Gierig auf neue Musik – beim Ystad Sweden Jazz Festival 2026

Jan Lundgren
Jan Lundgren, Foto: Angela Ballhorn

Ystad Sweden Jazz Festival
29.07. bis 02.08.2026

Von Angela Ballhorn

Ich werde oft gefragt, warum ich einen Teil meines Sommers auf Jazzfestivals verbringe. Vier oder fünf Konzerte an einem Tag sind anstrengend, und es kann der Austragungsort eines Festivals noch so malerisch sein: Den Großteil des Tages verbringt man in einem abgedunkelten Saal.

Ich erläutere das gerne am Beispiel des Festivals im schwedischen Ystad. Seit 2017 besuche ich das Festival mehr oder weniger regelmäßig. 2017 war ich so zum ersten Mal in Schweden und auch noch dort, wo mein Lieblingsermittler Kurt Wallander Kriminelle zur Strecke bringt. Das Düstere der Krimis ist im Sommer weg, die Sonne lässt das pittoreske Städtchen mit dem großen Fährhafen und den geduckten kleinen Fischerhäuschen leuchten. Die Ostsee mit weissen Sandstränden erreicht man schnell, der Weg führt entweder durch den Fähr- und Industriehafen oder durch den Wald, vorbei an vielen typisch braunroten schwedischen Sommerhäusern.

Das Ambiente in Schonen ist schon mal wunderbar, und dass in diesem megaheissen Sommer die Temperaturen mit einer Meeresbrise kaum über 25 Grad stiegen, war ebenfalls ein grosser Pluspunkt.

Gierig auf neu

Doch das sind (wenn auch nicht unwichtige) Nebensächlichkeiten.
Ich besuche Festivals, weil ich neugierig bin. Gierig auf neue Musik und Musiker, die ich (noch) nicht kenne. Oder Musiker, die ich schon kenne, die aber neue Musik mitbringen.
Neue Musik zu entdecken ist außerhalb von Deutschland nochmal anders, denn viele der schwedischen Musiker, die hier in Ystad auf den verschiedenen Bühnen zu erleben waren, sind in Deutschland wenig bekannt. So bekommen viele Konzerte Wundertüten-Status.

Das Festival in Ystad wird seit seinem Beginn 2010 vom Pianisten Jan Lundgren kuratiert. Der wiederum steuerte gleich zwei neue Projekte bei und eröffnete das Festival – nach der Jazzparade durch die Innenstadt und einem Konzert von Björn Yttling im mondänen Spabad Saltsjöbad – im Theater von 1894.

Di Lasso, Bártok und Jazz

Gesang und Klavier war am häufigsten auf den Bühnen zu erleben und Lundgren legte die Messlatte zusammen mit dem Malmö Academy of Music Chamber Choir gleich hoch. Renaissance-Musik von Orlando di Lasso oder Monteverdi mischten sich mit Bartóks rumänischen Tänzen und Jazz.

Der Kontrast zu Kurt Rosenwinkels Quartett war dann gross: Modern Jazz mit treibenden Swing-Drums, einem spektakulären Seamus Blake am Tenorsaxophon und einem Bandleader, der in geschmeidigen Gitarrenläufen durch seine Kompositionen gleitet.

Wird der erste Festivaltag immer mit der Parade einer Dixie-Kapelle mit Sousaphon durch die Innenstadt begonnen, so klingt er immer mit einem Musiker aus, der den Turmbläser ablöst, der nachts in alle Himmelsrichtungen bläst. In diesem Jahr war der Norweger Nils Petter Molvaer derjenige, der die 107 Stufen in den Turm der Marienkirche steigen durfte. Doch das ist nicht der außergewöhnlichste Ort, wo Molvaer in Ystad spielte. Vor acht Jahren hatte ihn das Festival zum Sonnenaufgang bei Ale Stenar, dem schwedischen Stonehenge, spielen lassen.

107 steps to heaven

Im Anschluss spielte er ein Soloprogramm in der Kirche. Natürlich mit viel Elektronik, die er Schicht um Schicht aufbaute und die Trompete mehr nach Orgel als nach Blechblasinstrument klingen liess. Trotz aller Opulenz war die Zugabe am schönsten, der ganz schlicht interpretierte Standard „Nature Boy“ liess ein Zwiegespräch mit dem Raumklang zu, wo vorher vorproduzierte Loops und Parameter eher im Weg standen.

Früh raus ging es am zweiten Tag, ein Gartenkonzert, unter Apfel- und Feigenbäumen spielte Saxophonist Frederik Kronkvist ein ansprechendes Programm, das die vorbeifliegenden Möwen gleich im Chor kommentierten.

