Shane Cooper: „Unterschiedliche musikalische Sprachen können miteinander tanzen“
Von Jacek Brun
Seit 13 Jahren entwickelt Skyjack eine Musik, die sich einfachen Genrebegriffen entzieht. Die fünf Musiker bringen unterschiedliche musikalische Sprachen, Erfahrungen und kulturelle Prägungen zusammen – und formen daraus einen gemeinsamen Sound, der mit jedem Album geschlossener und zugleich offener wirkt.
Auf „Let The Sky Open Under Your Feet“ steuert jedes Bandmitglied eigene Kompositionen bei. Trotzdem wirkt das Album wie aus einem Guss. Für Shane Cooper liegt das vor allem an den individuellen Klangfarben der Musiker, am gegenseitigen Vertrauen und an einer gemeinsamen Art, musikalische Geschichten zu erzählen.
Im Interview mit jazz-fun.de spricht Cooper über die südafrikanische Jazztradition, die tief in seiner eigenen musikalischen Sprache verankert ist, über das Vermächtnis seines Mentors Zim Ngqawana, über panafrikanische Einflüsse und über Groove als elementare Grundlage seiner Arbeit. Gleichzeitig geht es um eine Idee, die weit über Musik hinausweist: Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, Unterschiede aufzulösen, sondern indem verschiedene Stimmen lernen, miteinander in Beziehung zu treten.
jazz-fun.de:
Shane, Skyjack gibt es inzwischen seit 13 Jahren. Wenn du auf diese Entwicklung zurückblickst: Was hat sich in eurer musikalischen Sprache am stärksten verändert – und was ist von Anfang an gleich geblieben?
Shane Cooper:
Ich würde sagen, die größte Veränderung liegt in der Entwicklung unseres gemeinsamen Sounds und unserer gemeinsamen Vision. Für die Alben steuert jeder von uns eigene Kompositionen bei, anstatt dass wir die Stücke gemeinsam schreiben.
Wenn ich heute zurückblicke, höre ich, wie wir mit jedem Album als Band noch geschlossener geworden sind – vor allem in der Art, wie wir gemeinsam musikalische Geschichten erzählen.
Was meiner Meinung nach gleich geblieben ist, ist die grundlegende Energie, die wir in die Musik einbringen. Sie entsteht aus unseren Live-Konzerten und daraus, wie wir gemeinsam durch die Musik reisen. Im Kern steckt immer ein Groove – und ebenso eine ständige Suche.
jazz-fun.de:
Du hast gesagt, dass sich im Laufe der Zeit eine klarere und geschlossenere Vision entwickelt hat. Wie würdest du diese Vision heute beschreiben, ohne sie über Genrebegriffe zu definieren?
Shane Cooper:
Ich finde es ziemlich schwierig, das in Worte zu fassen. Aber ich glaube, wir haben im Laufe der Zeit eine Art des gemeinsamen musikalischen Erzählens entwickelt.
Diese Musik spiegelt auch die Leben wider, die wir in den Zeiten führen, in denen wir nicht zusammenkommen und gemeinsam an Musik arbeiten. Wenn wir uns dann wieder begegnen, finden diese Erfahrungen auf irgendeine Weise Eingang in das, was wir spielen.
Ich habe das Gefühl, dass die Musik diese Geschichten inzwischen immer klarer erzählt – und dass genau das auch die instrumentale Klanglandschaft und ihre Gestaltung prägt.
jazz-fun.de:
Jedes Bandmitglied steuert zwei Kompositionen zum Album bei. Trotzdem wirkt Let The Sky Open Under Your Feet wie ein bemerkenswert geschlossenes Ganzes. Was verbindet diese zehn Stücke miteinander?
Shane Cooper:
Ich denke, es sind vor allem die Klangfarben und die individuellen Stimmen der Musiker, die alles miteinander verbinden – und die Art, wie wir die Kompositionen der jeweils anderen interpretieren.
Außerdem komponieren wir ganz bewusst für diese Band und haben dabei die anderen Musiker im Kopf. Wir versuchen, die Stärken und die Neugier des jeweils anderen aufzugreifen und zugleich auch, uns gegenseitig herauszufordern.
jazz-fun.de:
Skyjack klingt oft deutlich größer als ein Quintett. Selbst während der Soli bleibt die gesamte Band präsent und kommentiert das Geschehen. Ist diese kollektive Denkweise etwas, das ihr bewusst entwickelt habt – oder ist sie im Laufe der Jahre einfach gewachsen?
