Mareille Merck – Zwischen klarer Linie und offenen Klangräumen

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Mareille Merck – Jazzgitarristin und Komponistin aus Zürich, Foto: Markus Meier

Mareille Merck gehört zu einer Generation von Gitarristinnen, die den zeitgenössischen europäischen Jazz mit großer Selbstverständlichkeit zwischen Komposition, Improvisation und klanglicher Forschung weiterdenken. Ihr Spiel kann unmittelbar und melodisch sein, sich im nächsten Moment aber in offenen Strukturen, rauen Texturen oder fein austarierten Klangflächen verlieren. Dabei besitzt ihre Musik eine bemerkenswerte Balance: Sie lässt Raum, ohne unverbindlich zu werden, und verbindet technische Souveränität mit einem ausgeprägten Gespür für Dramaturgie.

Die 1996 in Stralsund geborene Musikerin wuchs auf der Insel Rügen auf. Zunächst erhielt sie Klavierunterricht und beschäftigte sich mit verschiedenen Instrumenten, bevor die Gitarre schließlich zu ihrem Hauptinstrument wurde. Als Jugendliche entwickelte sie eine zunehmende Leidenschaft für Jazz und Improvisation.

Früh machte Merck auch bei Wettbewerben auf sich aufmerksam. Beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ erhielt sie 2011 einen dritten und 2014 einen ersten Preis in der Kategorie Gitarre beziehungsweise E-Gitarre. Workshops wie „Blue Boat“ und „Young Women for Jazz“ eröffneten weitere Zugänge zur improvisierten Musik. Von 2012 bis 2014 nahm sie Unterricht bei Kalle Kalima in Berlin.

Von Rügen in die Schweizer Jazzszene

Nach dem Abitur begann Mareille Merck ihr Jazzgitarrenstudium in Weimar bei Frank Möbus. Später setzte sie ihre Ausbildung in Luzern und Zürich fort. Zu ihren Lehrern gehörten mit Kalle Kalima, Wolfgang Muthspiel, Lionel Loueke und Roberto Bossard einige sehr unterschiedliche Persönlichkeiten der zeitgenössischen Gitarre.

Diese Vielfalt lässt sich auch in Mercks eigener Musik wiederfinden. Die Gitarre erscheint bei ihr sowohl als melodisches Instrument als auch als Quelle für Texturen, rhythmische Strukturen und klangliche Kontraste. An der Hochschule Luzern schloss sie 2020 ihren Master im Bereich Performance ab. Anschließend studierte sie Musikpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste.

Seit 2016 lebt Merck in der Schweiz und ist inzwischen fest in der dortigen Jazzszene verankert. Gleichzeitig blieb ihre Arbeit von Beginn an international ausgerichtet.

LARUS – das Trio als gemeinsamer Klangkörper

2018 gründete Mareille Merck gemeinsam mit dem Bassisten Florian Bolliger und dem Schlagzeuger Janic Haller das Trio LARUS. Die Formation wurde zum zentralen Ensemble für ihre kompositorische Arbeit.

Mercks Stücke geben dem Trio klare Ausgangspunkte, lassen den Musikern jedoch genügend Freiheit, Form und Verlauf im Zusammenspiel weiterzuentwickeln. Gitarre, Bass und Schlagzeug begegnen sich nicht in einer starren Rollenverteilung. Aus komponierten Passagen entstehen improvisatorische Öffnungen, aus filigranen Linien können kraftvolle Verdichtungen hervorgehen.

2021 wurde LARUS für den ZKB Jazzpreis nominiert und für die Suisse Diagonales Jazz Tour 2021/22 ausgewählt. Im selben Jahr erschien das Debütalbum „Fadenschlag“ bei Mons Records, produziert in Zusammenarbeit mit Radio SRF 2 Kultur.

Mit „Stille Wasser“ folgte 2023 das zweite Album des Trios, erneut als Koproduktion mit SRF 2 Kultur. Der Titel beschreibt eine wesentliche Eigenschaft von Mercks Musik: Unter einer zunächst ruhigen Oberfläche können sich erhebliche Spannungen entwickeln. Lyrische Passagen, rockige Energie und freie Improvisation stehen nebeneinander, ohne dass die Musik ihren inneren Zusammenhang verliert.

Mit LARUS trat Merck unter anderem beim Cully Jazz Festival, bei JazzAscona und den Langnau Jazz Nights auf, wo das Trio 2023 im Rahmen eines Doppelkonzerts mit der Mike Stern Band zu erleben war.

Von John McLaughlin bis Nicole Johänntgen

Parallel zu ihren eigenen Projekten arbeitete Mareille Merck mit zahlreichen Musikerinnen und Musikern zusammen. Eine besondere Erfahrung war 2021 ihr Auftritt beim Montreux Jazz Festival im Rahmen von „Autumn of Music“. Dort stand sie gemeinsam mit John McLaughlin sowie Michael League, Bill Laurance und Justin Stanton von Snarky Puppy und der französischen Schlagzeugerin Anne Paceo auf der Bühne.

Weitere musikalische Begegnungen führten sie unter anderem mit der Saxofonistin Nicole Johänntgen und dem Trompeter Peter Schärli zusammen.

Solche Kooperationen zeigen eine Musikerin, die sich in sehr unterschiedlichen musikalischen Situationen bewegen kann, ohne ihre eigene Stimme aufzugeben. Mercks Spiel lebt weniger von demonstrativer Virtuosität als von einer genauen Wahrnehmung dessen, was eine musikalische Situation verlangt.

„Kaleidoskop“ – die Gitarre allein

Neben LARUS entwickelte Mareille Merck zunehmend ein Soloprogramm. Mit „Kaleidoskop“, das im September 2025 bei Fredboard Records erschien, rückte sie schließlich die elektrische Gitarre allein ins Zentrum.

