Rezension des Albums "Fallen Crooner" von Robert Lucaciu
Robert Lucaciu
Fallen Crooner
Erscheinungstermin: 13.02.2026
Label: Unit Recods, 2026
Wenn Gewissheiten ins Wanken geraten
Ein Kaleidoskop liefert niemals lange dasselbe Bild. Eine kleine Bewegung genügt, und aus den vorhandenen Elementen entsteht eine vollkommen neue Konstellation. Ganz ähnlich funktioniert Fallen Crooner: Robert Lucaciu setzt Stimmen, Instrumente, Texte, Kompositionen und freie Improvisationen immer wieder neu zusammen und entwickelt daraus eine Musik, deren Beweglichkeit unmittelbar mit dem Thema des Albums verbunden ist.
Der deutsch-rumänische Kontrabassist und Komponist beschäftigt sich in seinem jüngsten Projekt mit der eigenen männlichen Identität und mit gesellschaftlich geprägten Geschlechterrollen. Dabei formuliert er keine fertigen Antworten. Vielmehr schafft er einen Raum, in dem Fragen gestellt, Perspektiven gewechselt und vermeintliche Gewissheiten spielerisch überprüft werden können.
Dafür hat Lucaciu mit Laura Totenhagen am Gesang, Pascal Klewer an der Trompete, Shannon Barnett an der Posaune, Sofía Salvo am Baritonsaxofon und Moritz Baumgärtner am Schlagzeug ein Ensemble zusammengestellt, dessen instrumentale Farben bereits enorme Möglichkeiten eröffnen. Gemeinsam mit Lucacius Kontrabass entsteht eine ungewöhnlich variable Besetzung, die zwischen kammermusikalischer Transparenz und kraftvoller Ensemblewirkung wechseln kann.
Musikalisch geschieht auf Fallen Crooner erstaunlich viel. Stimmungen, Rhythmen und Klangfarben verändern sich mitunter innerhalb kürzester Zeit. Aus einer klaren melodischen Linie kann sich eine freie Passage entwickeln, ein Instrument tritt hervor, ein anderes widerspricht, kommentiert oder lenkt die Musik plötzlich in eine neue Richtung. Die Bläser besitzen dabei enorme Präsenz. Klewer, Barnett und Salvo können gemeinsam mächtige Klangkörper bilden, sich aber ebenso in individuelle Stimmen auflösen.
Laura Totenhagens Gesang erweitert dieses Geflecht um eine weitere Ebene. Ihre Stimme ist nicht lediglich Trägerin der verwendeten Texte, sondern gleichberechtigtes Instrument. Sie kann erzählen, gestalten, provozieren und sich unmittelbar in die improvisatorischen Prozesse des Ensembles einmischen. Dadurch erhält die Musik stellenweise tatsächlich etwas Theatralisches – allerdings ein Theater ohne festgeschriebene Rollen.
Die freie Improvisation ist dabei weit mehr als eine musikalische Methode. Sie entspricht der Grundidee des Projekts. Wer improvisiert, muss zuhören, reagieren, eigene Entscheidungen treffen und gleichzeitig akzeptieren, dass andere Musiker den Verlauf verändern können. Ein Gedanke wird formuliert, aufgegriffen, hinterfragt und manchmal vollständig verworfen. Dadurch wird die musikalische Form selbst zum Bestandteil der Diskussion, die Lucaciu anstoßen möchte.
Bei aller konzeptionellen Tiefe besitzt Fallen Crooner jedoch etwas ausgesprochen Spielerisches. Die Musik belehrt nicht. Sie ist lebendig, überraschend und stellenweise voller Humor. Lucaciu und seine Mitmusiker lassen ihr Kaleidoskop unaufhörlich kreisen: einmal nach rechts, dann wieder nach links, und mit jeder Bewegung erscheinen vertraute Elemente in einer neuen Ordnung.
So gelingt Robert Lucaciu ein Album, das Fragen stellt, ohne Antworten erzwingen zu wollen. Fallen Crooner kann herausfordern, erzählen und zum Nachdenken anregen – und macht dabei vor allem eines: große Freude beim Zuhören.
(Jacek Brun, 13.08.2026)
Besetzung
Laura Totenhagen – vocals
Pascal Klewer – trumpet
Shannon Barnett – trombone
Sofía Salvo – baritone saxophone
Robert Lucaciu – double bass
Moritz Baumgärtner – drums
Titelliste
- Imposter
- Trio
- Streams
- APFMTY
- Duo
- Lonely Woman
- Tutti I
- Prose Poem
- Tutti II
- Tutti III
- Water
- Tutti IV
- Epilogue
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