Dollhouse: Ein Tanzabend von Andrey Kaydanovskiy am Theater Regensburg

Von Robert Fischer

„Wir lassen die Puppen tanzen“, mag man sich am Theater Regensburg gedacht haben, als man den 1987 in Moskau geborenen, in Wien lebenden Balletttänzer und Choreographen Andrey Kaydanovskiy damit beauftragte, ein rund einstündiges Stück über Puppen zu gestalten, das am 28. März 2024 im Regensburger Antoniushaus seine Premiere hatte. Was zum einen ein durchaus naheliegender Gedanke, zum anderen aber auch eine große Herausforderung ist. Wie diese gemeistert wurde? Wir haben es uns angesehen.

Dollhouse
Dollhouse, Foto: Theater Regensburg / © Sylvain Guillot

Puppen als Spiegel menschlicher Sehnsüchte

Naheliegend war der Gedanke, ein Stück über Puppen einrichten zu wollen, nicht zuletzt deshalb, weil Puppen schon seit Jahrtausenden den Menschen begleiten, als Spielzeug, Kunstobjekt, Ritualgegenstand, Projektionsfläche, Kindheitsbegleiterin und kulturelles Symbol: „Kaum ein anderes Objekt erzählt so viel über gesellschaftliche Werte, Rollenbilder und menschliche Sehnsüchte wie die Puppe“, schreibt die Dramaturgin des Stücks, Eila Schwedland, im Programmheft des Tanzabends. Zugleich zeigt sie dort auf, dass Puppen schon von jeher auch mit der Tanzgeschichte verbunden sind. Und zwar „in den vielschichtigsten Formen, als mechanisches Wunder, als Spielzeug, als Marionette, als künstlich erschaffener Körper – und stets als Spiegel menschlicher Wünsche, Ängste und Ideale“. Was beispielsweise den Sänger Bryan Ferry mit Roxy Music zu einem seiner besten Songs, „In Every Dream Home A Heartache“, inspirierte. Darin geht es im Subtext um die auch durch den größten Komfort und Luxus nicht zu kaschierende innere Leere einer menschlichen, in diesem Fall männlichen Existenz, und ganz konkret um ein „Sexspielzeug“, eine aufblasbare Puppe: „Inflatable doll“, singt Bryan Ferry, kurz bevor die Musik eine dramatische Wendung nimmt, „Lover ungrateful / I blew up your body / (But you blew my mind).“

Andrey Kaydanovskiys Idee hinter „Dollhouse“

Ganz so dramatisch geht es an dem unterhaltsam-kurzweiligen, mit einem vielseitig verwendbaren Bühnenbild in Form von vier dreh- und begehbaren, auch als Ersatzteillager für Puppen dienenden Rahmen (Ausstattung: Karoline Hogl) sowie sowohl musikalisch (Christof Dienz) und in der Lichtregie (Maximilian Spielvogel) überzeugenden Tanzabend in Regensburg nicht zu, selbst wenn auch hier das Spiel der Puppen gelegentlich martialischere Formen anzunehmen droht. Andrey Kaydanovskiy, Sohn einer Ballerina und eines schauspielernden Filmregisseurs, ließ sich in seiner Umsetzung von naheliegenden klassischen Vorlagen wie dem auf E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ basierenden, 1870 an der Pariser Oper uraufgeführten Ballettklassiker „Coppélia oder das Mädchen mit den Glasaugen“, „Der Nussknacker“ in der 1892 uraufgeführten Choreographie von Marius Pepita und Lev Ivanov oder „Pulicinella in der 1920 uraufgeführten Choreographie von Léonide Massine genauso inspirieren wie von Ovids „Pygmalion“, der sich in sein eigenes Geschöpf verliebt. Einen eigenen Zugang zum Thema aber fand Kaydanovskiy erst, als ihm klar wurde, dass uns Puppen nicht bloß als Kleinkind, sondern das ganze Leben begleiten. So entwickelte er vier chronologisch zunächst voran und dann in der Zeit wieder zurück schreitende Kapitel entsprechend den vier Lebensstadien Baby, Kind, Teenager, Erwachsene. (Das Alter sparte er aus, weil er diesen Lebensabschnitt selbst noch nicht erlebt hat.)

Ein ironisches Spiel mit dem Publikum

Die beste Idee aber war es sicher, das Spiel der Puppen selbst als mehrfach ironisch gebrochenes Spiel zu inszenieren. So gibt es einen unsichtbar über dem Geschehen schwebenden und mehrfach darin eingreifenden Regisseur, dessen aus dem Off erteilte Anweisungen vor allem einem Tänzer gelten, dem mit seinem realen Vornamen angesprochenen Vincent Wodrich. Wie dieser von einem exzellenten Ensemble umgebene und selbst brillierende „VINCENT!“ mit den Anweisungen umgeht, bis schließlich doch noch etwas geschieht, das dem Ganzen eine finale Wendung gibt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Oder höchstens so viel: Eine Puppe ist eine Puppe ist eine Puppe. Aber nur, so lange jemand mit ihr spielt. Und: so lange sie mitspielt.

Text: Robert Fischer
Fotos: Theater Regensburg / © Sylvain Guillot
Choreographie: Andrey Kaydanovskiy
Ausstattung: Karoline Hogl
Licht: Maximilian Spielvogel
Choreographische Mitarbeit: María Bayarri Pérez
Sounddesign: Christof Dienz
Dramaturgie: Eila Schwedland
Tanz: Gülsün Buse Cingöz, Gilda De Vecchis, Chih-Yuan Yang, Vincent Wodrich, Leander Veizi, Reina Tokutake, Nabar Jon Martinez Landa, Soleil Jean-Marain, Nea Jankovic, Lily Gentile, Davi Lopes

Weitere Informationen, Termine, Tickets:
www.theaterregensburg.de

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