Rezension des Albums "Synonym" von Meshell Ndegeocello
Meshell Ndegeocello
Synonym
Erscheinungstermin: 02.10.2026
Label: Blue Note, 2026
Wenn bekannte Songs ihre Identität wechseln
Meshell Ndegeocello gehört seit mehr als drei Jahrzehnten zu den Künstlerinnen, die sich einer eindeutigen stilistischen Zuordnung konsequent entziehen. Soul, Funk, R&B, Rock, Jazz und experimentelle Musik waren für sie nie voneinander abgeschlossene Welten. Auf Synonym treibt sie diese Offenheit noch weiter.
Das Album besteht ausschließlich aus Coverversionen, doch der Begriff greift eigentlich zu kurz. Ndegeocello interessiert sich nicht für möglichst werkgetreue Neuinterpretationen. Sie sucht nach dem emotionalen Kern eines Songs und baut darum eine neue musikalische Form.
So entstehen aus vertrauten Stücken teilweise vollkommen andere Werke. Don’t You Want Me von The Human League erhält mit Cat Power eine warme, reggaeartige Färbung, I Knew You Were Waiting (For Me) wird gemeinsam mit Cynthia Erivo neu gedacht, und auch Songs aus Folk, Soul, Pop, R&B, Alternative Rock und Hip-Hop verlieren ihre ursprünglichen stilistischen Grenzen.
Jeder Titel ist als Duett angelegt. Die Liste der Gäste ist beeindruckend: Chaka Khan, Brandi Carlile, Robert Glasper, Lizz Wright, Lianne La Havas, ANOHNI, WILLOW, Bill Callahan und weitere Künstlerinnen und Künstler treffen auf eine Produzentin, die ihnen genügend Raum für eine eigene Perspektive lässt.
Das funktioniert hervorragend.
Die Arrangements sind intelligent, die Produktion ist detailreich, und Ndegeocello beweist erneut, wie souverän sie mit bereits bekanntem Material umgehen kann. Die Songs werden nicht dekoriert, sondern tatsächlich verwandelt.
Nur eines sollte man nicht erwarten: ein Jazzalbum im engeren Sinn.
Natürlich finden sich jazztypische Elemente, Musiker aus dem Jazzumfeld und improvisatorische Momente. Robert Glasper, Josh Johnson oder Elena Pinderhughes gehören selbstverständlich in diese Welt. Das musikalische Zentrum von Synonym liegt jedoch deutlich weiter draußen. Soul, Pop, R&B, Folk und elektronische Produktion bestimmen große Teile des Albums mindestens ebenso stark.
Das ist keinerlei Vorwurf an Meshell Ndegeocello. Im Gegenteil: Ihre Interpretationen sind hervorragend, oft überraschend und musikalisch ausgesprochen unterhaltsam.
Die Frage richtet sich eher an das Label.
Blue Note war nie ausschließlich ein Museum für eine eng definierte Jazztradition. Wandel gehört zu seiner Geschichte. Doch nach mehreren Veröffentlichungen der letzten Jahre drängt sich zunehmend die Frage auf, wie weit sich der Begriff Jazz noch ausdehnen lässt, bevor er seine Konturen verliert.
Synonym ist ein ausgezeichnet produziertes, fantasievolles und sehr eigenständiges Album. Aber nach dem Hören bleibt neben der Freude über diese Interpretationen noch eine zweite Frage im Raum:
Quo vadis, Blue Note?(Jacek Brun, 23.10.2026)
Titelliste
- Knew You Were Waiting (For Me) (with Cynthia Erivo)
- Don’t You Want Me (with Cat Power)
- Don’t Stop The Music (with Nick Hakim & Robert Glasper)
- Islands In The Stream (with Chaka Khan)
- It Ain't Me Babe (with Madison Cunningham)
- Always On Time (with Laura Lee)
- Be Real Black For Me (with Emily King & Lizz Wright)
- Don’t Look Any Further (with Lianne La Havas)
- The Closer I Get To You (with Destin Conrad & Moses Sumney)
- Golden Ring (with Brandi Carlile)
- I Got You Babe (with ANOHNI)
- Here We Come (Here He Comes) (with Evann McIntosh)
- Guilty (with Ink)
- Hunger Strike (with WILLOW)
- With God On Our Side (with Bill Callahan, Chris Thile)
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