„What the World Needs Now“: Der „Jazz Sommer 2026“ im Münchner Bayerischen Hof (27.07. – 01.08.2026)
Ja, was braucht sie denn nun, die Welt heutzutage? Dazu fiele einem eine ganze Menge ein, wobei der Song, den Burt Bacharach (Musik) und Hal David (Text) im Jahr 1965 geschrieben haben und auf den sich das Festivalmotto bezieht, eine der offensichtlichsten Antworten bereits im Titel verrät.
Von Robert Fischer
Dieser Titel lautet nämlich vollständig „What the World Needs Now Is Love“. „Sweet love“ sogar, das präzisiert dann gleich noch die erste Songzeile, wobei wir alle wissen, dass die Liebe nicht immer nur süß sein kann. Tiefer zu schürfen ist das Anliegen des im gemächlichen Walzertakt dahindümpelnden, zuerst von Jackie DeShannon, dann u. a. von Dionne Warwick und Luther Vandross gesungenen Liedchens – einer ziemlichen Schnulze übrigens – nicht. Dabei waren die Zeiten, als das Stück mitten im Vietnamkrieg entstand, durchaus ernst. Und das sind sie ja auch heute. Da stellt sich also die Frage, ob so ein sommerliches Musikfestival in einem Münchner Luxushotel neue Antworten geben kann.
Gemeinschaft und Gemeinsinn
Um es gleich vorwegzunehmen: nein. Eher verdeutlichte das Festival, das es seit 2006 als eigenständiges Event gibt, was die Welt sicher nicht braucht: seichte, oberflächliche Unterhaltung. In diesem Sinne formulierte der SZ-Journalist und Programmgestalter des Festivals, Oliver Hochkeppel, worum es ihm bei der Zusammenstellung seines Programms ging: Von Anfang an sei der Jazz „eine Musik des Widerstands gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, eine Stimme der Hoffnung und Heilung“ gewesen. Folglich wolle man in diesem Jahr Künstlerinnen und Künstler präsentieren, „die sich engagieren, die zu Gemeinschaft und Gemeinsinn aufrufen, über die Musik hinaus“.
In memoriam: Abdullah Ibrahim
Ein würdiger Vertreter dieser Haltung wäre die südafrikanische Pianistenlegende Abdullah Ibrahim gewesen, eine unter ihrem früheren Künstlernamen Dollar Brand bekannt gewordene Ikone der Anti-Apartheid-Bewegung, die für das Eröffnungskonzert im Bayerischen Hof gebucht und deren Name bereits in 6000 Festivalflyern gedruckt war. Da Abdullah Ibrahim aber nur wenige Wochen vor dem Festival, am 15. Juni, im Alter von 91 Jahren starb, musste rasch eine Alternative gefunden werden.
„Für Elise“ alla Cubana
Statt Abdullah Ibrahim spielte deshalb Alfredo Rodriguez mit seinem Trio das offizielle Eröffnungskonzert am 28. Juli – am Tag zuvor war einer schönen Tradition folgend schon eine aus Münchner Musikkritikern zusammengestellte Band zu hören gewesen, gefolgt vom Matthias Bublath Trio. Leider kam Alfredo Rodriguez mit dem Programm seines aktuellen Albums „¡Take Cover!“ in den Nightclub des Bayerischen Hofs, auf dem er sich relativ wahllos im Fundus populärer und populärster Hits wie „The Final Countdown“, „Hotel California“, „Barbie Girl“ und „Mission Impossible“ bedient, um die sattsam, ja oft bis zum Überdruss bekannten Melodien einer „Latinisierung“ zu unterziehen – sie also dem musikalischen Kosmos seiner lateinamerikanischen Herkunft einzuverleiben. Das funktioniert selbst bei einer nicht auf dem Album zu hörenden, im Bayerischen Hof aber als „Zuckerl“ für das deutsche Publikum dargebotenen Version von Beethovens „Für Elise“ reibungslos, erschöpft sich jedoch schnell im immer gleichen Tasten-Rauf-und-Runter, mit dem der Pianist seine Virtuosität mehr ausstellte als musikalisch sinnvoll einsetzte. Dabei ist das Trio des kubanischen, schon lange in den Vereinigten Staaten lebenden und u. a. von Quincy Jones geförderten Pianisten mit seinem Landsmann Michael Olivera am Schlagzeug und dem für einige besondere solistische Glanzlichter sorgenden kamerunischen E-Bassisten Swaeli Mbappé exzellent besetzt: Da wäre auch mehr drin gewesen!
Höhen und Tiefen
Wesentlich interessanter war danach der Auftritt des New Yorker Sirius Quartets um den (in Stuttgart geborenen) Violinisten und Komponisten Gregor Hübner. Ganz aktuell ist das mit dem an diesem Abend auch dezent beatboxenden Trompeter Joo Kraus und dem (nicht mit auf der Bühne im Bayerischen Hof stehenden) Kontrabassisten Veit Hübner aufgenommene Album „Third Space“ erschienen. Im Nightclub spielten sie anders als auf dem (bis auf ein Radiohead-Cover aus Eigenkompositionen bestehenden) Album auch intelligent arrangierte Stücke u. a. von den Beatles und Sting und zeigten so, dass die feinsinnige Adaption bekannter Melodien tatsächlich neue musikalische Horizonte eröffnen kann. Nicht weniger überzeugend waren allerdings auch die Eigenkompositionen des mit Joo Kraus zum Quintett erweiterten Quartetts.
