Adam Baldych & Yaron Herman - The New Tradition

Adam Baldych & Yaron Herman - The New Tradition

Adam Baldych & Yaron Herman
The New Tradition

Erscheinungstermin: 30.05.2014
Label: ACT, 2013

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Adam Bałdych, violin
Yaron Herman, piano

Nur wenige junge Musiker haben die Jazzszene in einem derartigen Tempo aufgewirbelt wie der polnische Geiger Adam Bałdych. „Zweifellos der größte lebende Geigentechniker des Jazz. Von ihm kann man alles erwarten“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung über den damals noch völlig unbekannten 24-jährigen nach dessen umjubelten Auftritt beim JazzFest Berlin 2011. Im Mai des folgenden Jahres erschien dann Bałdychs ACT-Debüt „Imaginary Room“, für das er mit der „Baltic Gang“ - Lars Danielsson, Morten Lund, Jacob Karlzon, Verneri Pohjola und Marius Neset - eine All-Star-Band zusammentrommeln konnte wie wohl kaum ein Debütant vor ihm. Er erhielt dafür den renommierten Echo Jazz und wurde in seiner Heimat vom führenden Jazzmagazin Jazzforum zum „Newcomer“ wie „Jazzgeiger des Jahres 2012“ gewählt. Letztere Ehrung wiederfuhr ihm auch im letzten Jahr. Dass Bałdych die Leerstelle eines herausragenden Geigers im globalisierten, sich stilistisch in alle Richtungen auffächernden Jazz der vergangenen Jahre ausfüllt, untermauert er auch, ganz aktuell, auf dem Album „Anyone With A Heart“ des Iiro Rantala String Trio: Keiner hat das Klangspektrum der Geige vergleichbar erweitert.

Schon vor dieser Einspielung freilich ereignete sich eine weitere wegweisende Begegnung. Siggi Loch holte Adam Bałdych im März 2013 ins zweite Konzert der von ihm kuratierten „Jazz at Berlin Philharmonic“-Reihe im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Lochs Konzept ist hier, spannende neue musikalische Kombinationen zu stiften. In diesem Fall traf Baldych erstmals, neben den Altmeistern Michel Portal und Joachim Kühn, auf den längst zur Speerspitze des europäischen Jazz gehörenden Neo-Romantiker Yaron Herman am Klavier. Als die beiden seine Komposition „Letter For E[esbjörn]“ spielten, spürte Bałdych, dass dies etwas Besonderes war: „Es war ein außergewöhnlicher, magischer Moment für mich. Als ob ich einen tiefen Atemzug gemacht und völlig neue Inspiration eingesogen hätte.“

Es war also klar, dass diese Begegnung eine mit Folgen sein würde. Zu stark war die Seelenverwandtschaft: Wie Bałdych hat ja auch Herman praktisch die gesamte Musikgeschichte im Kopf und in den Fingern. Wie er nutzt er diese von seinen überragenden technischen Fähigkeiten getragene Kenntnis der Tradition von Art Tatum bis Oscar Peterson (und, kaum weniger wichtig, von Bach bis Debussy und von traditioneller jüdischer Musik bis Nirvana), um seinen eigenen Klangkosmos zu erschaffen.

„Stile werden überschätzt. In der Musik geht es darum, seine Zuhörer zu berühren.“ Dieses Zitat von Yaron Herman könnte auch von Adam Bałdych stammen.

Berühren – das tun die beiden auf ihrem nun gemeinsamen musikalischen Weg, der „The New Tradition“ heißt: Eine Expedition, die von bekannten Pfaden ausgehend neue Spuren hinterlässt. Ein intensiveres und selbstverständlicheres Zusammenspiel hat man selten gehört. Kein Kräftemessen, sondern virtuos und hochemotional, voller Tiefe und Seele, machen Bałdych und Herman einfach nur Musik. Magische Momente in trauter Zweisamkeit.

„Das Thema von The New Tradition ist mir sehr wichtig“, sagt Bałdych. „Tradition ist mein Referenzpunkt. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Klassische europäische Musik, polnische Volksmusik, Polski Jazz - das ist mein Background, und das ist es, auf das sich meine Musik bezieht.“ Und so findet sich alles in Bałdychs Kompositionen wieder, kongenial in einen Dialog mit Hermans eigenen Einflüssen verwickelt. Mal bezwingend lyrisch („Riverendings“), mal wuchtig („Legenda“), mal ätherisch („June“), mal melancholisch („Relativities“). Natürlich ist auch „Letter for E.“, die Initialzündung auf dem Album zu finden, ein Monument harmonischer Schönheit. Auch zwei seiner großen Vorbilder hat Bałdych aufgegriffen und fortgeschrieben. Zbigniew Seifert, sein großer Jazzviolinen-Vorfahr, kommt mit „Quo Vadis“ zu Ehren, der dynamischsten Studie des Albums; „Sleep Safe And Warm“ von Krzysztof Komeda, dem Hausgott der modernen polnischen Musiker, enthüllt das ewige Geheimnis der Melodie. Wie sehr dies alles mit der klassischen Musik verzahnt ist, demonstrieren zwei Stücke explizit: Das ganz auf den emotionalen Kern reduzierte „Lamentation Of Jeremiah“ von Thomas Tallin, einem noch wiederzuentdeckenden Komponisten der englischen Reformation. Und zum Abschluss die flirrende Improvisation der beiden über Hildegard von Bingens „Canticles of Ecstasy“.

Wer also noch einen Beleg braucht, dass Kreativität und Fortschritt nicht in vitro, sondern im soziokulturell geprägten Zeitenraum zwischen Alt und Neu entstehen, hier, mit „The New Tradition“ liegt er klar vor Augen.

  1. Riverendings
  2. Legenda
  3. Sleep Safe And Warm
  4. Letter For E
  5. June
  6. Quo Vadis
  7. Lamentation Of Jeremiah
  8. Relativities
  9. Canticles Of Ecstasy

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