Bonjour mon amour - „Einfach Weltklasse“: Camille Bertault beim EBE-JAZZ 2025

Camille Bertault
Camille Bertault, Foto: Robert Fischer

Von Robert Fischer

Definiere: Musikalität? – Ganz einfach, und dafür braucht es gar nicht viele Worte. Am besten besucht man ein Konzert von Camille Bertault, wie es gerade am 16. Oktober 2025 im Alten Kino in Ebersberg zu erleben war. Wer nach dem energiegeladen-sympatischen, rundum gelungenen Festivalauftritt der 1986 in Paris geborenen Sängerin noch immer nicht weiß, was er sich unter diesem Wort vorzustellen hat, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen. Schon beim Zusehen überträgt sich ihre vor Lebensfreude und – ja, eben – Musikalität schier berstende Präsenz; selbst wenn sie nicht singt, wird ihr ganzer Körper zum tänzerisch anmutenden Ausdruck des musikalischen Geschehens.

Dass sie so sehr in ihrer Musik aufzugehen scheint, wird auch damit zu tun haben, dass sie jede einzelne Stimme ihrer exzellenten Band völlig verinnerlicht hat, sie also jederzeit mühelos mitsingen könnte. Dieses (hier auf der Bühne an Mimik und Gestik ablesbar innerliche) Mitsingenkönnen selbst der kompliziertesten Melodieführungen war es auch, das Camille Bertault vor gut zehn Jahren  berühmt machte. Ob es sich um die erste „Goldberg-Variation“ von Bach handelt, die sie auf der Bühne in Ebersberg mal eben mit spielerisch wirkender Leichtigkeit vorführte, oder John Coltranes berühmte „Giant Steps“, mit denen sie einst in einem Youtube-Video erstmals für Aufhören sorgte – in allen Genres scheint die zunächst als klassische Pianistin ausgebildete, nach ersten Gehversuchen in der Schauspielkunst eine Zeitlang Jazz studierende, mit klassischem Jazz-Gesang wie mit Vocalese und Scat gleichermaßen begeisternde Musikerin  zu Hause zu sein.

Den Auftritt in Ebersberg begann sie mit ein paar leichthändig auf einem Glockenspiel dahingetupften Tönen, das Programm als Ganzes enthielt vornehmlich Stücke ihres aktuellen Albums „Bonjour mon amour“. Begleitet wurde sie von Julien Alour an der Trompete, Fady Farah am Klavier, Philippe Maniez am Schlagzeug und Sylvain Romano am Bass. Dass diese Musiker ihrer Bandleaderin an Musikalität kaum nachstehen, wusste etwa Frank Haschler, der Festivalleiter, vom Soundcheck zu berichten, bei dem einige der Musiker mal eben die Instrumente wechselten – ohne dass sich am exzellenten Bandklang etwas änderte.

Humorvoll-selbstironisch war auch die Art, wie Camille Bertault durch das Konzert führte: Als ihre Eingangsfrage, wer im Publikum des Französischen mächtig sei, zunächst nur von einer, dann noch zaghaft von einer zweiten und dritten schüchtern gehobenen Hand beantwortet wurde, meinte sie, diese Drei würden an diesem Abend ja viel zu tun haben, ihre Ansagen für die anderen zu übersetzen...

Dass das begeisterte Publikum sie und ihre Band nicht ohne Zugabe(n) gehen lassen würden, hatte die daraufhin englisch Moderierende sicher schon vermutet – und deshalb gleich drei (immer schneller werdende) Versionen von Hermito Pascals „Forró Brasil“ vorbereitet. Damit, meinte sie keck, sollte nun wirklich keiner nach Hause gehen und sagen können, dieses oder jenes Bandmitglied oder gar die Sängerin selbst seien „nur so na ja“, also nicht so überzeugend gewesen. Doch, überzeugend war dieses Konzert tatsächlich als Ganzes, und man glaubt es Camille Bertault auch sofort, dass sie noch die ganze Nacht hätte durchspielen können. Was sich auch insofern bewahrheitete, als sie nach dem Konzert noch bei der traditionellen, von dem Pianisten Sam Hylton geleiteten, mit einer ausgedehnten Version von Wayne Shorters „Footprints“ endenden Jam-Session im Café Mala auftauchte. Ein weiteres Beispiel für Camille Bertaults staunenswerte Musikalität. Oder, wie es der Saxophonist Wolfgang Hanninger ausdrückte, der bei dieser Session mit ihr jammte: „einfach Weltklasse“.

Text und Fotos: Robert Fischer

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