Wer heute Jazz liebt... - Ein Portrait der Partnerregion Baltikum
Eine einzige Geschichte erzählen, über drei Länder und drei verschiedene Kulturkreise? Unmöglich.
Es gibt jedoch Anekdoten aus dem Baltikum, die über alle Grenzen hinaus relevant erscheinen.
Zum Beispiel die der Karnofskys. Die Familie aus dem südlichen Litauen war nach New Orleans ausgewandert. Im Jahr 1907 begannen sie, sich um einen sechsjährigen Jungen zu kümmern, der bei seiner Großmutter aufwuchs. Vermutlich waren sie es, die dem Kleinen den Spitznamen „Satchelmouth“ gaben, später verkürzt zu „Satchmo“ – Louis Armstrong. Der spätere Weltstar lernte jiddische Lieder und bekam von seiner Pflegefamilie angeblich sogar fünf Dollar, mit denen er sein erstes Kornett kaufen konnte.
Was er von den mitfühlenden Litauern lernte? „Zielstrebigkeit“, so schrieb Armstrong es später in seiner Autobiographie.
Bewegender noch: die Geschichte des Baltischen Weges. Am 23. August 1989 bildeten über zwei Millionen Esten, Letten und Litauer eine fast 700 Kilometer lange Menschenkette, quer durch die drei damaligen Sowjetrepubliken. Ein friedlicher Protest für die Unabhängigkeit, der in die Zeit der „Singenden Revolution“ fiel, in der erstmals wieder öffentlich die verbotenen Hymnen der drei Länder gesungen werden konnten.
Heute gehören Estland, Lettland und Litauen zur EU, seit 2015 gilt überall der Euro. Mehr als sechs Millionen Menschen leben auf einer Fläche, die ungefähr der Hälfte Deutschlands entspricht. Jazz ist hier überall zu hören, nicht zuletzt bei den Festivals.
Das größte Festival der Region ist das seit 1990 bestehende Jazzkaar in Tallinn (Estland). Rīgas Ritmi findet seit 2001 in der lettischen Hauptstadt statt. In Litauen gibt es mehrere größere Jazzfestivals, darunter das alle zwei Jahre stattfindende Birštonas Jazz, gegründet im Jahr 1980, zur Hochzeit des Kalten Krieges.
Kurze Geschichte des Jazz im Baltikum
Die Wurzeln des Jazz im Baltikum gehen bis in den Sommer 1918 zurück. Damals gründeten Schüler einer deutschsprachigen Schule in Tallinn eine moderne Tanzband, aus der später Estlands erstes professionelles Jazzorchester hervorgehen sollte.
Der Begriff „jaz“ findet sich erstmals im Oktober 1918 in der lettischen Libausche Zeitung. Damals war es „Salon-Musik“, die in der Öffentlichkeit oft mit „Lärm, Chaos und anstößigem Verhalten“ in Verbindung gebracht wurde, wie der Historiker Indriķis Veitners schreibt.
Aus Kaunas in Litauen stammt der Violinist Danielius Pomerancas alias Daniel Pomerantz, der bis 1926 am Berliner Konservatorium studierte. Später nahm der Bandleader mit seinem Orchester gleich elf Schellackplatten für Columbia Records in London auf.
In der sowjetischen Besatzungszeit ab 1945 war Jazz nicht verboten, wurde aber kritisch beäugt; westliche Schallplatten mussten hinein geschmuggelt werden. Dennoch wuchs das 1959 etablierte Tallinn Jazz Festival; 1967 spielten hier auch Musiker aus den anderen baltischen Ländern und als Headliner trat das Charles Lloyd Quartet (am Piano: Keith Jarrett) auf. Medien wie die New York Times schrieben über die Popularität des Jazz hinter dem Eisernen Vorhang. Doch die Festival-Blüte währte nur kurz, in den Ländern der Sowjetunion wurde der Spruch verbreitet: „Wer heute Jazz liebt, verkauft morgen die Heimat“.
Über die Band des litauischen Pianisten Wjatscheslaw „Slava“ Ganelin hieß es in den Siebzigern und Achtzigern, sie sei „das beste Free-Jazz-Ensemble der Welt“. Das Ganelin Trio tourte international und wurde mit dem Art Ensemble of Chicago verglichen. Diesmal nahmen die Platten den umgekehrten Weg: vom Osten in den Westen.
The Baltics have arrived
Heute wirkt die baltische Szene längst nicht mehr im Untergrund. Der estnische Pianist Kristjan Randalu nimmt Alben für ECM auf, die estnische Saxofonistin Maria Faust erobert von Dänemark aus mit anspruchsvollen Projekten wie „Mass of Mary” die Welt.
In Lettland schrieb Gitarrist Matīss Čudars im Jahr 2023 Geschichte, als er den üblicherweise für klassische Produktionen reservierten Latvian Grand Music Award erhielt. Die 1997 geborene Lettin Ella Zirina zählt aktuell zu den gefragtesten Gitaristinnen in ganz Europa.
Zu einer jungen, Genre-offenen Generation in Litauen gehört Jievaras Jasinskis, Posaunist und Leiter verschiedener Bigbands. Ein wichtiger Musiker ist auch der international preisgekrönte Saxophonist Liudas Mockūnas - und auch der Perkussionist Vladimir Tarasoff vom Ganelin Trio ist nach wie vor aktiv.
Was die lettische Journalistin Anete Ašmane-Vilsone einmal über ihre Landsleute schrieb, gilt längst für das ganze Baltikum: „Was unseren Jazz derzeit ausmacht, ist das Selbstvertrauen, sich nicht mehr verstecken zu wollen. We have finally arrived.“
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