Matthias Wenger – Klangarchitekt zwischen Jazz, Experiment und Ensemblekunst

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Matthias Wenger, Foto: David Tixier

Biographie

Matthias Wenger gehört zu jenen Musikern, die ein Ensemble nicht allein mit ihrem Instrument prägen. Sein künstlerisches Denken umfasst Komposition, Arrangement, Klanggestaltung und Produktion ebenso wie die unmittelbare Arbeit als Improvisator. Saxofone, Flöte, Bassklarinette, Piano, Synthesizer und elektronische Effekte sind für ihn keine voneinander getrennten Werkzeuge, sondern Bestandteile einer offenen musikalischen Sprache.

Der Schweizer Musiker bewegt sich zwischen zeitgenössischem Jazz, experimenteller Ensemblemusik, Crossover und improvisatorischer Klangforschung. Dabei interessiert ihn weniger die eindeutige Zuordnung zu einem Stil als die Frage, welche Besetzung, welche Klangfarbe und welche formale Idee eine Komposition benötigt. Seine Arbeit reicht von kompakten Jazzformationen über ungewöhnlich besetzte Saxofonensembles bis hin zu großformatigen Arrangements und genreübergreifenden Projekten.

Ausbildung und erste eigene Projekte

Matthias Wenger studierte von 2001 bis 2005 Saxofon, Komposition und Arrangement an der Hochschule der Künste Bern. Zu seinen Lehrern gehörten Andy Scherrer, Frank Sikora und Kaspar Ewald. Später absolvierte er an derselben Hochschule einen Master in Musikpädagogik, den er 2010 abschloss.

Bereits während seiner Studienzeit entwickelte Wenger eigene kompositorische Konzepte. 2005 machte er mit „Kreislers musikalisch-poetischem Klub“ auf sich aufmerksam – einem Projekt, das musikalische, literarische und theatralische Elemente miteinander verband und früh seine Vorliebe für ungewöhnliche Formen erkennen ließ.

Es folgten weitere eigene Ensembles, darunter das Independent-Jazz-Quartett Hello Truffle und die Saxofonformation klapparat. In diesen Projekten zeigte sich Wengers Fähigkeit, komplexe musikalische Ideen mit Spielfreude, klanglicher Präzision und einem ausgeprägten Sinn für Dramaturgie zu verbinden.

Hildegard Lernt Fliegen

Seit der Gründung von Hildegard Lernt Fliegen im Jahr 2005 gehört Matthias Wenger als Saxofonist zur festen Besetzung der Band um den Sänger und Komponisten Andreas Schaerer. Das Ensemble entwickelte sich mit seiner Verbindung aus Jazz, Vokalkunst, Theater, improvisierter Musik und kompositorischer Raffinesse zu einer der eigenständigsten Formationen der europäischen Jazzszene.

Mit Hildegard Lernt Fliegen konzertierte Wenger auf internationalen Bühnen und Festivals in zahlreichen Ländern. Die Musik der Band verlangt von allen Beteiligten ein hohes Maß an rhythmischer Präzision, klanglicher Flexibilität und spontaner Reaktionsfähigkeit. Wenger übernimmt dabei nicht nur instrumentale Aufgaben, sondern trägt mit seinem breiten Klangspektrum wesentlich zur orchestralen Wirkung des Sextetts bei.

klapparat und die Erforschung des Saxofonklangs

Ein weiterer Schwerpunkt seines Schaffens ist klapparat, ein Ensemble aus fünf Saxofonen und Schlagzeug. Die ungewöhnliche Besetzung eröffnet ein breites Feld zwischen kammermusikalischer Differenzierung, massiven Bläsersätzen, freien Klangflächen und rhythmischer Verdichtung.

Neben Sopran-, Alt- und Baritonsaxofon ist Wenger in diesem Zusammenhang auch am Tubax zu hören. Das tiefe Instrument erweitert das Ensemble um ein klangliches Fundament, das sowohl bassartige Funktionen übernehmen als auch als eigenständige Stimme auftreten kann.

Mit Veröffentlichungen wie „Tilting Axis“ und „Orbit“ entwickelte klapparat eine unverwechselbare Ensembleästhetik, in der die Saxofone nicht als homogener Satz behandelt werden. Vielmehr treten sie als individuelle Stimmen hervor, die sich verbinden, gegeneinander reiben oder zu ungewöhnlichen Klangkörpern verschmelzen.

Zusammenarbeit und stilistische Offenheit

Neben seinen eigenen Formationen arbeitete Matthias Wenger mit zahlreichen Musikern und Ensembles zusammen. Dazu zählen der italienische Pianist Enrico Pieranunzi, das Swiss Jazz Orchestra, das Jazzorchester Vorarlberg und die Jazzwerkstatt Bern.

Als Arrangeur und Bandleiter arbeitete er außerdem mit dem senegalesischen Sänger Pape Djibi Ba. Diese Zusammenarbeit unterstreicht Wengers Offenheit für unterschiedliche musikalische Traditionen und seine Fähigkeit, verschiedenartige Klangsprachen in durchdachte Ensemblekonzepte zu überführen.

Auch in Projekten wie Bubaran von Andreas Tschopp oder The Mill zeigt sich seine stilistische Bandbreite. Wenger bewegt sich sicher in Jazz, improvisierter Musik, Crossover und klassiknahen Kontexten. Seine Arrangements können sowohl für professionelle Ensembles als auch für pädagogische Formationen entstehen.

