Andromeda Mega Express Orchestra - Vula

Andromeda Mega Express Orchestra - Vula

Andromeda Mega Express Orchestra
Vula

Erscheinungstermin: 07.07.2017
Label: alien transistor, 2017

Andromeda Mega Express Orchestra - Vula - bei JPC kaufenAndromeda Mega Express Orchestra - Vula - bei Amazon kaufenAndromeda Mega Express Orchestra - Vula - bei iTunes kaufen

Explosionen am Firmament, kollektive Streifzüge durch abenteuerliche Klanglandschaften: Andromeda Mega Express Orchestra sind zurück mit ihrem vierten Album „Vula“. Nachdem das „genresprengende Faszinosum“ (FAZ) zuletzt das 10-jährige Jubiläum mit etlichen Live-Shows zelebriert hat, klingen AMEO im Jahr 2017 deutlich melodischer – aber kein bisschen weniger explosiv und unberechenbar.

Flirrend bahnt es sich an, mit leichten Winden, tänzelnden Melodien, aber ihre Schuldigkeit tun die altbekannten Isothermen und Isotheren schließlich doch: Blitze zucken durch die vertonte Einträchtigkeit, ungeahnte Energien entladen sich, rollen rhythmisch wie Urgewalten über die Klanglandschaft hinweg. Indem sie inmitten der sich entfaltenden Dramatik mit vereinten Kräften nach wiederkehrenden Harmoniemomenten suchen, Schutzräume aufmachen, bricht das 18-köpfige Großensemble um Leiter und Komponist Daniel Glatzel auf ins vierte Album: „Vula“!

Während auch diese sieben Kompositionen durch zu viele Dekaden, Traditionen und Genres führen, um das in wenigen Zeilen fassen zu können, ist „Vula“ durchaus anders gelagert als der Live-Vorgänger oder auch das letzte Studioalbum „BUM BUM“ von 2012: Weniger kleinteilig und verknüpft durch wiederkehrende Motive und Harmonien, wirkt die LP geschlossener, wie ein vielsträngiges Abenteuer, das erst über seine gesamte Spieldauer seine volle Wirkung entfaltet. „Die Musik wird sich dem Hörer nicht durch flüchtiges Durchzappen erschließen, sondern nur durch konzentriertes Hören in stiller Umgebung, mit gutem Sound und über die volle Länge des Albums“, so Glatzel. „Das mag anachronistisch klingen, aber so hat sich auch die Arbeit dargestellt: Es gab in der jahrelangen Entstehungsphase extrem viele inhaltliche und organisatorische Widerstände, die sehr hohen Einsatz gefordert haben. Trotz des Getöses war aber immer wieder eine klare Eingebung zu spüren, der ich folgen konnte. Die Musik scheint uns zu sagen: Wenn du dich nicht hingeben kannst, bist du verloren. Und wenn du es kannst, dann kannst du was erleben.“

Ein erstes Durcheinanderstoben markiert den Auftakt, wenn der Titelsong durch oszillierende Streicher-Kaskaden und donnernd verzerrte Delays auf einem harmonischerem Plateau gelandet ist: Von hier erahnt man schon sehr gut, was für Feinheiten, was für ein vereinter Wumms, was für rasante Entladungen sich da anbahnen im Verlauf dieses einstündigen Wolkenbruchs. Denn für Sturm und Gewitter steht der Titel „Vula“: Es ist ein Wort aus der Sprache Tumbuka, die im Norden Malawis gesprochen wird. „Die Unwetter in Malawi sind in der Regel um einiges heftiger als hierzulande und erschüttern die Sinne“, so der AMEO-Leiter, der jedes Jahr in die Region fährt. „Sie kündigen sich in der sonst brütenden Hitze erst durch angenehme, verspielte Winde an; die massiven Wolkenfronten entladen sich aber bald darauf in prallen, oft stundenlang anhaltenden Regengüssen. Der Himmel ist meist vollkommen verdeckt und dunkel und es schüttet sehr laut und ohne Nachlass von oben herab. Nicht zu vergessen die lauten Donnerschläge...“

