New Colours Festival 2026 – Wenn Spielorte selbst zu Stars werden
Von Angela Ballhorn
Farben sind vielleicht nicht das erste, das einem einfällt, wenn man an das Ruhrgebiet denkt. Doch Städte wie Gelsenkirchen haben nach Schliessung der Steinkohlezechen an Lebensqualität gewonnen - und auch an Farben, nachdem das Stadtbild nicht mehr nur kohlestaubgrau ist. Das New Colours Festival, kuratiert von Susanne Pohlen und Bernd Zimmermann, brachte Ende September seine mittlerweile fünfte Ausgabe in sehr besondere Spielorte in Gelsenkirchen.
Heimliche Stars: die Spielorte
Konzerte fanden auf dem Nordsternturm, einem ehemaligen Förderturm, sowie der Kaue (Umkleide- und Waschraum der Bergleute), im stadt.bau.raum (ehemaliger Schacht Oberschuir), in Kirchen und – neu in den Spielstätten - auf dem Gelände der Zeche Westerholt statt.
Vier Tage, zehn Orte, 13 Acts
Für Musikneugierige gab es viel zu entdecken. Bison Rouge, Sängerin und Cellistin aus den USA, kam zum zweiten Mal zum New Colours Festival und bekannte im wahrsten Sinne des Wortes Farbe. Sie ersang sich ihren Weg durch das Publikum in Richtung Bühne und und verteilte Glitzerfarbe in den begeisterten Gesichtern der Zuschauer. Die blau glitzernden Farbstreifen auf den Wangen passten ganz wunderbar zu den märchenhaften Geschichten, die sie mit Cello, ein bisschen Elektronik und Gesang präsentierte.
SUI-AUS
Bruce ist ein neues Schweizer-australisches Projekt von Sha (Bassklarinette) und James Gilligan an der Pedal Steel. Stefan Haslebacher, die Langform von Sha, und Gilligan loteten die Möglichkeiten dieser ungewohnten Instrumentierung aus. Besonders schön wurde es, wenn aus der Bassbegleitung der Klarinette und den Akkorden Gilligans Stimme aufstieg. Die Songs gaben der ohnehin vielschichtigen Musik noch eine Extradimension.
Die Night Hawks, die im Anschluss auf der Bühne der Kaue spielten, bestehen seit bald 30 Jahren. Ihre Mischung aus Fusion, Dance Floor und Lounge-Music kam gut an und brachte die Zuschauer zum Mitnicken und -wippen.
Doppelte Drummer und Doppelbesetzung
Der Samstag stand im Zeichen des hohen Nordens und lieferte gleich ein Doppel-Highlight. In der Bleckkirche stand der Norweger Håkon Kornstad mit seinem Tenorsaxofon im Altarraum und schichtete mit seinem Looper harmonischen Untergrund, über die er seine zweite musikalische Heimat, den Operntenor, legte. Ein besonderes Highlight war seine Bearbeitung des schwedischen Volkslieds „Ack Värmland“.
Ebenso begeisternd und ebenfalls aus Norwegen kam Eivind Aarset mit seinem Quartett, der einen furiosen Auftritt hinlegte. Die Wucht der Band, zwei Drummer mit glitzernden goldenen und lila Drumsets und aberwitzigen Ergänzungen wie Schiffsglocken oder Glockenspiel peitschte die Kompositionen von Eivind Aarset – von flächigen Sounds bis rockig-verzerrt - voran. Das Tingvall Trio präsentierte einen Querschnitt aus ihrem reichhaltigen Fundus aus 20 Jahren Bandbestehen.
Kunst, Kaue und krachender Abschluss
Der Sonntag ist kein Ruhetag des Festivals, hier geht vormittags im Kunstraum Norten weiter. Markus Stockhausen hatte seine bestens eingespielte Group, mit der er gerade frisch im Studio ein neues Album eingespielt hatte, nach Gelsenkirchen mitgebracht. Die Kompositionen perfekt zwischen Groove und Weite passten wunderbar in die Galerie mit grossformatigen Bildern von Silke Albrecht.
Mit der Zeche Westerholt, wo bis 2008 Steinkohle aus 1000 Meter Tiefe gefördert wurde, kam ein neuer Spielort dazu. Julian Maier-Hauff spielte mit Trompete, Posaune, Saxophon und Keyboards ganz akustisch Electro Techno Rave-Beats ein, während es nebenan in der alten Kaue der Zeche noch ein Geheimkonzert von Bison Rouge gab. Lautstarke Unterstützung bekam sie von den beiden ehemaligen Bergleuten, die Interessierten die Zeche zeigten. Sie sangen mit der Cellistin inmitten der Körbe, die früher schmutzige oder saubere Arbeitsklamotten enthielten (aktuell allerdings im Rahmen einer Kunstaktion Origami-Kraniche) das alte Steiger-Lied „Glück auf, der Steiger kommt.“
Tanzbarer Rausschmeisser des Festivals war wieder in der Heilig Kreuz Kirche mit ihrer sehr speziellen Architektur. Aus Berlin kam Jazzanova, die – in unterschiedlichen Besetzungen – mittlerweile auch schon 30 Jahre auf dem Buckel hat. Die Musiker brachten - zusammen mit ihrem Sänger Wayne Snow – das Publikum zum Tanzen.
New Colours Festival Gelsenkirchen
https://colours-festival.de
Über die Autorin
Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.
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