Christian Elsässer & WDR Big Band - Spurensuche

Christian Elsässer & WDR Big Band - Spurensuche

Christian Elsässer & WDR Big Band
Spurensuche

Erscheinungstermin: 20.08.2020
Label: Tangible Music, 2020

Christian Elsässer & WDR Big Band - Spurensuche - bei bandcamp kaufen

Christian Elsässer – compositions, conducting, piano (Emilia)
The solists:
Johan Hörlén – ss, as, fl
Karolina Strassmeyer – as, fl
Paul Heller - ts
Ruud Breuls – tp
Andy Haderer – tp, flh
Andy Hunter – trombone
Ludwig Nuss – trombone
John Goldsby – bass

Die Struktur der Titel der CD springt in Ohr und Auge. Die hervorragenden Kompositionen und Arrangements von Christian Elsässer sind den Solisten auf den Leib geschrieben, maßgeschneidert. Jeder Titel hat seinen Solisten oder seine Solistin mit den zugehörigen Instrumenten. Alle Solisten haben die Chance, die Titel mit ihren Improvisationen zu perfektionieren: Fokus auf … oder Featuring ... Mehr dazu später. Die ausgezeichneten Bläsersätze charakterisieren die gesamte CD. Die Scheu, das Adjektiv perfekt zu verwenden, ist berechtigt, da oft inflationär verwendet. Anders gesagt: es ist schwierig sich vorzustellen, wie die Bläsersätze der WDR Big Band besser gespielt werden könnten. Anders sicherlich, aber nicht besser.

Spurensuche – mit dem Bass
Verhaltener Auftakt, ein Bass-Motiv tastet sich ans Thema heran, das sich durch die Bläser herauskristallisiert. Der Bass von John Goldsby spielt sich aus dezentem Hintergrund in den solistischen Vordergrund und macht dort weiter, wo die Bläser Stimmung und Motiv weiterreichen. Neudeutsch formuliert: Featuring the Bass. Altdeutsch ergänzt: Der Mann am Bass zeigt was er kann. Was er spielt passt hervorragend zum Thema. Die ganze Big Band bringt das Motiv erneut zum Klingen und macht aus der musikalischen Spurensuche ein erfolgreiches Finden des Themas.

Up & Down – schmettert die Trompete
Es sind wieder die Bläser, die das Thema vorstellen: verhalten, höchst sensibel. Die Pausen zwischen den einzelnen Beats überbrücken die Drums. Dann geht´s leicht beschwingt los. Das Ganze kulminiert im Solo der Trompete von Ruud Breuls: klare - ein wenig schneidende - Tonfärbung, mitunter schmetternde Ton-Kaskaden. Die Bläser runden die Komposition mit ihren wohlgefälligen Einsätzen ab.

The French Cowboy – Film Noir by Alto Sax & Trombone
Einführung: behutsam und sanft gleitet die Musik ins aufblitzende Thema. Stets präsent ist der Bass mit sparsamen, aber wirkungsvollen Intonationen. Die Bläser geizen mit ihren Einsätzen, noch. Alle bereiten den musikalischen Boden vor, auf dem das Altsax von Karolina Strassmayer zeigen kann, welche Töne in ihm stecken. Und das sind klare Sequenzen, die auf unnötige Schnörkel verzichten können. Da sind wohl strukturierte Improvisationen zu hören, die das Thema ungemein dramatisieren, weitere Spannung aufbauen, aus dem bedächtigen Anfangsthema einen Thriller machen. Ein Solo reicht hier nicht, denn die Spannungskurve wird an die Posaune weitergereicht. Die nimmt den dramatischen Faden des Alts auf und spinnt ihn mit aller Kraft weiter. Nach einem kurzen Intermezzo des ganzen Band kommt der Thriller langsam zum Ende. Der „Fall“ ist gelöst, die Spannung darf nachlassen. Das Ganze klingt weniger nach einem „French Cowboy“, sondern eher wie die musikalischen Realisierung von Patrizia Highsmith "The American Friend“. Auch Charles Mingus winkt wohlwollend.

Emilia – Hymne von Posaune & Sopransax
Das Thema versteckt sich noch, die Bläser lassen es nur kurz aufflackern. Quirlig verspielt, Flötentöne locken … Bass und Drums geizen mit sparsamen Tönen, jedoch effektiv. Es obliegt der Posaune von Ludwig Nuss das Motiv vorzustellen: ein Stück zwischen traditionellem Lied und Jazz-Ballade. Nicht schwermütig oder gar klagend, aber mit in sich ruhender Gelassenheit vorgetragen. Bei fast klassischer Intonation entpuppt sich Emilia als Hymne. Das wird von der Big Band aufgenommen, abgerundet und alle zusammen sorgen für den emotionalen Tiefgang. Das erneure kurze Aufflackern der Anfangssequenz scheint für einen musikalischen Bruch zu sorgen. Denn jetzt gerät der Titel in Swingen: so lässig wie souverän. Das sind trefflichen Vorgaben für die folgende Solostimme, die von Johan Hörlén mit seinem Sopransax. Der Titel hat Fahrt aufgenommen und jetzt ist auch erkennbar, dass es sich um eine klug arrangierte Variante des Themas handelt, dem das Sopran seine passenden Klangfarben aufsprühen darf. Die Posaune bringt das flatternde Anfangsmotiv noch mal zu Gehör, dann ist „Emilia“ genug gehuldigt.

Moondance – die Trompete tanzt
Der einzige Titel, der nicht von Christian Elsässer stammt, sondern von Van Morrison, ist in der Originalversion eine gelungene Gratwanderung zwischen markantem Rock und subtil swingendem Jazz. Anfangs tönt das Stück als eine entschleunigte, ja gebremste Version, das jedoch bald an Fahrt aufnimmt und zum (erst)klassischem Big Bang Sound mutiert. Die solistische Ausschmückung liefert das Trompetensolo von Andy Haderer mit viel Verve sowie Eleganz.

The One – das Tenorsax gibt sich die Ehre
Ein zeitgenössischer Big Band Sound voller Power darf nicht fehlen. Diesem Titel mangelt es daran nicht. Vom ersten Augenblick an überzeugt der Drive des Titels. Bass und Drums geben selbstbewusst den Ton an, sorgen für den swingenden Antrieb, liefern die Steilvorlagen für das Tenor, das diese Geschenke vorzüglich zu nutzen weiß. Das ist sind virtuose Tenorsalven, die Paul Heller in den fulminanten Big Band Sound schleudert. Die scharfen Bläsersätze lassen dann keine Wünsche mehr an den Sound offen.

Zeitlang – Hommage des Flügelhorns
Die Komposition scheint an die Vergänglichkeit von Schönheit zu erinnern. Auch bei diesem Titel beginnt die Reise mit einem sanften Auftakt der Big Band. Zunehmend verdichtet sich der Sound zu einem klanggewaltigen Tongemälde voller Farbnuancen. Viel Ruhe und Stille liegt in dieser Musik, die das Solo des Flügelhorns von Andy Haderer weiter verschönert. Kraftvoll und erwärmend bläst das Horn seine Farbtupfer in die ohnehin schon farbenprächtige Klangwelt. Zeitlang hat viel von der – für einen Moment - stillstehenden Schönheit und Harmonie eines milden Spätsommers. Die Improvisationen des Flügelhorns machen dieses Verhältnis zwischen Stillstand und Vergänglichkeit hörbar – für eine Zeitlang.

Text: Cosmo Scharmer

  1. Spurensuche
  2. Up & Down
  3. The French Cowboy
  4. Emilia
  5. Moondance
  6. The One
  7. Zeitlang

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 3 plus 3.