Carl Orff meets Techno & Weltmusik in der Münchner Isarphilharmonie (4. Oktober 2026)
Das muss man erst mal hinkriegen: eine gut gefüllte Isarphilharmonie zum kollektiven Tanzen zu bringen. Oder genauer: das bunt gemischte, ein breites Spektrum von Jung bis Alt umfassende Publikum in der rund 1900 Plätze fassenden Konzerthalle. Wem das gelang? Dem Techno-Piano-Trio LBT, das die Bayerische Philharmonie zusammen mit Enkhjargal Dandarvaanchig, einem mongolischen Obertonsänger und Pferdekopfgeigenspieler, eingeladen hatte, um anlässlich der 17. Orff-Tage klassische Konzertkultur mit analogen Techno-Beats und Weltmusikklängen zu verbinden.
Von Robert Fischer
Bayerische Philharmonie: Crossover als Programm
Bei der Bayerischen Philharmonie handelt es sich um einen im Jahr 1994 gegründeten Verein, der sich generationenübergreifend als multinationale Institution versteht mit dem Ziel, »symphonisches Musizieren zu vermitteln und professionell zu musizieren«. Dazu gehören musikalische Breitenbildung und Nachwuchsförderung junger Talente, aber auch zahlreiche soziale Engagements sowie nicht zuletzt die im Jahr 2010 von Mark Mast, dem Intendanten und Chefdirigenten der Bayerischen Philharmonie, gegründeten Orff-Tage, die sich von einem lokalen Münchner Event zur heute ganz Bayern bespielenden, unter der Schirmherrschaft des Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft und Kunst, Markus Blume, stehenden Veranstaltungsreihe entwickelt haben: Die Orff-Tage zeugen von Mark Masts tiefer persönlicher Beziehung zum musikalischen Erbe von Carl Off – und von seinem Bestreben, eine Brücke zwischen dessem Werk und zeitgenössischen Künstlern zu schlagen. Denn für ihn ist die Musik Carl Orffs von erstaunlicher Aktualität: »Orffs musikalische Sprache ist archaisch, rhythmisch und unmittelbar, und gerade deshalb lässt sie sich immer wieder mit ganz unterschiedlichen musikalischen Welten in Beziehung setzen.«
Enkhjargal Dandarvaanchig: ein mongolischer Musikmagier an der Pferdekopfgeige
Für die 17. Ausgabe der Orff-Tage, die nach dem Auftaktkonzert in Andechs am 4. Oktober in der Münchner Isarphilharmonie Station machte, hatte Mark Mast sich ein ganz besonderes Crossoverprogramm ausgedacht: Unter dem Motto »Orff meets Techno & Weltmusik« erklangen zunächst klassische Klänge aus der Carmina Burana, Orffs berühmtestem Werk, dann wurde Enkhjargal Dandarvaanchig auf die Bühne gebeten, dessen – mittels Ober- und Untertonstimme – mehrere Oktaven umfassender Gesang das Publikum ebenso zum Staunen brachte wie sein Spiel auf der Morin Khuur, der traditionellen mongolischen Pferdekopfgeige. Was Dandarvaanchig aus diesem nur zweisaitigen, traditionell in einer Quinte, in modernen Aufführungen aber auch in einer Quarte gestimmten Instrument zupfend und streichend hervorbrachte, war schlicht: überwältigend.
LBT – Piano Trio goes Techno (and beyond)
Stand der mongolische Meistermusiker auch symbolisch für das Interesse Orffs an traditioneller, modern interpretierter Volksmusik, zeigten Leo Betzl (Klavier), Maximilian Hirning (Kontrabass) und Tim Sarhan (Schlagzeug) anschließend, wie naheliegend die Verbindung von Orff zu zeitgenössischer Musik ist: »Four to the floor«-Beats gibt es auch schon in der Carmina Burana, und mit Sicherheit hätte dessen Komponist viel Freude an der schier unaufhaltsam vorantreibenden Dynamik und dem pulsierenden Rhythmus von LBT gehabt, dessen rein akustisch erzeugter Techno schon für sich kaum einen Zuhörer auf seinem Sitz bleiben lässt. Für diesen Orff-Tag hatte sich die Bayerische Philharmonie aber noch etwas ganz Besonderes ausgedacht: Eines der Stücke, für die Maximilian Hirning von der Bayerischen Philharmonie einen Kompositionsauftrag erhalten hatte, war an diesem Sonntag sogar als Welturaufführung zu erleben. So standen zu guter Letzt Chor und Streichquintett, Klavierduo und Percussionensemble der Bayerischen Philharmonie mit Enkhjargal Dandarvaanchig und LBT gemeinsam auf der Bühne, um auf innovative Weise »den visionären Geist Carl Orffs auf moderne Weise weiterzudenken«. Was sich auf dem Papier schon mal ganz gut liest, in der Praxis aber ein im Wortsinn unerhörtes Erlebnis war. Freude und Begeisterung standen dem Publikum wie den Musizierenden gleichermaßen ins Gesicht geschrieben. Und: Das muss man erst einmal hinkriegen – eine gut gefüllte Isarphilharmonie mit symphonischen Klängen, analog erzeugten Technobeats und tief aus der Tradition schöpfender Weltmusik zum kollektiven Tanzen zu bringen.
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Bayerische Philharmonie, Foto: Robert Fischer -
Enkhjargal Dandarvaanchig, Foto: Robert Fischer -
Enkhjargal Dandarvaanchig, Foto: Robert Fischer
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Maximilian Hirning, Foto: Robert Fischer -
Leo-Betzl, Foto: Robert Fischer
Über den Autor
Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.
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