Melting Pot Berliner Jazzfest 2021 im Silent Green – Kuppelhalle

Auf der Suche nach dem verlorenen Jazz

Melting Pot
Melting Pot, Foto: Camille Blake

Barbara Maria Neu - Klarinette (Wien)
Paulina Owczarek - Saxofon (Breslau)
Liv Andrea Hauge - Klavier (Oslo)
Elias Devoldere - Schlagzeug (Gent)
Nick Dunston - Bass, Banjo, Elektronik (Berlin)

Anstelle eines Berichtes, einer üblichen Konzertkritik, gibt es die Schelte des Genres, wenn es denn eins sein sollte. Die folgende, im Konzert zu hörende Musik firmiert unter vielen Etiketten oder Labels. Eine Auswahl: Zeitgenössische Musik, Neue Musik, Avantgarde Musik, Klangexperimente, Tonvariationen, Lautgenerierung. Besonders häufig ist der Begriff Improvisierte Musik zu finden, der das Hauptkriterium zu sein scheint. Im Programmheft des Jazzfestes 2021 ist zu lesen:

„Die speziellen Herausforderungen des Projekts bleiben den Zuhörer*innen bis zu einem gewissen Punkt verborgen: Die Musiker*innen müssen einander genau zuhören, sich den Ansatz ihrer Mitstreiter*innen erschließen und darauf reagieren. Im Idealfall wären diese spontanen Feinjustierungen gar nicht herauszuhören…“

In der Tat. Genau darum handelt es sich. Der folgende Text versucht, diese Feinjustierungen ihrer improvisierten Musik zu finden. Ein schwieriges Unterfangen.

Zur Einstimmung gibt es wenig Geplänkel: knappe Töne, kurze Laute, sanfte Brum-Töne des Baritonsax, dazu präpariertes Piano, Schlagzeug-Geklapper und etwas Elektronik. Dann eine minimalistische Figur des Pianos. Es passiert ansonsten wenig. Es könnte also langsam losgehen. Tut es aber nicht. Stattdessen weitere sphärenhafte elektronische Klänge, eine einsame Klarinette, die spärliche Zuwendung von den Drums erhält. Ein Thema, das sich entwickeln könnte, ist nicht auszumachen. Das scheint auch genau so konzipiert zu sein. Nun gut, versuchen wir Tönen, Geräuschen, Improvisationen zu folgen.

Das Baritonsax brummt weiterhin, die Drums rumpeln so fort sich hin. Ha, wer sagt es denn. Jetzt geht es los. Wildes, frei auftrumpfendes freies Spielen ist angesagt. Das könnte als Free Jazz wahrgenommen werden, das kommt dem Geschehen schon näher, trifft es aber auch nicht richtig, denn eine extrem wichtige Sache des Freien Jazz ist nicht erkennbar: die kunstvolle Kommunikation der Musikmachenden in spontanen Improvisationen. Die mag vielleicht vorhanden sein, aber auszumachen ist sie nicht. Sequenzen von Tönen sind zu hören, die beliebig und willkürlich erscheinen. Anstelle von wie auch immer strukturierten Themen - sei es rhythmischer, harmonischer, melodischer Art - gibt es weitere Kostproben der Tongenerierung.

Das Gehörte ist als Musik zu verstehen, nur mit Jazz – auch im allerweitesten Sinn – hat das nichts zu tun. Selbst wenn die – für mich nicht zu erkennende –Improvisation das einzige Kriterium für Jazz sein sollte, so greift dieses Kriterium nicht hinreichend. Also, egal, was für eine Musik gespielt wird, wenn die Musikmachenden nur improvisieren, so ist das zwangsläufig Jazz. Diese Argumentation wirkt absurd. Jeder Musiker und jede Musikerin, die Pop, Rock, Folklore, Hip-Hop oder was auch immer spielen mögen, machen Jazzmusik, nur weil sie das Kriterium der Improvisation erfüllen. Was den Jazz in allen, Spielarten ausmacht, ist die kommunikative Improvisation. Und eben die ist hier nicht zu entdecken. Und wenn sie doch da sein sollte, so ist sie für meine Jazz-Ohren nicht zu hören. Aber vielleicht hat der wenig geneigte Kritiker die Musik ja einfach nicht verstanden.

Was bleibt vom Konzert? Fast stets das gleiche: Erzeugen von Lauten, Generierung von Tonfolgen, hier und da ein paar harmonische Splitter, vereinzelte Sequenzen, rhythmische Bruchstücke. Das alles wirkt so ermüdend wie langweilig. Diese Musik packt die Hörenden nicht emotional, sie versprüht keinen Zauber, sie verpufft wirkungslos in der Kuppel von Silent Green.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Camille Blake

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