gespielt hatte. Dann habe ich im November nochmal aufgenommen, weil ich noch mehr Material brauchte, an Silvester, aber mit einem anderen Drummer, Chuck McPherson. Auch wir haben schon einige Tourneen zusammen gespielt, auch in Deutschland.
jazz-fun.de:
Das Gitarrentrio hat im Jazz eine große Tradition. Ist das deine Lieblingsbesetzung?
Tomas Janzon:
Musikalisch ist es nur zu dritt interessant, weil der Schwerpunkt auch auf Bass und Schlagzeug liegt, da sie ebenfalls Solisten sind. Und es ist praktisch, nur zu dritt auf Tour zu sein.
jazz-fun.de:
Für die Aufnahme hättest du ja noch Gäste dazunehmen können.
Tomas Janzon:
Es war meine Wahl, im Trio zu bleiben. Ich wollte alles selbst machen. Ich bin ehrgeizig und nehme die Herausforderung an (lacht).
Es sind kurze Versionen der Stücke, live werden sie natürlich viel länger. Auf dem Album ist alles kompakt. Nedra lässt mich Sachen spielen, die ich sonst nicht mache. Zum Beispiel beim ersten Stück „Spirit Secret“ hatte ich keinen Plan, wie ich solieren wollte. Es gibt eine Menge Akkord- und Tonartenwechsel, es ist ein ziemlich komplexes Stück. Ich wollte einen Vamp gestalten, aber die Taktart ist 11/8, so habe ich mich im Augenblick entschieden, mit dem Bass im Vamp zusammenzuspielen. Wenn davor so viele Akkorde kommen, ändert das plötzliche Sparsame alles. Von da aus wurde mein Solo mit Nedras Unterstützung ziemlich speziell. So ein Solo werde ich vermutlich nicht noch einmal spielen, ich bin sehr zufrieden damit.
jazz-fun.de:
Dann macht das Stück live auf der Bühne sicher viel Spaß.
Tomas Janzon:
Wir haben das schon live in Stockholm und Riga gespielt, es macht wirklich Spaß. Es ist auch eine Herausforderung für den Schlagzeuger. 11/8 ist keine häufige Taktart. Ich habe Tony Austin vor der Session gefragt, ob er schon in elf gespielt habe, er antwortete ganz knapp: „Lots!“
Wir gingen ins Studio, er begann zu spielen und es klang so natürlich, als würde er im 4/4-Takt spielen. Meist ist die Verteilung im Elfer-Rhythmus sechs plus fünf, aber Tony flog darüber hinweg, und Nedra kann sowieso alles spielen. Ich habe mit beiden schon so viel gespielt, dass ich wusste, dass es nur gut werden kann.
jazz-fun.de:
Jetzt geht es vermutlich auf Tour, oder?
Tomas Janzon:
Im Sommer werde ich viel in Schweden spielen, von Bach bis Jazz. Im Oktober stehen weitere Konzerte in Stockholm, Göteborg, Lettland und Paris an. Für 2027 habe ich außerdem Pläne für eine Japan-Tour.
jazz-fun.de:
Danke für das Gespräch.
Aktuelles Album:
Tomas Janzon
Jazz Diary (Changes Music / bandcamp.com)
www.tomasjanzon.com
Über die Autorin
Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.
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