Brussels Jazz Festival Flagey - Brüssel

Liberski-Osby-Grenadier-Waits
Liberski-Osby-Grenadier-Waits © Patrick Van Vlerken

Wegen der Corona-Pandemie musste es zwei Mal ausfallen, und im letzten Jahr gab es lediglich eine kompakte, viertägige Ausgabe. Jetzt endlich ging es wieder zurück zu zehn Tagen Festival. Und Maarten Van Rousselt schaut schon vor dem ersten gespielten Ton am Auftaktabend des diesjährigen Brussels Jazz Festival Flagey ziemlich zufrieden drein, sind doch schon jede Menge Veranstaltungen im Vorfeld ausverkauft. So wie das Auftaktkonzert mit dem Marcin Wasilewski Trio. Seit 30 Jahren spielt der polnische Pianist schon mit seinen beiden Landsleuten Slawomir Kurkiewicz am Kontrabass und Michal Miskiewicz am Schlagzeug zusammen. Das hört man. Traumhaft das Zusammenspiel und der gemeinsame kreative Flow, traumhaft wie sich die drei gegenseitig Räume lassen, traumhaft die so packenden, unwiderstehlichen Melodien in der Musik der Polen. Was für ein Erlebnis eines der besten Jazzpiano-Trios in dem in den 1930ern im Art Déco-Stil erbauten Flagey-Gebäude mit seiner großartigen Akustik erleben zu dürfen.

Ein weiterer Höhepunkt des ersten Festivalwochendes war der Auftritt des Speakers Corners Quartet. Die Londoner Band mit Geiger Raven Bush, Bassgitarrist Peter Bennie, Flötist Biscuit und Drummer Kwake Bass lädt sich gerne Gäste ein, so wie auch auf ihrem gefeierten Debütalbum aus dem letzten Jahr. In Brüssel waren es zwei Rapper und Tastenmann Joe Armon-Jones. Ihren spirituellen, mit gesellschaftskritischen Texten unterfütterten und mit ein wenig Elektronik versetzten HipHop-Jazz gestalten die Briten mit cinematischer Atmosphäre, durch bisweilen spärliche Instrumentierung, einem interessanten Zusammenspiel von Flöte und Geige, durch schleppende Grooves und Downtempo-Klänge. Ein intensives, emotionales Konzert als rundes, klug durchdachtes Kunstwerk von Anfang bis zum Ende. Ohne Zugabe, die hätte überhaupt keinen Sinn gemacht. Dafür mit Musikern, die nach dem letzten gespielten Ton selbst so ergriffen waren, dass sie sich noch auf der Bühne lange gegenseitig umarmten.

Die „Carte Blanche“ der diesjährigen Festivalausgabe bekam Casimir Liberski, der  damit gleich drei Mal beim Festival auftreten durfte. Der Brüsseler Pianist, Mitte 30, hat lange in den USA gelebt, wo er auch studiert hat, und dürfte deshalb hierzulande wenigen etwas sagen. Liberski stellte sich dem Publikum solo, in einem Trio mit zwei Elektroniktüftlern und zu Beginn in einem exquisiten Wunschquartett mit den drei Amerikanern Greg Osby (Saxofon), Larry Grenadier (Kontrabass) und Nasheet Waits (Schlagzeug) vor. Dass dieses Quartett nur einen Tag Probe hatte, hörte man natürlich. Und merkte es auch beim Repertoire. Liberski komponiert selbst schöne Stücke, doch befanden sich mehr Titel von Eric Dolphy, Ornette Coleman oder Wayne Shorter in dem Programm, Stücke die alle wahrscheinlich besser kennen. Dennoch, Liberski ist ein interessanter Musiker, der Quartett-Gig war auch gut, aber nicht magisch, nicht mitreißend. Mit dem Belgier Roman Hiele sowie dem Deutschen Tolouse Low Trax (Detlef Weinreich), stand Casimir Liberski ebenfalls das erste Mal gemeinsam auf einer Bühne. Und zeigte mit mitunter minimalistischen, industriellen Sounds und viel Elektronik sein anderes Gesicht.

In der Lobby des Flagey gibt es zum Ausklang vieler Festivalabende hippe Combos zu hören, wie etwa das britische Trio ILL Considered. Eine typische Jazztruppe von der Insel, die mit wahnsinnig viel Energie, energiegeladenen Beats und Grooves, einem heißlaufenden Saxofonisten und freien Impro-Jams clubtaugliche Musik spielt, die sich aber nach einer Weile leider immer wieder ein wenig im Kreis dreht.

Das Brussels Jazz Festival Flagey zeigte sich einmal mehr als ein offenes Festival für Entdeckungen. Die italienische Bassistin Rosa Brunello war so eine, die im Quartett mit Trompeterin, Saxofonistin und Schlagzeuger und ihrem doch recht eigenständigen, groovigen Sound zwischen Akustik- und Electric Jazz, spirituellen Anklängen oder ein wenig Elektronik ziemlich zu überzeugen wusste. Und im Programmheft stand noch so einiges was man gerne hätte hören wollen, wäre man für alle zehn Tage in Brüssel. Den jungen tunesischen Pianisten Wajdi Riahi mit seinem Trio etwa. Oder die britische Band mit dem doch ungewöhnlichen Namen Work Money Death, die zumindest auf ihren Platten sehr aufregend klingt.

Text: Christoph Giese
Fotos: Cristina Vergara, Patrick Van Vlerken, Cindy De Kuyper, Olivier Lestoquoit & Studio 156

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