Lorenzo Petrocca – Vom Boxring zur Kunst des Swing

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Lorenzo Petrocca, Foto: Diana Balser-Steck

Manchmal beginnt eine Musikerbiografie nicht im Proberaum, sondern im Boxring. Lorenzo Petrocca war württembergischer Jugendmeister, bevor die Gitarre endgültig sein Leben bestimmte. Den Jazz entdeckte er sogar erst mit 25 Jahren. Was folgte, ist die Geschichte eines weitgehend autodidaktischen Musikers, der sich mit ausgeprägtem Swinggefühl, melodischer Eleganz und einem warmen, unmittelbar erkennbaren Gitarrenton einen festen Platz in der deutschen und europäischen Jazzszene erspielte.

Lorenzo Petrocca wurde am 18. Februar 1964 im süditalienischen Crotone geboren. 1979 kam er als Fünfzehnjähriger mit seiner Familie nach Deutschland und ließ sich im schwäbischen Raum nieder. Zunächst galt seine Leidenschaft dem Sport. Er begann zu boxen und wurde bereits 1981 württembergischer Jugendmeister in seiner Gewichtsklasse.

Doch parallel dazu entwickelte sich seine Begeisterung für Musik. Mit 18 Jahren kaufte Petrocca seine erste elektrische Gitarre. Eine klassische Jazz-Ausbildung durchlief er nicht. Er eignete sich das Instrument weitgehend autodidaktisch an und sammelte seine ersten praktischen Erfahrungen in italienischen Tanzbands.

Ab Mitte der 1980er-Jahre spielte er gemeinsam mit in Deutschland stationierten amerikanischen Soldaten in Soul- und Funkbands. Diese Erfahrungen wurden zu einer wichtigen Schule: Groove, Timing und unmittelbare Kommunikation mit dem Publikum prägten sein musikalisches Verständnis lange bevor Jazz zum Mittelpunkt seiner Arbeit wurde.

Die Entdeckung des Jazz

Erst 1989, mit 25 Jahren, begann Petrocca sich intensiv mit Jazz zu beschäftigen. Die neue musikalische Welt wurde schnell zu seiner eigentlichen künstlerischen Heimat.

In den 1990er-Jahren etablierte er sich in verschiedenen Swingformationen und arbeitete unter anderem mit Charly Höllering, Alexander Katz, Oskar Klein und Charly Antolini. Dabei entwickelte sich jene Verbindung aus Swing, melodischer Klarheit und rhythmischer Präzision, die sein Gitarrenspiel bis heute kennzeichnet.

1995 erschien mit „Insieme“ sein erstes Album unter eigenem Namen. Mit dabei war der italienische Multiinstrumentalist und Mundharmonikaspieler Bruno De Filippi.

Das Jahr brachte noch eine andere entscheidende Erfahrung. Am 9. September 1995 fand im Theaterhaus Stuttgart ein Benefizkonzert für den erkrankten amerikanischen Gitarristen Barney Kessel statt. Gemeinsam mit Theaterhaus-Leiter Werner Schretzmeier und Produzent Julius Pischl war Petrocca an der Organisation beteiligt.

Die Besetzung war außergewöhnlich: John McLaughlin, Philip Catherine, Nguyên Lê und Herb Ellis gehörten zu den beteiligten Gitarristen. Petrocca selbst spielte mit Ellis in Quartettbesetzung. Für den noch am Beginn seiner Jazzkarriere stehenden Musiker wurde die Begegnung mit diesen international prägenden Gitarristen zu einem wichtigen Meilenstein.

Vom Autodidakten zum internationalen Jazzmusiker

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Petrocca eine bemerkenswert umfangreiche Konzert- und Aufnahmetätigkeit. Als Bandleader und Sideman arbeitete er in unterschiedlichsten Formationen und begegnete dabei Musikern wie Ack van Rooyen, Jiggs Whigham, Monty Alexander, Gianni Basso, Martin Drew, Herb Ellis und Charly Höllering.

2001 führte ihn eine Tournee durch Louisiana. Im Anschluss erhielt er die Ehrenbürgerschaft der Stadt New Orleans – eine besondere Anerkennung für einen europäischen Musiker, dessen eigene musikalische Entwicklung wesentlich vom amerikanischen Jazz geprägt worden war.