Ein Tiefpunkt – nicht, was den Publikumserfolg angeht, wohl aber in der musikalischen Substanz – war dann am Festivalmittwoch der Auftritt des Entertainers Jowee Omicil, bei dem sich die Frage stellt, ob jemand wie er, der – mit Ausnahme vielleicht des Saxofons – gleich mehrere Instrumente nicht wirklich gut beherrscht, schon als „Multiinstrumentalist“ bezeichnet werden kann. Vom Klavier sollte der als Sohn haitianischer Einwanderer in Montreal aufgewachsene, in Paris lebende Musiker jedenfalls auf einer Bühne besser die Finger lassen; auch das Singen überlässt er besser Gästen wie an diesem Abend der marokkanischen Sängerin Malika Zarra. Den angewandten Dilettantismus oder, freundlicher ausgedrückt, Mangel an musikalischen Ideen mit bayerisch antrainierten „Ois easy“-Sprüchen mehr oder weniger charmant zu überspielen, um mit bunter Kappe, weißer Sonnenbrille und gelben Regenstiefeln als Paradiesvogel ausstaffiert das Publikum zu läppischen Mitsingträllereien zu animieren: Im Bayerischen Hof funktionierte das in Begleitung von Elvin Bironien am Bass und den völlig überflüssigerweise doppelt besetzten Schlagzeugern Yoann Danier und Taylor Philemon erstaunlich gut.
Eine wahre Wohltat war dagegen am nächsten Tag das Konzert des Daniel García Diego Trios. Der am Konservatorium seiner spanischen Heimatstadt Salamanca zunächst klassisch, dann am Berklee College of Music auch im Jazz ausgebildete Pianist verzichtete auf jegliche Showmätzchen und setzte zusammen mit dem im kubanischen Santa Clara geborenen, seit 2010 in Spanien lebenden Kontrabassisten Reinier Elizarde „el Negrón“ und dem in Teheran geborenen, am Konservatorium in Wien auch klassisch ausgebildeten Schlagzeuger und Perkussionisten Shayan Fatih ganz auf die vereinende, keine nationalen oder sonstigen Grenzen kennende Kraft der Musik. Dabei griffen die wunderbar miteinander harmonierenden Musiker vor allem auf das Repertoire der letzten drei Trioalben Diegos zurück – das neueste, „Wonderland“, ist 2024 bei ACT erschienen. In längeren Intros ließ Daniel Garcia Diego zudem Musik aus seinem Soloalbum „The Hero’s Journey“ anklingen, das nur einen Monat vor dem Festival ebenfalls bei ACT erschienen ist und sich auf die klassische Heldenreise bezieht, wie sie der Mythenforscher Joseph Campbell in seinem erstmals 1949 erschienenen Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ als universelles Motiv sämtlicher mythischen Traditionen der Welt beschreibt. Solistisch glänzen konnten alle drei Musiker – Reinier Elizarde „el Negrón“ allerdings mit einigen Abstrichen im nicht immer ganz intonationssicheren Spiel mit dem Bogen. Am berührendsten wurde die auch tief aus einer folkloristischen Tradition diesseits wie jenseits des Flamencos schöpfende Musik in ihren ganz leisen, zarten, intimen Partien, wenn alle drei auf Augenhöhe miteinander kommunizierenden Instrumentalisten gemeinsam eine Musik kreierten, die deutlich macht, wie kostbar jeder einzelne Moment ist. Und ja, auch von solchen (Erkenntnis-)Momenten kann die Welt gar nicht genug bekommen …
Karibische Heiterkeit und nordischer Klangzauber
Mit Fabiola Méndez konnte Oliver Hochkeppel am Festivalfreitag eine echte Premiere beim Jazz Sommer im Bayerischen Hof ankündigen: Erstmals trat die 30 Jahre alte Cuatro-Spielerin, Sängerin und Komponistin aus Puerto Rico auf dem europäischen Festland auf – mit einer exzellent eingespielten, an E-Bass (Juan Maldonado), Schlagzeug (Adrian Maldonado) und Percussion (Miguel Martinez) auch hervorragend besetzten Band. Den Bayerischen Hof in München eroberte sie mit ihrer Musik, die karibische Heiterkeit und rhythmische Vielfalt mit virtuoser Spielfreude und kantablen Melodien verbindet, im Sturm – an keinem anderen Tag des Festivals war die Stimmung so (im Wortsinn) bewegt (und bewegend) wie bei ihrem Konzert. Sehr sympathisch auch die Ansagen der charmanten Performerin: von der Liebe zur Musik war da die Rede und davon, dass sich diese Liebe auch – da wären wir wieder bei Burt Bacharach – in der Musik auf andere übertrage. Durchaus glaubwürdig zudem ihre Freude darüber, wie sie mit ihrem Instrument, das Fabiola Méndez schon als Sechsjährige erlernte, nun die Möglichkeit habe, an Orte auf der Welt zu reisen, die sie sich nie zuvor erträumt habe. In den Bayerischen Hof in München zum Beispiel … Wobei sie die Cuatro – das traditionell viersaitige, in der von ihr gespielten Variation fünfsaitige (doppelt bespannt zehnsaitige) Nationalinstrument Puerto Ricos höchst virtuos zu spielen weiß (und als bisher einzige Absolventin des Berklee College of Music ihr Studium auf der Cuatro als Hauptinstrument abgeschlossen hat). Dass sie darauf auch sehr souverän zu improvisieren weiß, lässt Fragen wie die, ob es sich bei ihrer Musik überhaupt um „Jazz“ handle, ins Leere laufen.