Die Essenz des Jazz

Der schwedische Bobo Stenson war mit seinem Trio die absolute Sternstunde des Festivals. Seine mittlerweile 82 Jahre hört man dem Musiker, der frisch mit dem „Lifetime Achievement Award“ von Svensk Jazz ausgezeichnet wurde, in keinem Moment an. Sein Trio mit Anders Jormin am Bass und Jon Fält an Schlagzeug und unzähligen Percussionsinstrumenten zeichnete aus, was die Essenz des Jazz ausmacht: Neugier, Kommunikation, Risikobereitschaft und die gemeinsame Suche nach ausdrucksstarken Melodien und Dynamikbögen. Die drei nehmen ihr Publikum mit, atemlos verfolgt man die Höhenflüge aus der Bühne. „Helios“ oder „El Mayor“ begeisterten die Zuschauer und bei Don Cherrys „Don’s Kora Song“ hätte man Stecknadeln im Saal fallen hören können. Dankbar nahm das Publikum Bobo Stensons Zugabe, eine Bearbeitung einer Komposition von Henry Purcell aus dem Jahre 1692, entgegen.

Im starken Gegensatz dazu stand die italienische Pianistin Francesca Tandoi einen Tag später – auch im Klaviertrio, doch hier versteckte sich musikalische Essenz oft hinter beeindruckender Technik. Eine beneidenswerte Technik, die manchmal in ein „zuviel“ kippte. Stücke tendierten dazu, überarrangiert zu werden, und Billy Stayhorns „Lush Life“ verlor so leider schnell von seiner Tiefe. Stevie Wonders „Overjoyed“, das Tandoi relativ schlicht sang und sich begleitete, versöhnte.

Schwedisch-italienische Loveaffair

„Sweden loves Italy“ hatte Jan Lundgren als Motto ausgerufen. Der Pianist hat sowieso eine Affinität zu italienischer Musik und Musikern und lud sich Saxophonist Rosario Giuliani und Drummer Roberto Gatto ein, um zusammen mit Hans Backenroth (Bass) ein Programm mit italienischer Filmmusik zu präsentieren. Kompositionen von Nino Rota oder die Titelmusik zum „Paten“ boten eine gute Grundlage für Improvisationen. Die beiden Südländer brachten sich ebenfalls wunderbar in das bekannteste schwedische Volkslied, „Ack Värmland du sköna“ ein.

A Love Supreme in Großformation

Der Mundharmonikaspieler Mathias Heise war vor zwei Jahren mit seinem Fusion Action 4 zu Gast in Ystad. In diesem Jahr, in dem der 100. Geburtstag von John Coltrane gefeiert wird, kam er gleich mit einer ganzen Big Band. Zusammen mit der Danish Radio Big Band präsentierte er seine Bearbeitung von John Coltranes legendärem „A Love Supreme“ Album. Die Messlatte hatte der dänische Musiker hoch gelegt, doch seine Arrangements waren atemberaubend, die Mundharmonika passte sich wunderbar in den Saxophonsatz ein. Dieser eröffnete das Konzert aus dem Saal heraus und mündeten in einen wuchtigen Saxophonchor. Auch solistische Schwergewichtler waren hier zu finden: Die Duelle der Tenorsaxophonisten Karl-Martin Almqvist und Hans Ulrik waren beindruckend. Dass die spirituelle Tiefe, die in Coltranes Werk steckt, vielleicht in dieser Grossbesetzung weniger gut vermittelbar ist, war Anbetracht der fantastischen Arrangements und Solospots von Mathias Heise zweitrangig.  

Konzerte zur Mittagszeit im mondänen Saltsjöbad sind immer etwas komisch, vor allem, wenn man aus dem Saal tritt und die Ostsee in der Sonne funkeln sieht. Die Französin Camille Bertault tänzelte sich leichtfüssig durch ihr unterhaltsames Programm. Ihr Schlagzeuger Minino Garay bereicherte den Bandsound mit Bodypercussion und Atemgeräuschen, Bertaults Stimme verschmolz mit Julien Alours Trompetenton zu einem gemeinsamen Klang.

Von draußen nach drinnen

In den letzten zwei Jahren verlegte das Festival einen Tag nach draussen, vor das nicht minder pittoreske Schloss Charlottenlund. Dort konnte man auf Picknickdecken Jazz geniessen. 2026 sollten es sogar zwei Tage werden, damit sich Transport und Aufbau von Technik, Küche, Merchandise, sanitären Anlagen und mehr lohnte. Da die Ticketverkaufszahlen allerdings nicht allzu vielversprechend waren, ruderte das Festival zurück und liess die letzten zwei Konzertetage wieder im ehrwürdigen Theater stattfinden.

Sternstunde des Festivals

Dort war Magnus Carlson und sein Moon Ray Quintet - das interessanterweise sieben Leute umfasst – eine Entdeckung für mich. In Schweden ist Carlson durch seine Indie-Band Weeping Willows bekannt wie ein bunter Hund, sein Moon Ray Quintet, in dem noch Goran Kajfes (Trompete), Per “Ruskträsk” Johansson (Saxophon, Bassklarinette), Carl Bagge (Klavier, Orgel), Mattias Ståhl (Vibraphon und Mundharmonika), Martin Höper (Bass) und Lars Skoglund (Drums) spielen, hat nach 15jähriger Pause wieder ein Album veröffentlicht – mit Musik, die zum wegträumen und niederknien schön ist. Sparsame, originelle Arrangements schon im Zusammenspiel von Klavier und Vibraphon, die Gegenmelodien der sehr gut gesetzten Bläserstimmen, die Solospots in Trompete, Klavier und Saxophon, sogar die gleich mehrfach besetzten Schellenringe – es passte einfach alles zur ausdrucksvollen Stimme des Leaders. Dessen Fassung von David Bowies „Where Are We Now?“ war sicher eines der Highlights des Festivals für mich.

