New Morning im Herzen von Paris
Von Izabela Olejniczak
An einem Nachmittag vor Kurzem in Paris war ich auf dem Weg zu einem Treffen mit drei Frauen, deren Leben eng mit einem der legendärsten Musikclubs der Stadt verbunden ist: dem New Morning. Als ich in einem kleinen Café gegenüber dem Club ankam, wurde ich von drei herzlichen Lächeln begrüßt: Catherine Farhi, der Leiterin des Clubs, Christine Badier, die für die Programmgestaltung verantwortlich ist, und Marie-Claude Nouy, die in den Anfangsjahren des Clubs in der Verwaltung und Programmgestaltung tätig war und sich seit 2015 um dessen Promotion kümmert.
Ich setzte mich zu ihnen, mitten in ein bereits laufendes Gespräch, schaltete mein Aufnahmegerät ein und begann zuzuhören. Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, dass dies keine einstudierte Erzählung über die Vergangenheit werden würde, sondern etwas sehr viel Persönlicheres.
Hier findet ihr die Website des Clubs „New Morning“:
https://www.newmorning.com/
Madame Farhi: Die Seele des New Morning
Die Geschichte begann allerdings nicht in Paris. Sie führt uns zurück nach Genf in die späten 1970er-Jahre, wo zwei Brüder, Daniel und Alain Farhi, eine verlassene Fabrik in einen Musikclub im Loft-Stil verwandelten, inspiriert von den Clubs New Yorks.
„Sie gründeten den Club, weil sie einen Ort brauchten, an dem sie spielen konnten“, erinnert sich Catherine Farhi. „Es war nicht so, dass sie beschlossen hätten, ein Konzept zu vermarkten. Es entstand einfach aus der Erfahrung heraus.“
Hinter diesem musikalischen Abenteuer verbirgt sich noch eine andere Geschichte, die viel weiter entfernt begann.
„Ursprünglich stammen wir aus Ägypten“, erzählt mir Catherine. „Ich wurde in Ägypten geboren und kam als kleines Mädchen mit meinen Eltern nach Paris. Es war eine Zeit des Exils und politischer Umbrüche.“
Beide Eltern waren Journalisten, und ihr Vater war Schriftsteller, der mit der literarischen Avantgarde Ägyptens verbunden war. Ihre Mutter, Eglal Farhi, stammte aus derselben intellektuellen Welt, teilte jedoch eine besondere Leidenschaft für Musik und unterstützte die Ambitionen ihrer Stiefsöhne Daniel und Alain.
Der Erfolg in Genf führte schließlich nach Paris. Catherine erinnert sich daran, wie Musiker, die auf Tournee durch die Schweiz kamen, immer wieder nach einem Club in der französischen Hauptstadt fragten.
„Sie sagten ständig: ‚Wir wollen einen Club in Paris, wir wollen einen Club in Paris.‘“
Ihr Wunsch wurde am 16. April 1981 Wirklichkeit, als das New Morning seine Türen öffnete und Art Blakey mit seinen Jazz Messengers die Bühne betrat.
Doch die ersten Jahre in Paris waren alles andere als einfach. Finanzielle Schwierigkeiten, interne Konflikte und die Herausforderungen, einen Club zu führen, bedrohten das gesamte Projekt. In diesem kritischen Moment griff Madame Farhi ein, die damals auf die sechzig zuging, um das zu schützen, was ihre Familie geschaffen hatte.
Ursprünglich war sie für Pressearbeit und administrative Angelegenheiten zuständig gewesen. Plötzlich fand sie sich in der Leitung eines Musikclubs wieder und verbrachte ihre Abende unter Künstlern, Agenten und Publikum – in einer Welt, die sich deutlich von den intellektuellen und literarischen Kreisen unterschied, die sie bis dahin gekannt hatte.
„Niemand hätte sich jemals vorstellen können, dass meine Mutter einmal einen solchen Ort leiten würde“, erinnert sich Catherine.
Anfangs machte sich die Familie Sorgen, dass Eglal Farhi von der chaotischen Welt des Nachtlebens und den Exzessen jener Zeit überfordert sein könnte. Doch ihre Ankunft bewirkte genau das Gegenteil.
„Von dem Moment an, als sie kam, beruhigte sich alles“, erinnert sich Catherine. „Selbst die härtesten Typen waren von ihr beeindruckt. Und sie selbst hielt überhaupt nichts Besonderes von sich. Sie war einfach sie selbst.“
Christine Badier, die viele Jahre an der Seite von Madame Farhi arbeitete, erinnert sich mit ebenso großer Zuneigung an sie:
„Sie gab mir nie das Gefühl, versagt zu haben. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas erlebt habe.“
Was als Versuch begann, ein Familienprojekt zu retten, wurde zu einem völlig neuen Kapitel in ihrem eigenen Leben. Catherine erinnert sich daran, wie sie ihre Mutter in dieser unerwarteten Rolle beobachtete – mit einem enormen Stolz darüber, dass nun auch andere die bemerkenswerte Frau entdeckten, die sie selbst schon immer gekannt hatte.
„Für mich war es eine solche Quelle des Stolzes, dass die Menschen sie endlich so sehen konnten, wie ich sie schon immer gesehen hatte“, sagt sie.
Mit ihrem stillen Charisma, ihrem Optimismus und ihrer aufrichtigen Liebe zur Musik wurde Madame Farhi zu einer prägenden Persönlichkeit des New Morning. Sie führte den Club durch schwierige Zeiten, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, worauf es wirklich ankam: die Musik und die Menschen, die mit ihr verbunden waren.
