Lucas Etcheverria – Zwischen brasilianischer Klangtradition und moderner Jazzsprache
Lucas Etcheverria gehört zu jener Generation von Musikern, für die musikalische Herkunft keine stilistische Begrenzung bedeutet. Der brasilianische Gitarrist und Komponist verbindet Jazz mit brasilianischen Traditionen, zeitgenössischer Improvisation und Einflüssen aus Progressive Rock und Metal. Daraus entsteht eine Musik, die rhythmisch vielschichtig, melodisch klar und zugleich offen für klangliche Kontraste ist.
Seit 2019 lebt Etcheverria in Hamburg. Die Hansestadt wurde für ihn nicht nur zu einem neuen Lebensmittelpunkt, sondern auch zu einem entscheidenden Ort seiner künstlerischen Entwicklung. Hier studierte er Jazzgitarre an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, entwickelte eigene Ensembles und wurde zunehmend Teil der norddeutschen und internationalen Jazzszene.
Von Porto Alegre über den Progressive Rock zum Jazz
Lucas Etcheverria stammt aus Porto Alegre im Süden Brasiliens. Sein Weg zur professionellen Musik verlief nicht geradlinig. Ursprünglich studierte er Elektrotechnik, während seine ersten intensiveren musikalischen Erfahrungen stark von Heavy Metal und Progressive Rock geprägt waren.
Erst später rückten Jazz und brasilianische Musik zunehmend in den Mittelpunkt. Gerade diese unterschiedlichen Ausgangspunkte sollten sich für seine spätere Klangsprache als prägend erweisen. Komplexe rhythmische Strukturen, dynamische Entwicklungen und die Energie des Rock treffen bei ihm auf harmonische Offenheit, Improvisation und melodische Elemente brasilianischer Musik.
Auf Empfehlung des brasilianischen Schlagzeugers Kiko Freitas orientierte sich Etcheverria schließlich nach Deutschland und begann sein Jazzstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Dort fand er eine Umgebung, in der sich seine verschiedenen musikalischen Interessen weiterentwickeln konnten.
2021 wurde Etcheverria mit dem DAAD-Preis der HfMT Hamburg ausgezeichnet. Der Preis würdigt internationale Studierende, die sich neben ihren künstlerischen Leistungen durch besonderes Engagement innerhalb der Hochschule und ihres Umfelds auszeichnen. Zu diesem Zeitpunkt präsentierte Etcheverria unter anderem sein Duo GIDAM und sein eigenes Sextett.
„The Great Puzzle“ – Musik als Spiegel innerer Zustände
Mit „The Great Puzzle“ entwickelte Lucas Etcheverria seine kompositorische Sprache deutlich weiter. Das Album erschien Anfang 2024 auf den digitalen Plattformen und vereint Musik in Quartett- und Quintettbesetzung.
Die Kompositionen beschäftigen sich mit menschlichen Gefühlen und Verhaltensweisen – mit Stolz, Angst, Freude, Ego, Bewunderung und innerem Frieden. Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Contemporary Jazz, brasilianisch geprägten Rhythmen und intensiveren, teilweise rocknahen Passagen.
Mit Björn Atle Anfinsen an Trompete und Flügelhorn, Jonas Oppermann am Klavier, Giorgi Kiknadze am Kontrabass und Rafa Müller am Schlagzeug entwickelte Etcheverria einen Ensembleklang, der Transparenz und Energie miteinander verbindet.
Besonders deutlich wird dabei sein Interesse an Kontrasten. Stücke wie „Pontestrela“ oder „Nuvem“ greifen brasilianische rhythmische Vorstellungen auf, während andere Kompositionen stärker von modernem Jazz oder der Energie des Progressive Rock geprägt sind.
Für Etcheverria sind diese Gegensätze keine stilistischen Brüche. Sie gehören vielmehr zu einer musikalischen Identität, die sich aus unterschiedlichen Erfahrungen zusammensetzt.