Das gemeinsam mit Nik Bärtsch produzierte Album eröffnet einen anderen Blick auf ihr musikalisches Denken. Ohne Bass und Schlagzeug muss die Gitarre gleichzeitig Melodie, Harmonie, Rhythmus, Struktur und Klangraum erzeugen. Merck nutzt diese Reduktion nicht als Einschränkung, sondern als Möglichkeit, das klangliche Potenzial ihres Instruments neu auszuloten.

Eigenkompositionen bilden den Schwerpunkt des Programms. Klare melodische Figuren stehen neben offenen Klangflächen, Wiederholungen entwickeln eine eigene Sogwirkung, Geräusch und Ton können ineinander übergehen. Die elektrische Gitarre wird zum kleinen Orchester, ohne ihren unmittelbaren Charakter zu verlieren.

„Kaleidoskop“ fand eine bemerkenswert breite Resonanz in der Fachpresse. Das Magazin „Gitarre & Bass“ zeichnete die Veröffentlichung als Platte des Monats aus, „Audio/Stereoplay“ als audiophiles Album des Monats; „Jazzthetik“ vergab fünf von fünf Sternen. Die anschließende Tour führte Merck durch die Schweiz sowie nach Deutschland, Österreich und Dänemark.

Das Soloformat markiert damit einen wichtigen Schritt in ihrer künstlerischen Entwicklung. Während LARUS vom Dialog dreier Persönlichkeiten lebt, zeigt „Kaleidoskop“, wie konsequent Merck musikalische Dramaturgie auch aus einem einzigen Instrument heraus entwickeln kann.

Musikerin, Pädagogin und Teil einer Szene

Mareille Merck versteht ihre Tätigkeit nicht ausschließlich als individuelle Künstlerkarriere. In Zürich engagiert sie sich seit Jahren aktiv für die lokale Musikszene, unter anderem im Vorstand und Musiker des Jazzclubs Moods sowie im Umfeld der Jazzbaragge.

2021 und 2022 erhielt sie Arbeitsstipendien der Stadt Zürich zur Unterstützung ihrer künstlerischen Projekte. Auch international wurde ihre Entwicklung früh wahrgenommen: Das finnische öffentlich-rechtliche Radio YLE zählte sie 2021 zu fünf besonders interessanten jungen Jazzkünstler.

Seit dem Herbstsemester 2024 gehört Merck außerdem zum Lehrkörper der Hochschule Luzern – Musik. Dort unterrichtet sie Jazzgitarre und arbeitet mit Ensembles. Damit gibt sie jene Offenheit gegenüber unterschiedlichen Spielweisen und musikalischen Ansätzen weiter, die auch ihren eigenen Weg geprägt hat.

Von der Ostseeinsel Rügen bis in die Schweizer und internationale Jazzszene führt eine Entwicklung, die von Neugier und stetiger Erweiterung bestimmt ist. Mareille Merck hat dabei längst eine eigene Position gefunden: zwischen lyrischer Klarheit und klanglichem Experiment, zwischen komponierter Form und improvisierter Freiheit – und zwischen der Kraft eines Trios und der radikalen Konzentration auf eine einzige Gitarre.

Künstlerische Handschrift

Mareille Mercks musikalische Sprache entsteht aus dem Spannungsverhältnis von Struktur und Freiheit. Melodische Klarheit, rhythmische Präzision und sorgfältig entwickelte Kompositionen treffen auf offene Improvisation, raue Klangfarben und die Möglichkeiten elektrischer Klanggestaltung.

Dabei betrachtet sie die Gitarre nicht ausschließlich als Solo- oder Harmonieinstrument. Sie kann melodische Stimme, rhythmischer Impuls und klangliche Fläche zugleich sein. Gerade in ihrem Soloprogramm wird diese Vielschichtigkeit besonders deutlich.

In LARUS wiederum steht die Kommunikation im Ensemble im Mittelpunkt. Kompositionen bilden einen Rahmen, innerhalb dessen sich die Musik aus dem Zusammenspiel der drei Beteiligten entwickeln kann. Diese Verbindung aus konzeptioneller Klarheit und spontaner Gestaltung gehört zu den charakteristischen Merkmalen von Mercks Arbeit.

Wichtige Stationen

1996 – geboren in Stralsund, aufgewachsen auf Rügen
2011 – 3. Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“
2012–2014 – Unterricht bei Kalle Kalima in Berlin
2014 – 1. Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“
Studium der Jazzgitarre in Weimar, Luzern und Zürich
seit 2016 – Lebensmittelpunkt in der Schweiz
2018 – Gründung des Trios LARUS
2020 – Masterabschluss Performance an der Hochschule Luzern
2021 – Nominierung von LARUS für den ZKB Jazzpreis
2021/22 – Auswahl für Suisse Diagonales Jazz
2021 – Veröffentlichung des LARUS-Debüts „Fadenschlag“
2021 und 2022 – Arbeitsstipendien der Stadt Zürich
2023 – Veröffentlichung von „Stille Wasser“
2023 – LARUS bei den Langnau Jazz Nights im Doppelkonzert mit der Mike Stern Band
seit 2024 – Dozentin für Jazzgitarre an der Hochschule Luzern – Musik
2025 – Veröffentlichung des Soloalbums „Kaleidoskop“
2025/26 – internationale Tournee mit dem Soloprogramm

Diskografie

  • Mareille Merck - Kaleidoskop, Fredboard Records, 2025
  • Mareille Merck LARUS - Stille Wasser, Eigenveröffentlichung/SRF 2 Kultur, 2023
  • Mareille Merck LARUS - Fadenschlag, Mons Records, 2021

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