Rezension des Albums "El Arte del Bolero, Vol. 3" von Miguel Zenón & Luis Perdomo
Miguel Zenón & Luis Perdomo
El Arte del Bolero, Vol. 3
Erscheinungstermin: 28.08.2026
Label: Miel Music, 2026
Wenn alte Lieder wieder zu erzählen beginnen
Manche Melodien begleiten Generationen. Sie werden gesungen, getanzt und weitergegeben. Irgendwann sind sie so vertraut, dass man beinahe vergisst, wie viel in ihnen steckt. Miguel Zenón und Luis Perdomo widmen sich auf „El Arte del Bolero, Vol. 3” erneut solchen Liedern und zeigen, dass ein musikalisches Erbe gerade dann lebendig bleibt, wenn man ihm die Freiheit gibt, sich zu verändern.
Der Bolero entstand Ende des 19. Jahrhunderts im Osten Kubas und entwickelte sich von dort zu einer der prägenden Formen lateinamerikanischer Popularmusik. Liebe, Sehnsucht, Verlust und Verlangen bilden sein emotionales Zentrum. Seine bittersüßen Melodien fanden im 20. Jahrhundert weit über Kuba hinaus Verbreitung und wurden Teil des musikalischen Gedächtnisses Lateinamerikas.
Zenón zieht einen treffenden Vergleich: Er und Perdomo erkunden dieses Repertoire ähnlich wie Jazzmusiker mit dem Great American Songbook. Die bekannten Kompositionen sind dabei Ausgangspunkte und keine unveränderlichen Vorlagen. Ihre melodische und harmonische Substanz bleibt erkennbar, während sich um sie herum neue Möglichkeiten eröffnen.
Dafür könnten sich kaum zwei besser geeignete Musiker begegnen. Seit 27 Jahren spielen Zenón und Perdomo gemeinsam im Quartett des Saxofonisten. Eine solche Vertrautheit lässt sich nicht arrangieren. Sie zeigt sich darin, wie selbstverständlich beide aufeinander reagieren, Gedanken aufnehmen, weiterführen oder plötzlich in eine andere Richtung lenken.
Für diese Aufnahmen ist offenbar keine große Vorbereitung nötig. Wie Zenón erklärt, gibt es eine konzeptionelle Grundlage, doch im Studio wird spontan gespielt und meist mit nur wenigen Takes gearbeitet. Genau diese Unmittelbarkeit prägt El Arte del Bolero, Vol. 3.
Zenóns Altsaxofon trägt die Melodien mit einem warmen, ungemein lyrischen Ton, ohne sie auszuschmücken. Perdomo wiederum schafft am Klavier ganze harmonische Landschaften, er kann begleiten, kommentieren, provozieren und im nächsten Augenblick die Führung übernehmen. Dabei verschwimmen die traditionellen Rollen von Solist und Begleiter zunehmend. Es entsteht ein echter Dialog.
Und dann sind da die Improvisationen. Sie scheinen sich immer weiter aus den Melodien herauszuentwickeln, ohne deren emotionalen Kern aus den Augen zu verlieren. Gerade darin liegt die Schönheit dieser Aufnahme: Obwohl beide Musiker technisch nahezu grenzenlose Möglichkeiten besitzen, wird Virtuosität nie demonstriert. Alles dient der Musik.
El Arte del Bolero, Vol. 3 ist deshalb weit mehr als eine weitere Sammlung neu interpretierter Klassiker. Zenón und Perdomo bauen Stück für Stück an einem eigenen lateinamerikanischen Songbook, das voller Erinnerung ist, aber ganz in der Gegenwart steht.
Alte Lieder erzählen hier ihre Geschichten weiter. Nur jedes Mal ein wenig anders.
(Jacek Brun, 06.09.2026)
Besetzung
Miguel Zenón - alto saxophone
Luis Perdomo - piano
Titelliste
- La Gloria Eres Tú
- Señora
- El Día Que Me Quieras
- Un Amor De La Calle
- Sombras
- Convergencia
- Verdad Amarga
- De Qué Callada Manera
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