„Color is a Gift“ – Klangfarben als musikalische Idee
Mit „Color is a Gift“ folgte 2026 ein weiterer wichtiger Schritt. Das Album entstand im Kern mit Etcheverrias Trio mit Lucas Kolbe am Kontrabass und Tobias Frohnhöfer am Schlagzeug. Hinzu kommen Gastmusiker wie Kurt Rosenwinkel, Gabriel Coburger und Paul Beskers.
Im Gegensatz zur stärker auskomponierten Ensemblearchitektur von „The Great Puzzle“ steht hier ein intimerer Triocharakter im Vordergrund. Etcheverria wollte bewusst die unmittelbare Atmosphäre einer Live-Aufnahme bewahren.
Der Titel beschreibt zugleich das zentrale Konzept des Albums. Farbe versteht Etcheverria als Metapher für Wahrnehmung, Erfahrung und Emotion. Unterschiedliche Klangfarben spiegeln unterschiedliche Zustände des Lebens wider – von Wärme und Leichtigkeit bis zu Spannung und Überforderung.
Auch hier bleibt die musikalische Sprache offen. Eigenkompositionen stehen neben persönlichen Interpretationen ausgewählter Jazzstücke. Besonders prägnant ist die Begegnung mit Kurt Rosenwinkel, dessen Gitarrenspiel auf „Pontestrela“ einen zusätzlichen improvisatorischen Dialog eröffnet.
Gabriel Coburger erweitert das Ensemble mit seinem Tenorsaxofon, während die Rhythmusgruppe um Kolbe und Frohnhöfer jene Beweglichkeit schafft, die Etcheverrias Kompositionen benötigen.
„Color is a Gift“ erschien am 27. März 2026.
Musik als kulturelle Brücke
Ein wesentlicher Bestandteil von Etcheverrias Arbeit liegt außerhalb seiner eigenen Alben. In unterschiedlichen Projekten sucht er immer wieder nach musikalischen Verbindungen zwischen Kulturen.
Das Trio Peace mit Jiuning Liu und Lennart Meyer verbindet Jazz mit brasilianischer und chinesischer Musik. Die Formation entstand 2023 an der HfMT Hamburg und veröffentlichte 2026 ihr Album „Peace“. Im selben Jahr gewann das Trio sowohl den Hauptpreis als auch den Publikumspreis beim Olimpico Jazz Contest in Vicenza.
Mit Nikolai Voigt arbeitet Etcheverria im Duo Tucumã. Im Mittelpunkt stehen brasilianische Gitarrentraditionen wie Choro und Samba, die in zeitgenössische Arrangements überführt werden.
Weitere musikalische Zusammenhänge umfassen unter anderem GIDAM, Maracutaia, Savoy Stompers und das Yuliia Holub Trio.
Seine Konzerttätigkeit führte Etcheverria durch Brasilien, Deutschland, England, Italien, Japan, Lettland und Frankreich. Dabei spielte er unter anderem beim ELBJAZZ, beim Cheltenham Jazz Festival, bei Jazzveranstaltungen in Norddeutschland und in der Hamburger JazzHall.
Auf der Bühne begegnete er Musikern wie Kurt Rosenwinkel, Toninho Horta, Yumi Ito und Eva Klesse.
„Sons do Brasil“
Besonders wichtig ist Etcheverria die Vermittlung brasilianischer Musik.
Mit der von ihm kuratierten Konzertreihe „Sons do Brasil“ schafft er in Hamburg eine Plattform für unterschiedliche Strömungen brasilianischer Musik. Dabei verbindet er Musikerinnen und Musiker der lokalen Szene mit internationalen Gästen wie Toninho Horta und Kiko Freitas.
Das Projekt folgt damit einer Idee, die sich durch seine gesamte Arbeit zieht: Musik dient nicht nur als individuelle Ausdrucksform, sondern auch als Möglichkeit kultureller Begegnung.