Shane Cooper:
Das hat sich ganz wesentlich über die Jahre entwickelt und wurde stark von der energetischen Resonanz geprägt, die wir bei unseren Konzerten vom Publikum bekommen.
jazz-fun.de:
Die südafrikanische Jazztradition ist auf dem gesamten Album deutlich spürbar, ohne jemals vordergründig oder oberflächlich präsentiert zu werden. Welche Rolle spielen Herkunft, Erinnerung und musikalisches Erbe für dich beim Komponieren?
Shane Cooper:
Ich bin tief in der Tradition verwurzelt, von den Älteren der südafrikanischen Jazzgemeinschaft zu lernen. Diese Erinnerungen sind deshalb gewissermaßen in der Art verankert, wie meine Hände spielen und wie meine Füße tanzen.
Das ist einfach Teil meines Körpers und davon, wie ich mich einem Instrument überhaupt nähere – und damit auch Teil meiner musikalischen Sprache. Es kommt ganz natürlich zum Vorschein, wenn ich schreibe und wenn ich spiele.
jazz-fun.de:
Kyle Shepherds „Another One for Bra Zim“ ist eine Hommage an Zim Ngqawana, und du hast gesagt, dass sein Geist während der Aufnahmen ganz natürlich präsent war. Was bedeutet Zim Ngqawanas musikalisches Vermächtnis für dich und für Skyjack?
Shane Cooper:
Ich hatte das große Glück, einige Jahre in Bra Zim Ngqawanas Quartett zu spielen, und bis heute greife ich auf seine Lektionen zurück und entdecke immer wieder neue Ebenen darin.
Er hat mir beigebracht, ganz im Moment präsent zu sein, mit dem ganzen Herzen zuzuhören und der Musik alles zu geben.
Alle bei Skyjack haben eine ähnliche Beziehung zur Musik.
jazz-fun.de:
Der Titeltrack richtet den Blick ausdrücklich auf die Klänge Malis und öffnet die Musik damit über Südafrika hinaus. Wie wichtig ist dir heute eine panafrikanische Perspektive – also Verbindungen zwischen unterschiedlichen musikalischen Traditionen des Kontinents hörbar zu machen?
Shane Cooper:
Das ist ein grundlegender Bestandteil meiner Arbeit als Musiker in der Rhythmusgruppe. Ich höre täglich Musik aus ganz Afrika – sie ist so etwas wie mein tägliches Brot – und ich fühle mich immer wieder von Rhythmus und Groove angezogen.
Als jemand, der sein Leben lang Musik studiert, beschäftige ich mich vor allem mit Musik von dem Kontinent, aus dem ich selbst komme. Das ist einfach ganz natürlich das, wozu es mich als Musiker hinzieht.
jazz-fun.de:
Der Albumtitel stammt aus einem Gedicht von Rumi und trägt gerade in unserer Gegenwart eine sehr unmittelbare Botschaft von Hilfe, Mitgefühl und Hoffnung. Was hat dich an diesem Text so stark berührt, dass daraus der Titel des Albums wurde?
Shane Cooper:
Diese Zeile hat sich für mich sehr unmittelbar mit dem Stück verbunden, weil sich der Refrain so anfühlt, als würde er darüber schweben, während die Strophe sehr fest im Boden verankert ist.
Diese Essenz steht für mich auch für das Album als Ganzes. Deshalb haben wir uns ziemlich schnell dafür entschieden, die Zeile auch als Albumtitel zu verwenden.
jazz-fun.de:
Du hast gesagt, dass ihr das meiste, was sich über Genre sagen lässt, über die Instrumente selbst vermittelt. Bedeutet das, dass Genrebegriffe kaum noch eine Rolle spielen, sobald ihr gemeinsam spielt – und dass das aufmerksame Zuhören untereinander viel wichtiger wird?
Shane Cooper:
Absolut. Innerhalb der Band treffen sehr viele unterschiedliche musikalische Sprachen aufeinander. So viele gemeinsame Interessen wir auch haben, so unterschiedlich sind zugleich unsere individuellen musikalischen Vorlieben.
Wenn wir durch die Musik miteinander in Verbindung treten, finden wir einen Weg, wie diese verschiedenen musikalischen Sprachen miteinander tanzen und sich auf einem gemeinsamen Boden begegnen können.
jazz-fun.de:
Dieses Album vermittelt sehr deutlich den Gedanken, dass Gemeinschaft nicht bedeutet, Unterschiede aufzulösen, sondern sie in eine produktive Beziehung zueinander zu bringen. Ist das für dich nur ein musikalisches Prinzip – oder auch eine grundsätzlichere Sicht auf die Welt?
Shane Cooper:
Ich glaube, dass das auch eine sehr sinnvolle Perspektive ist, wenn wir über Gemeinschaft sprechen.
jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Album von Skyjack "Let The Sky Open Under Your Feet" finden Sie hier.
Über den Autor
Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.
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