Eine Bühne für die größten Künstler der Welt
Innerhalb relativ kurzer Zeit hatte sich das New Morning als einer der wichtigsten Musikclubs von Paris etabliert und einige der größten internationalen Künstler auf seine Bühne geholt.
Art Blakey, Nina Simone, Chet Baker, Dizzy Gillespie, Dexter Gordon, Stan Getz, Gil Scott-Heron und Prince … Die Liste scheint beinahe endlos. Viele von ihnen kehrten immer wieder zurück und entwickelten dauerhafte Freundschaften mit den Menschen hinter dem Club.
Während unser Gespräch weiterging, begannen die Erinnerungen zu fließen. Manche brachten uns zum Lachen, andere weckten ein wenig Nostalgie. Ein Name schien dabei einen ganz besonderen Platz in ihren Herzen einzunehmen: Roy Hargrove.
Der amerikanische Trompeter trat viele Male im New Morning auf und entwickelte eine enge Beziehung zum Club. Catherine und Christine erinnerten sich daran, wie seine Komposition „Strasbourg/St. Denis“, benannt nach dem nahe gelegenen Pariser Viertel, zum ersten Mal live auf der Bühne des Clubs gespielt wurde.
Diese Verbindung ist bis heute zutiefst persönlich. Christine erinnerte sich an eine Begegnung vor Kurzem mit dem Pianisten Sullivan Fortner, der mit Hargrove gespielt hatte. Als sie ihm erzählte, wie sehr sie Roy vermisste, kam Fortner später aus der Garderobe und begann, „Strasbourg/St. Denis“ auf dem Klavier zu spielen.
Doch das New Morning war nie ausschließlich dem Jazz vorbehalten. Im Laufe der Jahrzehnte waren auf seiner Bühne auch Blues, Funk, Soul und Weltmusik zu hören, die sich einfachen Kategorien entziehen.
Als ich fragte, wo Jazz aufhört und andere musikalische Traditionen beginnen, entfachte sich zwischen den drei Frauen eine lebhafte Diskussion. Sie tauschten Gedanken über Wurzeln, Improvisation, elektronische Musik und die zunehmend verschwimmenden Grenzen zwischen den Genres aus. Sie waren sich einig, dass Musik die Freiheit haben sollte, sich weiterzuentwickeln.
An einer Stelle äußerte Catherine einen Gedanken, der mir besonders im Gedächtnis blieb:
„Menschen schaffen es nicht immer, Grenzen zu überwinden, aber Klänge tun es.“
Ein Ort der Freundschaft, des Vertrauens und der Liebe
Diese Offenheit spiegelt sich auch darin wider, wie der Club heute geführt wird.
Catherine, die im September 2009 zum New Morning kam, ist entschlossen, die Unabhängigkeit und Freiheit zu bewahren, die seine Anfangsjahre geprägt haben. Sie hat sich gegen externe Investoren entschieden und zieht es vor, künstlerische Entscheidungen in den Händen jener Menschen zu belassen, die den Club und sein Publikum kennen.
„Wir wollten uns nicht verändern“, erklärte sie während unseres Gesprächs.
Catherine sprach dabei von etwas, das weit über die Programmgestaltung hinausgeht: von der Atmosphäre, den Beziehungen und der Freiheit, Entscheidungen treffen zu können, ohne sich gegenüber fremden Interessen rechtfertigen zu müssen.
Einige Mitglieder des Teams sind seit vierzig Jahren dabei. Andere kamen erst viel später hinzu, doch selbst die Jüngeren haben inzwischen bereits ein Jahrzehnt damit verbracht, gemeinsam mit dem Club zu wachsen.
Catherine beschreibt ein Umfeld, in dem man den Menschen vertraut, Verantwortung zu übernehmen, ihre Ideen einzubringen und manchmal auch Fehler zu machen.
Die Konzerte werden nicht einfach danach ausgewählt, was gerade verfügbar ist. Es sind Entscheidungen, von denen das Team überzeugt ist und die häufig auch finanzielle Risiken mit sich bringen.
Wie Catherine erklärte, handelt es sich dabei nicht um „Supermarktentscheidungen“. Es geht um Künstler und Projekte, hinter denen der Club wirklich stehen möchte.
„Man kann denselben Musiker jeden Abend dasselbe Stück spielen hören, und es wird niemals dasselbe sein“, lautete eine der Beobachtungen während unseres Gesprächs.
Gegen Ende unseres Treffens fragte ich schließlich, was fünfundvierzig Jahre New Morning für sie persönlich bedeuteten.
Die Frage wurde mit Gelächter beantwortet.
„Es bedeutet, dass wir immer noch hier sind. Immer noch am Leben.“
Wie Catherine während unseres Gesprächs sagte, ist das New Morning ein Zuhause.
Und fünfundvierzig Jahre später spielt die Musik noch immer.
Die drei Frauen übernehmen beziehungsweise übernahmen unterschiedliche Aufgaben im New Morning:
Catherine Farhi ist die Leiterin des Clubs
Christine Badier für die Programmgestaltung verantwortlich
Marie-Claude Nouy war von 1981 bis 1983 in der Verwaltung und Programmgestaltung tätig. Seit 2015 kümmert sie sich um die Promotion.
Über die Autorin
Izabela Olejniczak arbeitet mit internationalen Jazzagenturen zusammen und ist Host des Projekts „Lost in Paris with Jazzabela“. Für jazz-fun.de schreibt sie über die Pariser Jazzszene sowie über Kunst und Kultur.
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