Etcheverria formuliert diesen Gedanken selbst als Wunsch, Menschen und Ideen zusammenzubringen und Musik als kulturelle Brücke zwischen Brasilien und Deutschland zu nutzen.
Auch pädagogisch engagiert er sich in diesem Bereich. Regelmäßig gibt er Workshops zur brasilianischen Musik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg sowie an weiteren Einrichtungen in Norddeutschland. Zudem war er Stipendiat der Franz-Wirth-Gedächtnis-Stiftung.
Künstlerische Handschrift
Lucas Etcheverrias Musik lebt von der Verbindung unterschiedlicher musikalischer Erfahrungsräume.
Brasilianische Rhythmik und melodische Traditionen treffen auf zeitgenössischen Jazz, komplexere Formen aus Progressive Rock und Metal sowie eine ausgeprägte Sensibilität für Klangfarben. Dabei vermeidet Etcheverria eine bloße Aneinanderreihung verschiedener Stile. Die Einflüsse verschmelzen vielmehr zu einer persönlichen musikalischen Sprache.
Sein Gitarrenspiel ist melodisch orientiert und zugleich stark vom Ensembledenken geprägt. Solistische Virtuosität steht selten im Vordergrund. Entscheidend ist vielmehr, wie sich die Gitarre in die Gesamtstruktur einer Komposition einfügt und wie sie mit den anderen Instrumenten kommuniziert.
Auch seine Kompositionen folgen häufig diesem Prinzip. Klare Motive und rhythmische Strukturen schaffen Orientierung, während Improvisation und Interaktion den Verlauf offenhalten.
Die Verbindung von Brasilien und Deutschland ist dabei mehr als ein biografisches Detail. Sie bildet zunehmend einen zentralen Bestandteil seines künstlerischen Selbstverständnisses.
Mit „The Great Puzzle“ und „Color is a Gift“ hat Lucas Etcheverria innerhalb weniger Jahre zwei unterschiedliche Facetten dieser Sprache dokumentiert: einmal im größer gedachten Ensemble, einmal in der konzentrierten Intimität des Trios. Gemeinsam zeigen sie einen Musiker, der seine Herkunft nicht konserviert, sondern sie als Ausgangspunkt für neue musikalische Räume versteht.
Wichtige Stationen
- aufgewachsen in Porto Alegre, Brasilien
- erste musikalische Einflüsse durch Heavy Metal und Progressive Rock
- Studium der Elektrotechnik in Brasilien
- zunehmende Beschäftigung mit Jazz und brasilianischer Musik
- 2019 – Übersiedlung nach Hamburg
- Jazzgitarrenstudium an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
- 2019 – Veröffentlichung der EP „Ways Ahead“
- 2020 – Gründung eines eigenen Sextetts
- 2021 – DAAD-Preis der Hochschule für Musik und Theater Hamburg
- 2021 – Auftritte unter anderem beim ELBJAZZ mit GIDAM
- 2023 – Gründung des Trio Peace im Umfeld der HfMT Hamburg
- 2024 – Veröffentlichung von „The Great Puzzle“
- 2025 – Abschlussprojekt Jazz-Komposition an der HfMT Hamburg
- 2026 – Veröffentlichung von „Color is a Gift“
- 2026 – Veröffentlichung des Albums „Peace“ mit Trio Peace
- 2026 – Hauptpreis und Publikumspreis beim Olimpico Jazz Contest für Trio Peace
- kontinuierliche Arbeit als Kurator der Konzertreihe „Sons do Brasil“
Diskografie
- Lucas Etcheverria - Color is a Gift, 2026
- Lucas Etcheverria - The Great Puzzle, 2024
- Lucas Etcheverria - Ways Ahead, 2019
Links
Lucas Etcheverria Internetseite:
https://www.lucasetcheverria.com/
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