Aki Takase´s Japanic - Berliner Jazzfest 2021 im Silent Green

Perfektionierte Überraschung in freier Form

Aki Takase´s Japanic
Aki Takase´s Japanic, Foto: Camille Blake

Aki Takase – Piano
Daniel Erdmann – Tenor- und Sopransaxofon
Dag Magnus Narvesen – Schlagzeug
Johannes Fink – Cello-Kontrabass
DJ Illvibe/Vincent von Schlippenbach – Turntables (Plattenteller), Elektronik

Vor dem Konzert gibt es die Verleihung des diesjährigen Albert-Mangelsdorff-Preises an Aki Takase mit vielen medialen Beiträgen der Preisförderer sowie einer angemessenen Laudatio vor Ort. Auch jazz-fun.de gratuliert der Wahlberlinern zum verdientem Preis! Dann geht´s sofort zur Sache. Keine Zeit zum Verschnaufen oder Atemholen, denn die Band, die Aki Takase detailliert und mit viel Zuneigung vorstellt, legt rapide los. Die muss dem Spiel von Aki Takase und der Stimmführung des Pianos unbedingt folgen. Es ist nahezu unmöglich, die vielen stilistischen Überraschungen, die plötzlichen Genre-Wechsel, die musikalischen Brüche und die unzähligen Variationen ihres Spiels zu verfolgen oder zu beschrieben. Aber ein Versuch muss sein.

Technisch perfekt, kann die Pianistin alles spielen, was in den Tasten und Saiten des Instruments steckt. Aber was spielt sie gerade in diesem Augenblick? Da sind kräftige, rhythmisch unheimlich versierte Anschläge zu hören, die in eine Melodie überzugehen scheinen. Weit gefehlt, denn jetzt springen die Figuren in eine freie Form, reißen das zuvor Gehörte mitunter brachial ein. Dann erklingt so etwas wie ein schneller, quirliger Bebop Swing, der treibt: unruhig, hektisch, nervös. Dieser Free Bop wird abgelöst durch kräftige, stakkatohafte Anschläge, die sich kurz darauf in elegante melodische Linien verwandeln. Aber das währt nicht lange, um dann durch freies Spielen im Reich der Atonalität abgelöst zu werden. Tja, und so geht das reihum. Nahezu alle stilistischen Genres sind zu hören. Das Publikum weiß jedoch nie, welche Akkorde, welche Rhythmen, welche Tontrauben oder welche schönen wohlklingenden Melodien/Harmonien im nächsten Augenblick aufblitzen. Es bedarf hoher Konzentration und ein Sich-auf-die-Musik-Einlassen-Wollen/Können des Publikums, um der Musik zu folgen, diese zu verstehen. Perfektionierte Überraschung in freier Form ist das Zauberwort, das Ihrem Pianospiel innewohnt, neben ihrer technischen Perfektion.

Den Mitgliedern der Band gehört ihre große Sympathie und neben dem musikalischen Können, ist das wohl ein Auswahlkriterium. Sie erwähnt auch ihren Stiefsohn Vicent von Schlippenbach, der die Funktion Elektronik und die Handhabung des Plattenteller als DJ Illvibe innehat, um die entsprechenden Kratzgeräusche zu produzieren, was er dann auch tut – Scratching the Plate. Drummer Dag Magnus Narvesen und Bassist Johannes Fink werden ebenfalls gebührend gewürdigt - „das klingt alles gut, was sie spielen“. Na, wenn das nichts ist! Das Instrument von Bassist Johannes Fink hat eine hybride Besonderheit: es hat den Korpus eines Cellos, aber den Klangcharakter eines Basses. Wie das möglich ist, wird zu recherchieren sein.

Eine besondere musikalische Zuneigung scheint dem Saxofonisten zu gehören. Der spielt mit stakkatohaften, schnell geblasen Sequenzen, die in intensives „Meckern“ übergehen, intensiv mit Aki Takase zusammen, die ihrerseits Ähnliches auf dem Piano erzeugt, noch stärker Dramatik in die Tasten schlägt.

Dagegen enthält eine Komposition des Saxofonisten Daniel Erdmann sogar bedächtige, balladenhafte Züge. Er erläutert: der Titel beziehe sich auf seine Fahrstunden in Berlin Mitte in den 90-zigern. Da sind klitzekleine Assoziationen an einen New Orleans-Sound zu entdecken: die Musik auf dem Hinweg zur Beisetzung (Funeral), bedächtig schreitend, tiefes Gefühl und Trauer. „An den Kreuzungen liegen die Erinnerungen begrabenen“. So oder ähnlich lautet der Titel. Ironisch zu verstehen oder nicht, es klingt spannend.

Was über die Spielweise von Aki Takase gesagt wird, kann auch für die Kompositionen der anderen Bandmitglieder gelten. Diese Stücke besitzen zwar eine gewisse stilistische Grundordnung, die jedoch so oft wie möglich verlassen wird, um ausgiebigen Variationen oder dem freien Spiel zu frönen. Deshalb sind sie wohl für die Band von Aki Takase erwählt worden. Eine Ausnahme von dieser Kompositions- oder Spielregel dürfe am ehesten dem unkomplizierten wie gefälligen Titel des Drummers Dag Magnus Narvesen zukommen.

Es gab bisher schon viele Überraschungen. Aber damit nicht genug, denn Aki Takase zieht noch etwas aus ihrem Zauber-Hut. Die Landsfrau und klassische Sängerin Mayumi Nakamura schwingt sich die Bühne, schmettert stimmgewaltig klassische Arien, wie es sich für eine Diva gehört. Diese Arien – ich glaube Französisch herauszuhören, Carmen Rhapsody? - bilden einen irrwitzigen Kontrast zur Musik der Band. Etwas später kippt der Gesang von Mayumi Nakamura in einen kurzen Scat. Humor, Ironie oder ernst gemeint? Alles ist möglich. Aki Takase hat selbst ihre Preiverleihungs-Überrschung auf die Bühne gezaubert – natürlich fürs Publikum. Das Konzert mit allen seinen stilistisch anspruchsvollen Überraschungen wird vom Publikum angenommen, stehende Ovationen sind das Ergebnis.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Camille Blake

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