Rezension des Albums "A Sun That Never Sets" von Ralph Alessi
Ralph Alessi
A Sun That Never Setsr
Erscheinungstermin: 03.07.2026
Label: ECM, 2026
Die stärksten Kompositionen geben Antworten – und stellen zugleich neue Fragen
Ralph Alessi gehört seit vielen Jahren zu den Musikern, die Komplexität nicht als Selbstzweck verstehen. Seine Kompositionen fordern Aufmerksamkeit, bleiben dabei jedoch offen für Spontaneität und gemeinsames Entdecken. Auch auf A Sun That Never Sets verbindet der amerikanische Trompeter diese beiden Pole zu einer Musik, die gleichermaßen präzise konstruiert und erstaunlich lebendig wirkt.
Für sein neues Projekt erweitert Alessi das bewährte Quartett um seinen Bruder Joseph Alessi, dessen Posaune dem Ensemble eine zusätzliche klangliche Dimension verleiht. Die Begegnung von Trompete und Posaune prägt viele Passagen des Albums. Mal bewegen sich beide Instrumente parallel, mal entwickeln sie einen lebhaften Dialog, der die Kompositionen immer wieder in neue Richtungen führt.
Mit Matt Mitchell am Klavier, John Hébert am Kontrabass und Ches Smith an Schlagzeug und Vibrafon verfügt Alessi über eine Besetzung, die seine musikalische Sprache bis ins Detail versteht. Die Musiker folgen den komplexen rhythmischen und harmonischen Strukturen nicht nur mit beeindruckender Präzision, sondern erweitern sie durch ihre eigenen Ideen. So entsteht ein Ensembleklang, in dem jede Stimme gleichermaßen Verantwortung übernimmt.
Besonders faszinierend ist die Offenheit der Arrangements. Die Kompositionen besitzen eine klare architektonische Form, ohne den improvisatorischen Freiraum einzuschränken. Immer wieder lösen sich die musikalischen Linien voneinander, kreuzen sich erneut und entwickeln dabei eine Dynamik, die den Hörer ständig in Bewegung hält.
Dabei beeindruckt vor allem die außergewöhnliche Klangkultur des Albums. Ralph Alessis Trompete entfaltet einen klaren, warmen und transparenten Ton, der selbst in den dichtesten Ensemblepassagen seine Ausdruckskraft bewahrt. Matt Mitchell bewegt sich mit großer Eleganz zwischen harmonischer Verankerung und freier Gestaltung, während Hébert und Smith ein rhythmisches Fundament schaffen, das zugleich flexibel und äußerst präzise bleibt. Ihre Interaktion wirkt nie routiniert, sondern entsteht aus aufmerksamem Zuhören und unmittelbarer Reaktion.
Trotz seiner kompositorischen Raffinesse verliert A Sun That Never Sets nie den Kontakt zur musikalischen Emotion. Die Stücke entwickeln sich mit Geduld, überraschen durch unerwartete Wendungen und laden dazu ein, immer neue Details zu entdecken. Gerade diese Balance aus intellektueller Tiefe und spielerischer Freiheit macht den besonderen Reiz des Albums aus.
Mit A Sun That Never Sets legt Ralph Alessi eine Aufnahme vor, die höchste kompositorische Kunst mit lebendiger Improvisation verbindet. Das Quintett nutzt die Offenheit der Arrangements, um jede Komposition neu zu beleuchten, und schafft so ein Album, das von der ersten bis zur letzten Minute durch seine Kreativität, klangliche Eleganz und außergewöhnliche musikalische Intelligenz fesselt.
(Jacek Brun, 25.07.2026)
Besetzung
Ralph Alessi - Trumpet
Joseph Alessi - Trombone
Matt Mitchell - Piano
John Hébert - Double Bass
Ches Smith - Drums, Vibraphone
Titelliste
- A Sun That Never Sets
- Nothing Is Dead
- Relaxed Misery
- Sweet Spot
- Ether
- Twichild
- Transitional Imagery
- Slow Dancing Bear
- Of Trees
- Duck Face
- Behind Clouds
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