Petrocca blieb dabei nie auf eine einzige Besetzung festgelegt. Trio und Quartett, Orgeltrio, Duo und schließlich das unbegleitete Solospiel wurden zu unterschiedlichen Ausdrucksformen derselben musikalischen Haltung.

Eine besondere Rolle nimmt das klassische Orgeltrio ein. Mit Hammondorgel und Schlagzeug findet Petroccas Gitarrenspiel einen Kontext, der unmittelbar an die Soul-Jazz- und Organ-Trio-Tradition der 1950er- und 1960er-Jahre anknüpft.

2011 erschien „My Music“, ein Album ausschließlich mit eigenen Kompositionen. Die Aufnahme wurde von Archtop Germany als „CD des Jahres 2011“ ausgezeichnet.

Italienische Melodien als Teil der eigenen Geschichte

Neben der amerikanischen Jazztradition wurde im Laufe der Jahre auch Petroccas italienische Herkunft zunehmend zu einer musikalischen Quelle.

Im Italian Organ Trio mit dem Hammondorganisten Alberto Marsico und dem Schlagzeuger Tommy Bradascio verbindet er Jazz, Blues, Soul und Swing mit bekannten italienischen Melodien. Aus diesem Ansatz entstanden unter anderem „O Soul Mio“ und 2023 „Nessun Dorma and More Italian Songs“.

Das Trio nimmt Stücke wie „Bella Ciao“, „Quando Quando Quando“, „Che sarà“, „'O surdato 'nnammurato“ oder Puccinis „Nessun dorma“ nicht als nostalgische Reminiszenzen, sondern als Ausgangsmaterial für improvisatorische Neuinterpretationen.

Damit schließt sich zugleich ein biografischer Kreis. Der Jugendliche, der nach seiner Ankunft in Deutschland zunächst in italienischen Tanzbands spielte, begegnet Jahrzehnte später diesem musikalischen Erbe erneut – nun mit der Erfahrung eines Jazzmusikers, der seine eigene Sprache längst gefunden hat.

Jazz à la Flute und die Kunst des Dialogs

Eine weitere Seite seines Schaffens zeigt die langjährige Zusammenarbeit mit der Flötistin Isabelle Bodenseh. Im Projekt Jazz à la Flute begegnen sich Flöte und Gitarre in einem transparenten, beweglichen Ensembleklang.

Aus dieser Zusammenarbeit gingen unter anderem „The Good Life“ und „Essenza“ hervor. Gerade in solchen kammermusikalischen Situationen zeigt sich Petroccas Stärke als Begleiter: Er schafft harmonische und rhythmische Räume, ohne das musikalische Geschehen mit der Gitarre zu dominieren.

Diese Fähigkeit zum Dialog prägt auch seine zahlreichen anderen Kooperationen. Petrocca ist ein Gitarrist, dessen musikalische Persönlichkeit gerade im Zusammenspiel deutlich wird.

„My Foolish Heart“ – allein mit der Gitarre

2024 vollzog Petrocca schließlich einen Schritt, der nach Jahrzehnten des Ensemblespiels beinahe folgerichtig erscheint und dennoch ein Wagnis bedeutete: Mit „My Foolish Heart“ veröffentlichte er sein erstes vollständiges Soloalbum.

Nur Gitarre und Verstärker – keine Rhythmusgruppe, keine harmonische Absicherung durch andere Instrumente.

Im Zentrum stehen Standards und Balladen wie „Body and Soul“, „Have You Met Miss Jones“, „All the Things You Are“ und das titelgebende „My Foolish Heart“. Hinzu kommen Hommagen und Medleys sowie Nino Rotas Thema aus „The Godfather“.

Das Solospiel legt offen, was Petroccas musikalische Sprache über Jahrzehnte geprägt hat: sein Gespür für Melodie, eine tiefe Verankerung im Swing und die Fähigkeit, Harmonien und improvisierte Linien organisch miteinander zu verbinden.

„My Foolish Heart“ wurde 2024 für die Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik nominiert und in die entsprechende Longlist der Jury Jazz I aufgenommen.

Künstlerische Handschrift

Lorenzo Petrocca gehört zu jenen Jazzgitarristen, bei denen Virtuosität nie zum Selbstzweck wird. Seine Musik orientiert sich deutlich an der großen Tradition der Jazzgitarre und des Straight-ahead-Jazz, doch entscheidend ist weniger stilistische Reinheit als seine Art des Erzählens.

