Shahar Binyamini beim Tanzfestival DanceFirst in Fürstenfeldbruck (24.07.2026)

Shahar Binyamini Bolero X
Shahar Binyamini Bolero X, Foto: Robert Fischer

Am Ende schloss sich ein Kreis: Nach Sharon Eyals sehr beeindruckendem Tanzabend „Delay the Sadness“, mit dem das „tanzfestival dancefirst“ am 18. Juni 2026 begann, erlebte das Publikum fünf Wochen später im bis auf den letzten Platz ausverkauften Stadtsaal im Veranstaltungsforum Fürstenfeld die Abschlussveranstaltung: Shahar Binyaminis „New Earth / Bolero X“.

Von Robert Fischer

Zwei israelische Choreografen rahmten also mit ihren Stücken die aktuelle Ausgabe der diesjährigen Tanz-Biennale, die beide auch einige Jahre gemeinsam in der berühmten Batsheva Dance Company getanzt haben, ehe sie ihre internationale Karriere als Choreografin und Choreograf begannen. Bis auf die sich ähnelnden Kostüme – sowohl Sharon Eyal in „Delay the Sadness“ als auch Shahar Binyamini im ersten Stück seines zweiteiligen Tanzabends „New Earth / Bolero X“ entschieden sich für eine hautfarbene Variante, auf der bei Sharon Eyal zarte rote Linien ein Aderngeflecht andeuteten, während bei Shahar Binyamini kräftigere dunkle Linien und Muster aufscheinen – enden damit aber auch schon die Gemeinsamkeiten.

New Earth

Shahar Binyamini, der zunächst Biologie studierte, ehe er Choreograf wurde, scheint in seinem  Stück „New Earth“ weniger daran interessiert zu sein, eine durchgehende, dramaturgisch aufgebaute Geschichte zu erzählen. Eher geht es ihm wohl darum, archaische Bilder zu schaffen, die auch ohne Narrativ im Gedächtnis des Publikums bleiben. Die Natur wie die Verbindung des Menschen mit ihr spielen dabei eine entscheidende Rolle. Binyamini lässt auf dem Boden der Bühne Blumenerde verteilen, die den Tanzenden das Tanzen vermutlich nicht einfacher macht und unter anderem an Pina Bausch erinnert, die noch zu Lebzeiten verfügte, dass ihre Inszenierung von Strawinskys „Das Frühlingsopfer“ auf Torf getanzt werden soll.

Ein wesentliches Merkmal der Choreografien von Shahar Binyamini ist die von ihm entwickelte Bewegungssprache „Creature“, die er selbst als „System körperlicher Regeln“ beschreibt, „innerhalb dessen wir spielen und uns gemeinsam bewegen. Wir lernen, uns vom Körper leiten zu lassen und dem, was der Körper will, Vorrang vor dem zu geben, was die Gedanken wollen.“ Eine wichtige Rolle spielt dabei der Atem bzw. das Atmen: Indem die Tanzenden auf ihren Atem achten und ihm folgen, ergibt sich daraus bereits ein erstes natürliches Bewegungsmuster.

Vier Tänzerinnen und drei Tänzer sind es, die in „New Earth“ sich und ihr Gegenüber erforschen, zunächst quasi nackt als Teil einer belebten Natur in tastenden, kriechenden, einander umschlingenden, nur selten zärtlichen, eher miteinander ringenden Formen, dann in einer sich wandelnden und zunehmend artifizieller werdenden Welt. Blumen wachsen aus dem braunen Bühnenboden, seltsame Wesen erscheinen, in knallbunte Farben gekleidet, Gesicht und Kopf zum Teil vollständig verhüllt. So entstehen tatsächlich beeindruckende, archaisch und futuristisch zugleich anmutende Bilder, auch wenn das 55-minütige Stück als Ganzes wegen einiger Längen (auch gleich zu Beginn) und einer nicht immer auch sinnlich nachvollziehbaren Einheit von Musik und Bewegung blasser im Eindruck bleibt als Sharon Eyals dem Tod ihrer Mutter gewidmetes „Delay the Sadness“ zu Beginn des Festivals.

Bolero X

Ganz anders dagegen nach der Pause „Bolero X“. Eigentlich denkt man ja, dass man dieses Lieblingsstück aller auch nur ein bisschen engagierten Choreografinnen und Choreografen, das seit seiner Uraufführung im Jahr 1928 im Pariser Opernhaus von den Ballettbühnen der Welt nicht mehr wegzudenken ist, schon ein paarmal zu oft gesehen und gehört hat, um davon noch besonders beeindruckt werden zu können. Aber dann ist es fast immer Ravels geniale, sich repetitiv in immer neuen minimalen Variationen und einigen markanteren Zäsuren zum unausweichlich scheinenden Höhepunkt hinaufschraubende Musik, die selbst dann begeistert, wenn sie wie an diesem Abend nicht live aus einem Orchestergraben, sondern als vorgefertigte Einspielung aus Lautsprechern erklingt. Und dann ist es bei Shahar Binyaminis „Bolero X“ aber auch seine absolut überzeugende Choreografie: Unterstützt von 24 Tänzerinnen und Tänzern der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München gelingt es ihm und seinem siebenköpfigen, als „House of Dance“ firmierenden Ensemble – nun auf das Engste mit der Musik verwoben –, das ikonische Ballett so mitreißend zu gestalten, als würde man es auf dieser auch hier wieder mit Erde bedeckten Bühne zum ersten Mal sehen. Ein gelungener Abschluss also für ein auch diesmal sehr überzeugend kuratiertes und bestens organisiertes Tanzfestival, bei dem es als Einziges zu bedauern gibt, dass es nur alle zwei Jahre stattfindet.

Shahar Binyamini New Earth
Shahar Binyamini New Earth, Foto: Robert Fischer

Text und Fotos: Robert Fischer

NEW EARTH
Eine Produktion in Zusammenarbeit mit House of Dance, Israel
Choreographie, Regie & Konzept: Shahar Binyamini
Musik: Vessel, Piris Eliyah,u Mohammad Reza Mortazavi, Ahuva Ozeri
Licht: Ofer Laufer
Kostüme:  Shahar Binyamini
Tanzende: Hercules Khaveeyah, Joseph Kudra, Elia Magnezi, Roni Milatin, Nuri Schetrite, Naor Walker, Shaked Werner

BOLERO X
Choreografie und Kostüme: Shahar Binyamini
Musik: Maurice Ravel, Boléro
Licht: Ofer Laufer und Shahar Binyamini
Tanzende House of Dance: Hercules Khaveeyah, Joseph Kudra, Elia Magnezi, Roni Milatin, Nuri Schetrite, Naor Walker, Shaked Werner
Tanzende der Ballett-Akademie der Hochschule für Tanz und Theater München: Alica Rafaela Bähr, Zeynep Birinci, Ivana D’Ascanio, Ana Daria Fodor, Luiser Hauß, Ana-Maria Ivan, Annabelle Johnson, Isabell Keller, Arina Liashenko, Amelie Mills Macdonald, Ami Nagata, Romy Orlova, Angela Oviedo Alcade, Suzuno Saito; Rui Batista, Marco De Paola, Ada Dinc, Eneko Esteban Martin, Nils Hegner, Ignacio Illan Sastre, Kyuto Mukaida, Tomas Ptacek, Martin Rabault, Petr Sergeev

Links:
https://www.dancefirst.de
https://www.shaharbinyamini.com/creature

Bericht von Robert Fischer: „Delay the Sadness“: Sharon Eyal eröffnet DanceFirst 2026 in Fürstenfeldbruck

Über den Autor

Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.

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