Brasilien will nach Ystad ziehen

Der Kontrast zu Ivan Lins hätte kaum größer sein können – und doch passte es ganz hervorragend. Der diesjährige Guest of Honor beendete mit seiner umwerfenden Band seine Europatournee in Ystad. Fast zwei Stunden reichen bei dieser brasilianischen Legende nicht aus, alle seine Hits im Programm unterzubringen. Gut gelaunt erläuterte er die Entstehungsgeschichten seiner Songs und welche seiner Frauen ihn zu welchem Hit inspiriert hatten. Zusammen mit André Sarbib am Klavier, Cláudio César Ribeiro an der Gitarre, Braulio Araujo am Bass und Chris Wells begeisterte er das Publikum im ausverkauften Theater. Ivan Lins hatte sich sogar so in die schwedische Kleinstadt verliebt, dass er am liebsten dorthin umziehen wollte.

US-Powerhouse Veronica Swift

Der intimere Rahmen tat auch dem sonntäglichen Bigbandprogramm gut – Viktoria Tolstoy vertrat die eher in der Country- und Popmusik verortete Jill Johnson beim Auftritt mit der Anders Lundberg Big Band und sang sich durch Song und Soul Books.Das Temperamentsbündel Veronica Swift hatte die Danish Radio Big Band hinter sich – und voll im Griff. Hier gab es schon früher Zusammenarbeiten, nur wenige Namen musste die quirlige US-Sängerin für ihre Ansagen nochmal erfragen. Mit sparsamen, aber deutlichen Handbewegungen dirigierte sie die Big Band. Stimmlich und stilistisch hat die Sängerin keinerlei Grenzen. Die eigene Komposition „Sing“ mit ihrem Partner Brian Viglione von der Rockband The Dresden Dolls fiel allerdings aus dem Rahmen und auch etwas ab.

Ein paar Zahlen und ein Dankeschön von Herzen

50 Konzerte mit 11.000 Zuschauern ist eine stattliche Zahl. Das Festival bietet zudem dem musikalischen Nachwuchs eine Bühne, sieben Bands konnten sich auf dem Bäckahästen Platz präsentieren. Sessions, ein Kinderprogramm und zwei Konzerte in Altersheimen runden das Angebot ab. Das Festivalteam vergisst auch die Menschen nicht, die jahrelang zu den Konzerten kamen und die Erfolgsgeschichte des Festivals unterstützt haben und  jetzt nicht mehr kommen können. Darum kommen die Konzerte zu ihnen.

Das spricht für dieses wunderbare Team, für das extra gedankt werden muss:

Zehn Monate arbeitete das Team auf das Festival hin, und das Komitee und die 70 freiwilligen Helfer aus mehreren Ländern kümmern sich rührend um Besucher, Musiker und auch Journalisten. Das Presseteam ist immer ansprechbar, hilft sofort bei der Suche nach Setlisten oder Namen von Musikern, die vom Programm abweichen. Das Freiwilligen-Team ist fantastisch, das Künstler betreut, Karten kontrolliert, Werbung in der Stadt macht oder auch das tolle Küchenteam, das in einer nahen Schule für Musiker, Techniker und Freiwillige abwechslungsreiches Essen kocht, die wichtige schwedische Fika, die Kaffeepause mit Gebäck und Kaffee bestückt und nach dem letzten Konzert des Tages immer traditionell Hotdogs serviert.

Alte und neue Besen

Das Komitee um den künstlerischen Leiter Jan Lundgren, das das Programm zusammenstellt, hört nach dieser Ausgabe auf, was uns Journalisten erst einmal total schockiert hat – ein Ystad Sweden Jazz Festival ohne den Präsidenten Thomas Lantz? Ohne Bryan, Itta, Kjell? Die Entscheidung fiel nicht leicht, wurde aber schon vor Jahren getroffen. Wenn alle im Komitee über 70 sind, soll der Platz für ein neues Team freigemacht werden. Und Mats wird ein Festival übernehmen, dessen Maschine bestimmt weiter wie geölt laufen wird.

Ich freue mich schon auf 2027, der Festivalstartschuss ist am 4. August, bestimmt wieder mit blühenden Stockrosen, Sonnenschein, Meeresbrise und einer Menge Musik, die neugierig macht. Und einem Festivalteam, das mittlerweile wie eine schwedische Familie für mich ist.

Text und Fotos: Angela Ballhorn

Über die Autorin

Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.

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