The Bright Side of the Moon – Laurie Anderson mit Sexmob in der Münchner Isarphilharmonie (13. Juli 2026)

Laurie Anderson
Laurie Anderson, Foto: Robert Fischer

Von Robert Fischer

Neunundsiebzig Jahre ist Laurie Anderson inzwischen jung – und kein bisschen leise. Höchstens ein bisschen weise. Aber nicht in einem abgeklärten, gar in sich gekehrten Sinn, sondern als wie eh und je neugierig verschiedenste Welten erforschende, politisch und sozial engagierte Künstlerin. Ihr Konzert in der vollbesetzten Münchner Isarphilharmonie, das sie zusammen mit dem New Yorker Jazzensemble „Sexmob“ um den Slide-Trompeter Steven Bernstein und den Schlagzeuger Kenny Wollesen gab, wurde zu einer ausgedehnten, gut 120 Minuten lang andauernden, vom Publikum begeistert gefeierten Sternstunde ihrer ganz eigenen Kunst, mit Wort, Licht, Multimedia und avancierter Technik zu immer wieder liedhaft eingängigen Melodien und einer gleichmäßig fließenden Musik ein Werk zu schaffen, das es so nur von ihr zu erleben gibt.

„This is your Captain“

Wer sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, wie Laurie Anderson im Verbund mit den Jazzern klingt, aber leider eines der Konzerte auf der aktuellen Tour verpasste, dem sei das erst kürzlich erschienene Album „Let X=X“ (Live) an die Ohren gelegt, das sie mit dem gleichen Ensemble während einiger Konzerte im Jahr 2023 einspielte. Der Beginn – „From the Air“, wenn alle Bandmitglieder auf die Bühne kommen und Laurie Anderson sich zunächst mit ihrer elektrischen fünfsaitigen Geige im Hintergrund positioniert – ist der gleiche, auch die Begrüßungsformel und die anschließende Vorstellung der einzelnen Mitglieder ihrer Band gleichen sich …

„This is the time“

Doch dann leitet sie über in das aktuelle Programm, das „Republic of Love“ überschrieben ist und beginnend mit „Big Science“, dem Titelstück ihres 1982 erschienenen Debütalbums, zeigt, wie spielerisch leicht es ihr gelingt, sich selbst zu zitieren und dabei doch immer ganz gegenwärtig zu sein. Schon das Schlüsselwort KI genügt, um den Bogen zur Jetztzeit zu ziehen. Was zeigt, dass es weniger der aktuelle Anlass ist, um den es ihr geht, als um Grundsätzliches. Wie auch an einem ihrer Lieblingszitate deutlich wird: „If you think technology will solve your problems, you don't understand technology – and you don’t understand your problems.“

„You are not alone“

„Language Is A Virus“ im Anschluss an „Big Science“, ein von William S. Burroughs adaptiertes Zitat, illustriert sie auf dem Bildschirm im Bühnenhintergrund mit Worten, die die Trump-Regierung für die Verwendung in offiziellen Schriftstücken verboten hat: Also mehr oder weniger alles, was auch nur ansatzweise als „woke“ empfunden werden könnte, ist hier aufgeführt, genauso wie die Benennung des Golfs von Mexiko. „Wenn Worte nicht mehr benutzt werden (dürfen)“, sagt Laurie Anderson dazu, „beginnt man, ihre Bedeutung zu vergessen.“

Womit das Grundthema ihres Konzerts, die „Republic of Love“ benannt ist – als Gegenmodell zu einer der Wut und des Hasses, ohne dass dies eigens ausgesprochen werden müsste. Im Lauf des Konzerts in der Isarphilharmonie macht das Publikum mit Laurie Anderson eine Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert US-amerikanischer Kulturgeschichte, mit Säulenheiligen einer künstlerischen Avantgarde wie John Cage, Allen Ginsberg und Gertrude Stein. Was nicht immer gleich gut funktioniert: Bob Dylans „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“, als Song fast ins Unkenntliche zerdehnt, illustriert sie auf dem Bildschirm mit der deutschen Übersetzung des Liedtextes, die sich dann doch reichlich banaler liest als das englische Original in den Ohren klingt.

Anrührender sind eingestreute Geschichten aus Laurie Andersons Leben – „Uncle Allan“, etwa, der im Zweiten Weltkrieg in Europa kämpfte und danach zu ihnen ins Haus zog, wo er unter dem Dach wohnte und dort „drei Jahre lang Nacht für Nacht weinte“. Für Laurie Anderson war das eine essenzielle Erfahrung ihrer Kindheit: „A man, screaming.“

„The Republic of Love“

Und natürlich weiß sie auch, wie dem grassierenden gesellschaftlichen und politischen Irrsinn zu begegnen ist. Humor kann hilfreich bloßstellend sein, wie eine Anekdote erzählt, die sie am John-F.-Kennedy-Flughafen in New York City erlebte. Am Checkpoint angekommen, wo Offiziere der US-Einwanderungsbehörde ICE strenge Kontrollen durchführen, habe sie eine rosa Wollmütze getragen, eine dunkle Sonnenbrille und eine Jacke im Military-Style. Was die Offiziere dazu veranlassten, vor Laurie Anderson zu salutieren … (Berechtigte Frage der Performerin ans Publikum: „Was ist das für ein Militär, in dem man solche rosa Wollmützen trägt?“)

Zum Schluss des Konzerts erzählt sie noch, dass ihr Mann Lou Reed, mit dem sie bis zu seinem Tod im Jahr 2013 verheiratet war, in China gar nicht so sehr als Sänger bekannt gewesen sei, sondern vielmehr für seine Tai-Chi-Künste. Damit animiert sie ihr bereitwillig aufstehendes Publikum in der gut 2000 Zuschauer fassenden Münchner Isarphilharmonie, ein paar Tai-Chi-Übungen mit ihr zu machen, und verabschiedet sich schließlich mit der Bemerkung, dass es viele traurige Dinge auf der Welt gebe – wer sie ignoriere, sei ein Idiot –, doch man solle auch niemals vergessen, was der Grund für unser aller Dasein ist: eine gute Zeit zu haben. Diese aber hatte das Publikum an diesem wunderbaren Abend ganz bestimmt …

Laurie Anderson
Laurie Anderson, Foto: Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

Über den Autor

Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 6 plus 3.