Zwischen den idyllisch herabrieselnden Melodien älterer Ikonen („Lakta Makta Ha“) und dicht umnebelten Interludes verwandeln sich die Arrangements (hier à la Helmut Lachenmann) schneller als Wolkenkonstellationen am Second Screen zu verfolgen sind („qwetoipntv vjadfklvjieop“), und auch die Bewegungen der Schwalben sind hier nicht selten Finten: kopfnickendes Crate-Digger-Glück mit nod in Richtung Dilla und Grandmaster Flash wird mit Bach’schem Kontrapunkt orchestral ineinander verwoben („J Schleia“), ein treibender Surfrock-Beat verwandelt sich über 14 Minuten hinweg in sinfonisch anmutenden Metamorphosen („In Light of Turmoil“), und zwischendurch immer wieder: Raum für überraschend eingängige, sehr viel ruhigere Passagen. Tosend ganz zum Schluss auch der verdiente Applaus nach dem wild pulsierenden und vogelbunten „Papaya Flyers IX Epsylon“, einem Live-Mitschnitt, der wie ein Vorbote zu ihrer späteren Arbeit mit Hermeto Pascoal anmutet.

Seit seiner Gründung 2006 ist das Andromeda Mega Express Orchestra (AMEO) eines der unverkennbarsten und eigenwilligsten Großensembles. In seiner aktuellen Besetzung besteht es unter der Leitung von Komponist, Arrangeur und Saxophonist Daniel Glatzel aus 18 jungen Instrumentalisten unterschiedlichster musikalischer und kultureller Herkunft. Das Kollektiv bewegt sich seit jeher kompositorisch und interpretatorisch zwischen und jenseits der gängigen Musikszenen-Aufteilung und veröffentlichte bisher drei hochgelobte, unkonventionelle Alben ausschließlich mit Eigenkompositionen.

Dabei ist die eingeschworene und fest zusammenarbeitende Gruppe ein vielteiliges Mosaik aktueller Musik: Die Mitglieder sind versiert in Jazz und Neuer Musik, Klassik, Afro-Funk, Electronica, Progressive Rock und Freier Improvisation, sowie Tanz, Theater und Contemporary Performance. Sie arbeiten regelmäßig mit renommierten Künstlern ihrer Gattung zusammen, z.B. als feste Mitglieder im Ensemble Intercontemporain, The Notwist oder als Solisten mit Kenny Wheeler, Tony Allen, Bobby Hutcherson, Cory Arcangel, Robert Wilson, Pina Bausch's Tanztheater oder Camerata Bern.

Das vierte Studioalbum ist nun „ein Dokument stürmischer Zeiten – innerlich wie äußerlich“, wie Daniel Glatzel sagt. „’Vula’ ist von einem drängenden Suchen nach Wahrheit bestimmt, das sich durch unzählige Schichten hindurch seinen Weg bahnt.“ Der insgesamt fast fünfjährige Prozess von den ersten Kompositionen bis zur Fertigstellung des Albums wurde durch aufwendige Postproduktionstechniken um eine weitere Dimension bereichert. Zwischen Aufnahme und Abmischen lag über ein Jahr, wodurch eine spezielle Klangästhetik entstehen konnte: „Der oft verwaschene, etwas traumhafte und unrealistische Sound spiegelt den Blick in eine Vergangenheit wieder, die man neu erlebt. Er ist einerseits fremder und distanzierter, aber auch klarer und intensiver.“ Und tatsächlich: Die von immer neuen Tropfen aufgerissenen Pfützen sehen in diesem Licht noch magischer aus.

  1. Vula
  2. In Light Of Turmoil
  3. Lakta makta ha
  4. Qwetoipntv vjadfklvjieop
  5. Interlude
  6. J schleia
  7. Papaya Flyers IX Epsylon

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 1 und 4.