Die gleiche Frage könnte man natürlich auch bei den beiden nordischen Klangzauberern Tord Gustavsen und Trygve Seim stellen, mit derem fast zweistündigem Konzert das Festival am Samstag sehr erfolgreich zu Ende ging – und da wäre sie genauso müßig. Im Duo mit seinem norwegischen Landsmann Trygve Seim, dem sichtlich in sich ruhenden, einer beliebigen Auswahl möglicher Töne immer den einen richtigen – seinen – Ton vorziehenden Tenor- und Sopransaxofonisten, der wie Gustavsen in Trondheim studiert hat, widmete sich der Pianist den von ihm so bezeichneten „Inner Chorals“ – einer von geistlichen Bach-Kantaten genauso wie von alten norwegischen Hymnen inspirierten Musik. Letztere, so erzählte er einmal Burkhard Reinartz in einem Interview für den Deutschlandfunk, würden bei ihm „ein starkes Gefühl von spiritueller Einheit und universeller Liebe“ erzeugen. Aus diesem Gefühl heraus entsteht eine Musik, der sich wohl nur Menschen mit einem Herz aus Stein verschließen könnten – selbst wenn Tord Gustavsen an diesem Abend mit ein paar technischen Problemen beim (sparsamen) Einsatz elektronischer Instrumente zu kämpfen hatte. Entscheidend aber war: Mit Trygve Seim standen hier zwei offenbar seelenverwandte Musiker auf der Bühne im Bayerischen Hof, die etwas sehr Wesentliches gemeinsam haben – die geniale Schlichtheit ihres Spiels, die Kunst, jede Harmonie, jede Melodie, jeden Ton so zwingend erscheinen zu lassen, als gäbe es gar keine andere Option, und nicht zuletzt die Offenheit für „das Andere“, nicht ohnehin schon dem Jazzidiom Eigene. So schenkten die beiden dem Publikum im bis auf den letzten Platz voll besetzten Nightclub im Bayerischen Hof dann auch den berührendsten Moment des ganzen Festivals, als der ansonsten eher schweigsame Tryvge Seim ihr nächstes Stück ankündigte mit den Worten, wie sehr ihn unsere zunehmend waffenstarrende Welt ängstige. Viel mehr brauchte er dann auch gar nicht mehr zu sagen, denn die Musik, die dann folgte – ein ukrainisches Wiegenlied –, sagte alles.
Kein Wunder auch, dass Oliver Hochkeppel, der danach noch einmal auf die Bühne kam, um sich „bis zum nächsten Jahr“ vom Festivalpublikum zu verabschieden, selbst noch sichtlich ergriffen schien und meinte, ein bessere Beispiel dafür, was die Antwort auf die im Festivalmotto gestellte Frage wäre, als die eben gehörte Musik, könne es doch gar nicht geben.
Bilder einer Ausstellung
Traditionell gehört zum Jazz Sommer im Bayerischen Hof auch ein Begleitprogramm mit Musikfilmen im Premiumkino des Hauses und einer Fotoausstellung im Atrium. Passend zum hundertsten Geburtstag von Miles Davis in diesem Jahr gab es den Film „Miles Davis – Birth of the Cool“ in der Regie von Stanley Nelson jr. zu sehen. Im Atrium stellte Ralph Quinke seine Fotos von Miles Davis aus, auf denen die Musiklegende u.a. in ungewöhnlich intimen Porträts in seinem Haus in Malibu zu sehen ist.
Wie wohl Miles Davis’ Sicht auf unsere heutige Welt gewesen wäre? Was er auf die im Festivalmotto gestellte Frage gesagt hätte? Keine Ahnung. Aber was seine nach allen Seiten hin offene Haltung zur Musik angeht, hätte ein Zitat von ihm auch diesem Jazz Sommer im Bayerischen Hof ein passendes Motto geben können: „Good music is good, no matter what kind of music it is.“
Website Bayerischen Hof: www.bayerischerhof.de
Über den Autor
Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.
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