Sein Ton ist warm und rund, seine Phrasierung melodisch, sein Spiel fest im Swing verankert. Selbst komplexe harmonische Bewegungen wirken bei ihm nicht konstruiert, sondern fließend. Die Gitarre bleibt stets eine Stimme.

Dazu kommt eine biografisch gewachsene Offenheit. Italienische Liedtradition, Soul und Funk, Bebop, Swing und die Klangwelt des klassischen Orgeltrios sind keine voneinander getrennten Kapitel. Sie bilden gemeinsam das musikalische Vokabular eines Musikers, der sich seinen Weg zum Jazz nicht über eine Hochschule, sondern über Zuhören, Spielen und jahrzehntelange Bühnenerfahrung erschlossen hat.

Gerade deshalb erzählt Lorenzo Petroccas Karriere auch etwas über Jazz selbst: Entscheidend ist nicht, wann man zu dieser Musik findet, sondern wie intensiv man sich auf sie einlässt.

Wichtige Stationen

1964 – geboren in Crotone, Kalabrien
1979 – Übersiedlung mit der Familie nach Deutschland
1981 – württembergischer Jugendmeister im Boxen
1982 – erste elektrische Gitarre und autodidaktische Beschäftigung mit dem Instrument
ab 1986 – Soul- und Funkbands mit amerikanischen Musikern
1989 – intensive Hinwendung zum Jazz
1990er-Jahre – Arbeit in verschiedenen Swingformationen
1995 – Debütalbum „Insieme“
1995 – Mitwirkung und Organisation des Barney-Kessel-Benefizkonzerts im Theaterhaus Stuttgart
2001 – Ehrenbürgerschaft der Stadt New Orleans nach einer Tournee durch Louisiana
2011 – „My Music“ wird Archtop-Germany CD des Jahres
2016 – „Live in Studio“ mit dem Lorenzo Petrocca Organ Trio
2017 – „The Good Life“ mit Jazz à la Flute
2019 – „O Soul Mio“ mit dem Italian Organ Trio
2020 – „Essenza“ mit Jazz à la Flute
2023 – „Nessun Dorma“ mit dem Italian Organ Trio
2024 – erstes Soloalbum „My Foolish Heart“; Aufnahme in die Longlist des Preises der deutschen Schallplattenkritik

Diskografie – Auswahl

  • Lorenzo Petrocca - My Foolish Heart, Mochermusic, 2024
  • Italian Organ Trio - Nessun Dorma, Ionian Sound Record, 2023
  • Vincent Klink & Lorenzo Petrocca - Vincent Klink & Lorenzo Petrocca, 2022
  • Jazz à la Flute - Essenza, GLM Music, 2020
  • Italian Organ Trio - O Soul Mio, Mochermusic, 2019
  • Jazz à la Flute - The Good Life, HOFA, 2017
  • Lorenzo Petrocca Organ Trio - Live in Studio, InVivo Records, 2016
  • Fauzia Maria Beg meets the Lorenzo Petrocca Organ Trio - Fancy Miss Nancy, LPM, 2014
  • Lorenzo Petrocca Organ Trio - My Music, LPM, 2011
  • Lorenzo Petrocca Trio - Relax With Us, Jardis, 2010
  • Lorenzo Petrocca - Ballads, Planet Waves Recordings, 2004
  • Lorenzo Petrocca Trio - On A Clear Day, Jardis, 2003
  • Lorenzo Petrocca - Best Of, Edition Musikat, 2003
  • Franco & Lorenzo Petrocca - Italy, Edition Musikat, 2001
  • Lorenzo Petrocca Organ Trio - Milan in Minor, Jardis, 2001
  • Lorenzo Petrocca - Stop It, Edition Musikat, 1998
  • Lorenzo Petrocca Quartett feat. Bruno De Filippi - Insieme, Edition Musikat, 1995

Links

Lorenzo Petrocca Internetseite:
https://lorenzopetrocca.de

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Kommentar von Hansjörg Dr. Thomae |

Ein sehr schöner Bericht über einen tollen Menschen und Musiker.

Kommentar von Müller Silvia |

Ein toller Bericht, das dem Musiker voll gerecht wird.

Kommentar von italo |

bello!

Kommentar von Martin Gnielinski |

Der Bericht spiegelt, mit Recht, seine beruflichen erfolge wieder. Lorenzo ist so ein wunderbarer Mensch, dem diese Ehre gebührt. Ich freue mich sehr mit ihm, auch privat, verbunden bin.

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