Mareike Wiening im Gespräch mit jazz-fun.de

Mareike Wiening
Mareike Wiening, Foto: Wolf Peter Steinheißer

Die in New York und Deutschland lebende deutsche Schlagzeugerin und Komponistin Mareike Wiening hat gerade ihr neues Album "Future Memories" mit ihrer langjährigen Band, zu der der Saxophonist Rich Perry, der Pianist Glenn Zaleski, der Gitarrist Alex Goodman und der Bassist Johannes Felscher gehören, veröffentlicht. Bei dieser Gelegenheit haben wir sie gebeten, einen Moment mit uns zu sprechen.

jazz-fun.de:
Wie hat Dich die Corona Zeit beeinflusst?

Mareike Wiening:
Die Corona Zeit hat mir (wieder) bewusst gemacht, wie glücklich ich mich schätzen kann, als freiberufliche Schlagzeugerin, Bandleaderin, Sidewoman, Komponistin und Lehrerin meinen Lebensunterhalt zu verdienen und tagtäglich das zu tun was mir Spaß macht!

jazz-fun.de:
Können wir von positiver Nebenaspekt der Covid 19-Ereignisse sprechen?

Mareike Wiening:
Da bin ich mir noch nicht sicher. Das wird sich wohl erst in ein paar Jahren zeigen. Momentan überwiegen meiner Meinung nach die negativen Nebenaspekte.

jazz-fun.de:
Die erzwungene Pause der letzten Monate, war das schwierig für die Motivation oder eher eine Besinnung auf das Wesentliche?

Mareike Wiening:
Sowohl als auch! Einerseits habe ich die Zeit genossen um endlich mal wieder regelmäßig zu üben und zu komponieren. Ich hatte verschiedene musikalischen Themen mit denen ich mich beschäftigt habe und mich gefühlt wie im Studium, als man viel Zeit hatte sich einfach nur mit Musik zu beschäftigen. Andererseits war es auch manchmal sehr schwierig sich zu motivieren da es ja oft keine Perspektiven gab. Alle Tourneen, Projekte und Konzerte wurden immer wieder abgesagt und/oder verschoben. Das war für die Psyche oft nicht einfach.

jazz-fun.de:
Du hast einige Jahre in New York gelebt. Wie hat Dich der Aufenthalt beeinflusst?

Mareike Wiening:
Der Aufenthalt in New York war sehr intensiv in jeglicher Hinsicht. Ich habe vorher noch nie so weit weg von zu Hause gelebt und musste mich am Anfang sehr an die amerikanische Kultur gewöhnen. Ich habe Anfangs sehr schlecht englisch gesprochen, kannte niemanden und war völlig überfordert. Man ist ständig gezwungen aus seiner Komfortzone herauszukommen, was einem in der persönlichen und musikalischen Entwicklung aber auch sehr nach vorne bringt In New York wird man ständig an seine Grenzen gebracht, da gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder man gibt auf oder man beißt sich durch. Ich habe letzteres gemacht. Mein Amerika Aufenthalt hat mich aber auch bereichert. New York ist eine sehr besondere Stadt, hat die beste Musikszene der Welt mit dem höchsten Niveau an Musikern. Jeden Tag damit „konfrontiert“ zu sein, pusht dich tagtäglich. Ich würde heute sicher nicht da stehen wo ich bin, wenn ich diese Erfahrungen nicht gemacht hätte.

jazz-fun.de:
Wie unterscheidet sich, Deiner Meinung nach, die Jazzszene in New York von der in Deutschland?

Mareike Wiening:
In Amerika kann man, im Gegensatz zu Deutschland, kaum oder gar nicht als freiberuflicher JazzmusikerIn leben. Das führt dazu, dass alle nach einer Möglichkeit suchen nach Europa oder Asien zu reisen um dort Tourneen zu spielen. New York ist in erster Linie eine Stadt um zu lernen, sich zu vernetzen und Kontakte zu knüpfen. Das Niveau ist unfassbar hoch aber wegen den oben genannten Umständen, sitzen alle im gleichen Boot. Das führt dazu, dass es keine oder kaum Hierarchien gibt. Jeder weiß wie schwer das Überleben ist, weshalb die Szene auch solidarisch ist und sich gegenseitig hilft. In Deutschland habe ich oft das Gefühl, dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Es gibt viele Neider und viele Grüppchen. Ich würde mir wünschen, dass der Zusammenhalt besser wird und dass eine bessere Lobby entsteht.

jazz-fun.de:
Wieso bist Du nicht dort geblieben?

Mareike Wiening:
Nach über 6 Jahren New York haben mich die Lebensumstände so sehr genervt, dass ich immer stärker Heimweh bekommen habe. Man verbringt Stunden in der Subway und ist ständig unterwegs. Die Stadt hat außerdem ein großes Müll-Problem, es gibt viele Ratten, Mäuse, Bettwanzen und Kakerlaken. Auch in den Wohnungen. Die Mieten sind überirdisch teuer, der Lebensunterhalt entsprechend auch. Die Winter sind kalt und lang, geprägt von Schneestürmen und Stromausfällen. Als Deutscher merkt man dann schnell, dass man einen anderen Standard gewohnt ist und diesen auch plötzlich schätzt. Das habe ich sehr vermisst. Auch die Tatsache, dass man innerhalb Europas schnell und einfach reisen kann. Das ist in den USA nicht möglich. Ich hatte auch nie geplant so lange in New York zu bleiben. Ursprünglich wollte ich nur meine zwei Jahre Studium dort verbringen und dann zurück. Nach 6 Jahren habe ich musikalisch einiges erreicht und habe mich „bereit“ gefühlt diesen Abschnitt meines Lebens zu beenden und nach Deutschland zurückzukehren.

jazz-fun.de:
Jetzt wird Dein neues Album „Future Memories“ veröffentlicht. Wie ist das Album entstanden?