Komponist, Arrangeur und Toningenieur

Matthias Wenger arbeitet freiberuflich als Komponist, Arrangeur, Bandleader und Toningenieur. Seine Hauptarbeitsorte sind der PROGR in Bern und sein eigenes Studio in Toffen.

Die technische Arbeit mit analoger und digitaler Klanggestaltung bildet dabei keinen Nebenaspekt. Elektronische Effekte, Synthesizer und Studiotechnik sind integrale Bestandteile seiner musikalischen Praxis. Wenger betrachtet Klang nicht als gegebenes Material, sondern als formbaren Raum, der durch Instrumentierung, Bearbeitung und Aufnahmetechnik immer wieder neu gestaltet werden kann.

Diese Verbindung aus instrumentaler Erfahrung, kompositorischem Denken und technischem Wissen ermöglicht ihm eine besonders umfassende Kontrolle über musikalische Produktionsprozesse – vom ersten Entwurf über das Arrangement bis zur endgültigen Aufnahme.

Pädagogische Arbeit

Seit 2008 unterrichtet Matthias Wenger an der Musikschule Konservatorium Bern Jazzsaxofon und Jazztheorie. Darüber hinaus leitet er dort verschiedene Jugendensembles und zwei Bigbands.

Seit 2018 ist er zudem als Gastdozent an der Hochschule für Musik Basel innerhalb der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig. Dort unterrichtet er das Arrangieren für Musikschulensembles.

Seine pädagogische Arbeit verbindet professionelle musikalische Ansprüche mit einem praxisorientierten Zugang. Dabei vermittelt er nicht nur instrumentale und theoretische Kenntnisse, sondern auch ein Verständnis dafür, wie Kompositionen und Arrangements auf unterschiedliche Besetzungen, Fähigkeiten und pädagogische Situationen zugeschnitten werden können.

Matthias Wenger steht für eine Musik, in der Ausführung und Gestaltung nicht voneinander getrennt sind. Als Instrumentalist, Komponist und Klangtechniker denkt er stets aus mehreren Perspektiven zugleich. Gerade diese Vielseitigkeit macht ihn zu einer wichtigen Stimme innerhalb der Schweizer Jazz- und Improvisationsszene.

Künstlerische Handschrift

Matthias Wengers künstlerische Handschrift ist durch instrumentale Vielseitigkeit, klangliche Neugier und ein starkes Interesse an ungewöhnlichen Ensembleformaten geprägt. Seine Musik verbindet präzise komponierte Strukturen mit improvisatorischer Offenheit und einer differenzierten Arbeit an Klangfarben.

Als Arrangeur denkt er nicht ausschließlich in harmonischen oder rhythmischen Kategorien, sondern ebenso in räumlichen, akustischen und dramaturgischen Zusammenhängen. Elektronische Effekte, Synthesizer und Studiotechnik erweitert er zu vollwertigen kompositorischen Mitteln.

Charakteristisch ist außerdem seine Fähigkeit, zwischen professioneller Ensemblearbeit und pädagogischen Kontexten zu vermitteln. Komplexität erscheint bei ihm nicht als Selbstzweck, sondern als Möglichkeit, musikalische Kommunikation und kollektive Kreativität zu vertiefen.

Wichtige Stationen

  • 2001–2005 – Studium von Saxofon, Komposition und Arrangement an der Hochschule der Künste Bern
  • Unterricht bei Andy Scherrer, Frank Sikora und Kaspar Ewald
  • 2005 – erste größere Aufmerksamkeit mit „Kreislers musikalisch-poetischem Klub“
  • Seit 2005 – Gründungsmitglied von Hildegard Lernt Fliegen
  • Gründung und Leitung eigener Projekte wie Hello Truffle und klapparat
  • Seit 2008 – Dozent für Jazzsaxofon und Jazztheorie am Konservatorium Bern
  • 2010 – Abschluss des Masters in Musikpädagogik
  • Leitung verschiedener Jugendensembles und zweier Bigbands am Konservatorium Bern
  • Seit 2018 – Gastdozent an der Hochschule für Musik Basel
  • Internationale Konzerttätigkeit mit Hildegard Lernt Fliegen
  • Arbeit als freiberuflicher Komponist, Arrangeur und Toningenieur im PROGR Bern und im eigenen Studio in Toffen

Ensembles und Projekte

  • Hildegard Lernt Fliegen – Saxofonist und Gründungsmitglied
  • klapparat – Saxofonensemble mit Schlagzeug
  • Hello Truffle – Independent-Jazz-Quartett
  • Kreislers musikalisch-poetischer Klub
  • Zusammenarbeit mit dem Swiss Jazz Orchestra
  • Zusammenarbeit mit dem Jazzorchester Vorarlberg
  • Zusammenarbeit mit der Jazzwerkstatt Bern
  • Zusammenarbeit mit Enrico Pieranunzi
  • Arrangeur und Bandleiter für Pape Djibi Ba

Diskografie – Auswahl

  • klapparat – Orbit (2021)
  • Andreas Tschopp Bubaran – Tumbuk (2020)
  • Hildegard Lernt Fliegen – The Waves Are Rising, Dear! (2020)
  • The Mill – When the Wind Blows (2019)
  • klapparat – Tilting Axis (2017)

Links

Matthias Wenger Internetseite:
https://www.matthiaswenger.com

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