Im polnischen Gleiwitz und in Kattowitz gibt es ein wunderbares Festival zum Entdecken
Von Christoph Giese
Der Festivalname wirft Fragen auf. Jazz w Ruinach bedeutet auf Deutsch „Jazz in den Ruinen“. Aber diese Veranstaltung geht an zwei Wochenenden in Gleiwitz und am dritten Wochenende in Kattowitz über die Bühnen ehemaliger Industriegebäude. Keine Ruinen also. Aber die ersten 15 Ausgaben des seit 22 Jahren existierenden, schlesischen Jazzfestivals fanden in den Ruinen des alten Victoria-Theaters in der Innenstadt von Gleiwitz statt. Das hatte die Rote Armee einst beim Einmarsch in Gleiwitz im Jahre 1945 in Brand gesteckt. Nun nutzt man in Gleiweitz eine größere, über 150 Jahre alte, ehemalige Modellbauhalle ein wenig außerhalb des Stadtzentrums.
Soviel zur Geschichte von Jazz w Ruinach, das von dem polnischen Spitzentrompeter Piotr Schmidt, geboren und aufgewachsen in Gleiwitz, seit fünf Jahren geleitet wird. Und schon das Auftaktwochenende machte viel Freude, da Schmidt ein buntes und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt hatte. Beim Eröffnungskonzert mit der italienischen Sängerin Sonia Spinello spielte er sogar gleich mal mit. Spinellos Projekt „Eterea“, so heißt auch ihre neue CD, bietet genau was der Albumtitel verspricht: Ätherische Musik, die sanft schwingt, sich bedächtig und mit viel Gefühl entwickelt. Die junge, ebenfalls aus Italien stammende Pianistin Sonia Candellone tupft zarte Akkorde zwischen klassischer Eleganz und jazziger Verspieltheit und mit viel Sinn für Soundgestaltung in die Tasten des Konzertflügels. Und Piotr Schmidt liefert dazu intensive Töne auf seiner optisch markanten, schwarz-goldenen Trompete. Was man bei diesem die Seele streichelnden Konzert am allerwenigsten glauben kann, ist dass der Vierte auf der Bühne, im Gegensatz zu Piotr Schmidt, zuvor nie mit Spinello zusammengespielt hat. Multiinstrumentalist Tomasz Drodzek traf die Italienerin erst am Konzerttag, man probte zusammen. Und dann klingt es am Abend so, als wüsste Drodzek in jedem Moment genau was Spinellos Musik gerade benötigt. Oder besser gesagt, was sie bereichert. Mit einer Vielzahl an ethnischen Instrumenten kleidete der Pole die Klänge der anderen drei auf der Bühne aus. Zauberschön.
Wesentlich konventioneller spielte danach das Adam Jarzmik Quintett auf. Klassisch besetzt mit zwei Bläsern plus Rhythmusgruppe bewegen sich die Kompositionen des Pianisten und Bandleaders im Fahrwasser des Modern Mainstream. Schöne Melodien, kraftvolles Ensemblespiel und hörenswerte Soli zeichneten diesen Auftritt aus, der eine schöne Schnittstelle bot für das dritte Konzert des Abends mit einem weiteren Pianisten, dem gebürtigen Israeli und nun in den USA lebenden Tal Cohen. Mit dem fantastischen US-Trompeter John Daversa, der in Gliwice auch zum elektronischen Ventilinstrument griff und mit dessen Sounds begeisterte, und den beiden Polen am Schlagzeug, Sebastian Kuchczyński, und Kontrabass, Sławomir Kurkiewicz (letztgenannter stieß erst am Konzerttag zur Band), zeigte sich Tal Cohen als fingerfertiger, energiegeladener Kreativgeist im Neudenken bekannter Jazzstandards. So fulminant wie bei Cohen hat man „On A Clear Day“ wohl selten gehört. Noch feuriger geriet nur ein altes Stück aus Bulgarien, das seine Oma ihm immer vorsang. Aber auch als solo als Balladen-Interpret ist dieser Tastenzauberer die volle Aufmerksamkeit wert.
Mit dem Schlagzeuger Grzegorz Masłowski und seinem mit gleich zwei Saxofonisten besetzen Quintett stellte sich bei Jazz w Ruinach ein weiterer hörenswerter Musiker der kreativen polnischen Jazzszene vor. Zeitgenössischer, lyrischer, europäisch verwurzelter Jazz, in einen schönen Bandsound gesetzt, das ist die Musik des Mannes aus Krakau. Nicht spektakulär, aber doch einfach gut. Dass das Tingvall Trio seit Jahren schon echte Publikumslieblinge sind, verwundert ja längst nicht mehr. Die Formel des schwedischen Pianisten Martin Tingvall, des kubanischen Bassisten Omar Rodriguez Calvo und des deutschen Schlagzeugers Jürgen Spiegel ist einfach, aber wirkungsvoll: Ein untrügliches Gespür für sehr zugängliche Melodien mit Ohrwurm-Qualität, auch mal mit Popappeal, sowie ein perfekt austarierter Fluss aus tänzelnden Melodien, leichtfüßigen Grooves und Rhythmen in einer wohlüberlegten Balance aus Auskomponiertem und improvisierten Momenten. Und Ideen hat das Trio. Wie sie vielleicht klingen würden, wenn sie endlich mal auf Kuba spielen könnten, was bisher noch nicht klappte, deutete das Trio im hochvirtuosen, rasanten Stück „Cuban SMS“ eindrucksvoll an.
Das Jazz w Ruinach-Festival läuft noch bis zum 15. August. Und es warten mit Künstlern wie dem Spanier Vincen García oder dem Piotr Schmidt Quintet, das mit „Komeda Songs Without Words“ das neueste, äußerst gelungenes Albumprojekt des Trompeters vorstellt, noch einige Höhepunkte auf den interessierten Jazzfan.
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Adam Jarzmik Quintet, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Adam Jarzmik Quintet, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Adam Jarzmik, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Grzegorz Maslowski, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Sebastian Kuchczynski, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Sonia Candellone & Sonia Spinello, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Piotr Schmidt, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Tomasz Drozdek, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Sonia Spinello Quartet, Foto: Tomasz Kowalczuk -
John Daversa, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Tal Cohen & John Daversa, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Tal Cohen Quartet, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Tal Cohen, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Martin Tingvall, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Tingvall Trio, Foto: Tomasz Kowalczuk
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Sonia Spinello, Foto: Tomasz Kowalczuk -
John Daversa, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Omar Rodriguez Calvo, Foto: Tomasz Kowalczuk -
Slawomir Kurkiewicz, Foto: Tomasz Kowalczuk
Über den Autor
Christoph Giese schreibt seit über drei Jahrzehnten über Jazz und Musik. Für jazz-fun.de berichtet er von Festivals in Deutschland und Europa – mit besonderem Blick auf außergewöhnliche Veranstaltungen, spannende Neuentdeckungen und die Vielfalt der Jazzszene..
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Kommentar von Karl Heinz Babatschek |
danke für den Bericht. Unsere polnischen freunde auf Kreta haben sich sehr gefreut.
Wir alle in Kreta würden uns über einen Bericht über das jährlich stattfindende Vlatos Jazz Festival freuen.
Jeden Sonntag im Sommer spielen kretische , griechische und internationale Künstler im Westen Kretas auf kleiner Bühne.
https://www.youtube.com/results?search_query=vlatos+jazz
Lieben Gruss
Karl Heinz Babatschek