Mareike Wiening:
Die Jazzmusik, die in den acht Stücken dieses Albums zu hören ist, ist vor der Corona-Krise entstanden, so wie die Studiosession noch vorher stattgefunden hat. Im Januar und Februar 2020 waren wir für drei Wochen in Deutschland und der Schweiz auf Tour und haben als Abschluss „Future Memories“ aufgenommen. Dabei ist es das tatsächlich das erste Album meiner Originalbesetzung: Kurz vor der Aufnahmesession des Debütalbums „Metropolis Paradise“ brach sich mein Pianist Glenn Zaleski den Ellenbogen. Eigentlich wollte ich die Studiosession verschieben. Doch dann erfuhr ich, dass meine Plattenproduktion tatsächlich die letzte im legendären Systems Two Studio in Brooklyn sein wird, bevor dieses im Sommer 2018 schließen musste. Das war eine große Ehre! So entschied ich mich das Album doch dort aufzunehmen – mit dem Pianisten Dan Tepfer als „Sub“ für Zaleski. Für Future Memories ist nun endlich auch Glenn mit dabei.

jazz-fun.de:
Was besagt der Album Titel?

Mareike Wiening:
Der Titel soll in erster Linie zum nachdenken anregen. Er veranschaulicht aber auch meine Idee wozu improvisierte Musik und Jazz zu leisten imstande sind: nämlich einen imaginären Zeitpunkt in der Zukunft festzulegen, von dem aus die Gegenwart als etwas bereits Vergangenes reflektiert werden kann. Das scheint in turbulenten Zeiten wie diesen notwendiger denn je zu sein.

jazz-fun.de:
Wie komponierst du? Wie wichtig ist für dich der Rhythmus und wie viel Raum bleibt für die Melodie? Oder ist es umgekehrt?

Mareike Wiening:
Ich komponiere fast ausschließlich am Klavier. Dabei verwende ich gern ein Konzept von Stefon Harris, bei dem ich in NY studiert habe. Sein Konzept der „emotionalen“ Harmonik und Melodik ist bestimmend und präsent für meine Musik. Entsprechend steht an erster Stelle die Melodie und dazugehörige Harmonie. Erst zum Schluss kommt die Rhythmik, wobei sie auch oft durch die Melodie vorgegeben ist. Mein Musik ist auch immer passgenau auf meine Band- Mitglieder zugeschnitten und hat nach sieben Jahren aus dem Projekt Mareike Wiening Quintet eine kooperative Gruppe werden lassen. In dem Moment, in dem ich eine Komposition fertig geschrieben habe, gebe ich diese zur Bearbeitung durch Zaleski, Perry, Goodman und Felscher frei. Dieser kreative Prozess ist dann auch verantwortlich dafür, dass meine Musik stets per se unter Spannung gesetzt wird – rhythmisch ebenso wie harmonisch und melodisch.

jazz-fun.de:
Welche Musik hörst Du privat und hast Du Vorbilder?

Mareike Wiening:
Das was ich selbst spiele, höre ich auch am liebsten: nämlich jegliche Art von Jazz! Mein Background ist die klassische Musik, die ich auch ab und zu gern höre, genauso wie gute Rockmusik und Lateinamerikanisches. Solange es spannende und interessante Musik ist, bin ich immer offen für alles! Das große Universum der sehr, sehr unterschiedlichen Jazz-Musik ist mir aber immer noch am liebsten.

jazz-fun.de:
Glaubst Du dass kreative Musik die Welt verändern kann?

Mareike Wiening:
Ich glaube, dass kreative Musik Menschen verändern kann. Wenn das Publikum offen ist für Neues, Unbekanntes ausprobiert und neugierig ist, erweitert das den Horizont und damit auch die Persönlichkeit. Es ist sehr wichtig ab und zu aus der Komfortzone herauszukommen und sich weiterzubilden. Das ist auch die Aufgabe der kreativen Musik und des Jazz: die Leute zum nachdenken bringen, sie herausfordern aber auch zusammenbringen.

jazz-fun.de:
Welche persönlichen Ziele möchtest Du erreichen im nächsten Jahr?

Mareike Wiening:
Wegen der Covid-„Zwangspause“ und der aktuellen Nachhol-Situation von Konzerten, habe ich meine Band, die in New York stationiert ist, seit knapp zwei Jahren nicht mehr gesehen. Momentan ist es fast unmöglich längere Tourneen zu buchen und für einzelne Konzerte macht es natürlich keinen Sinn 4 Musiker aus New York einzufliegen. Deshalb ist mein persönliches Ziel eine Tour im Herbst 2022 mit der Originalbesetzung aus New York zu organisieren. Ich hoffe sehr, dass es klappt und wir gemeinsam wieder auf der Bühne stehen können!

jazz-fun.de:
Herzlichen Dank für das Gespräch! Wir wünschen uns von ganzem Herzen, Dich nächstes Jahr auf Deiner Tournee zu treffen.

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