Rezension des Albums "Disillusion" von Jay Matharu
Jay Matharu
Disillusion
Erscheinungstermin: 03.07.2026
Label: self released, 2026
Die besten Kompositionen entstehen manchmal erst, wenn man aufhört, sie erzwingen zu wollen
Manche Alben entstehen am Schreibtisch, andere im Proberaum. Disillusion von Jay Matharu gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Die Kompositionen entwickeln sich aus Improvisationen, aus spontanen Ideen und musikalischen Experimenten, die nach und nach ihre endgültige Form gefunden haben. Gerade deshalb wirkt das Album lebendig und unmittelbar.
Der britische Gitarrist und Komponist, der heute im schwedischen Uppsala lebt, verbindet auf seinem neuen Album unterschiedlichste musikalische Erfahrungen zu einer eigenständigen Klangsprache. Jazz Fusion bildet dabei das Fundament, doch immer wieder fließen Elemente des Progressive Rock und der nordindischen klassischen Musik ganz selbstverständlich in das musikalische Geschehen ein. Diese Einflüsse erscheinen jedoch nie als stilistische Zitate. Sie sind längst Teil von Matharus persönlicher musikalischer Handschrift.
Im Mittelpunkt steht seine ausdrucksstarke Gitarrenarbeit. Matharu versteht es, lyrische Melodien mit rhythmischer Energie und harmonischer Raffinesse zu verbinden. Seine Soli beeindrucken nicht durch bloße Virtuosität, sondern durch ihre erzählerische Qualität. Jede Improvisation entwickelt sich aus dem musikalischen Zusammenhang heraus und trägt die Komposition konsequent weiter.
Unterstützt wird er dabei von einem hervorragend aufeinander abgestimmten Ensemble. Erik Brandell setzt mit seinem Tenorsaxofon markante Akzente und bereichert die Musik um warme, kraftvolle Klangfarben. Christine Lanusse sorgt am E-Bass für ein elastisches Fundament, während Jacob Johnson mit präzisem und zugleich flexibel reagierendem Schlagzeugspiel die rhythmische Dynamik der Stücke entscheidend mitgestaltet.
Besonders überzeugend ist die Balance zwischen Struktur und Freiheit. Die Kompositionen besitzen klare Konturen, lassen den Musikern aber jederzeit genügend Raum, ihre Ideen weiterzuentwickeln. Dadurch entstehen Spannungsbögen, die sich ganz natürlich entfalten und den Hörer ohne Unterbrechung durch das Album tragen.
Disillusion lebt von dieser Offenheit. Die Musik wechselt mühelos zwischen ruhigen, melodischen Passagen und kraftvollen Fusion-Grooves, ohne dabei ihren roten Faden zu verlieren. Jede Entwicklung wirkt nachvollziehbar, jede Wendung musikalisch begründet.
Mit Disillusion präsentiert Jay Matharu ein bemerkenswert geschlossenes Album, das kompositorische Reife, improvisatorische Freiheit und stilistische Offenheit miteinander verbindet. Es ist Jazz Fusion mit einer klaren eigenen Identität – intelligent komponiert, hervorragend arrangiert und mit großer Überzeugung gespielt. Ein Album, das seine ganze Wirkung im ununterbrochenen Hören entfaltet.
(Jacek Brun, 25.07.2026)
Besetzung
Jay Matharu - Guitar, Keys
Erik Brandell - Tenor Saxophone
Christine Lanusse - Bass Guitar
Jacob Johnson - Drums
Titelliste
- Atrophy
- Bare
- Cog
- Deluge
- Shruti
- Chalo
- Butterflies
- Bittersweet
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