Christoph Stiefel Inner Language Trio - Chutes And Ladders

Christoph Stiefel Inner Language Trio - Chutes And Ladders

Christoph Stiefel Inner Language Trio
Chutes And Ladders

Erscheinungstermin: 03.09.2021
Label: nWog, 2021

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Christoph Stiefel - piano
Lukas Traxl - bass
Tobias Backhaus - drums

Die neue Freiheit: die Stücke dieses Albums stehen nicht am Ende, sondern am Anfang eines Prozesses. Christoph Stiefel belässt es bei der puren Poesie des Klangs. Bis heute bleibt Reduktion ein wesentliches Merkmal seiner Ästhetik, die nun einen neuen Höhepunkt findet.

Was bedeutet Freiheit in der Kunst, und wie frei kann ein Künstler überhaupt sein? Inwiefern kann sich eine Künstlerpersönlichkeit von äußeren Faktoren freimachen, um komplett in seinen Werken aufzugehen? Im Grunde kann man sich ja nicht vornehmen, frei zu spielen, denn entweder ist man frei, oder man ist es nicht. Wer sich frei fühlt, kann spielen, was er will, es wird immer auf freie Musik hinauslaufen, selbst wenn er eine Partitur Note für Note aufführt.

Der schweizerische Pianist Christoph Stiefel ist ein in jedem Sinne des Wortes freier Musiker. Dabei konnte er am Anfang seiner Laufbahn lange nicht viel mit dem freien Spiel anfangen. „Beim frei Spielen mit anderen machte ich meist die Erfahrung, frei spielen heißt mehr spielen, und darin sah ich keinen Mehrwert“, erinnert er sich. „Erst später, in meinem ersten Inner Language Trio, konnte ich erleben, dass frei spielen auch wenig oder gar nichts spielen bedeuten kann. Man braucht nur einen Klang und kann abwarten, was sich daraus entwickelt. Und plötzlich fühlte ich mich mit dem freien Spiel wohl. Es gibt einfach verschiedene Qualitäten, die Musiker mitbringen und in eine Band einbringen, und von denen man lernen kann. Die Qualität meines jetzigen Trios besteht darin, dass es sehr konzeptionell die Stärken meiner Musik rausschält.“

Das neue Album von Christoph Stiefels Inner Language Trio trägt den verspielten Titel „Chutes And Ladders“. Hinter der Anspielung auf das vor allem bei Kindern beliebte Leiterspiel verbirgt sich ein Hinweis auf den Corona bedingten Lockdown und seine Folgen speziell für Musiker. „Das fühlte sich für mich exakt an wie beim Leiterspiel. Du denkst, du kommst langsam dem Ziel näher, und im nächsten Moment musst du komplett von vorn beginnen mit all den Verschiebungen und Absagen. Statt in eine Depression zu verfallen, wollte ich dieses Thema aber spielerisch verarbeiten.“

„Chutes And Ladders“ ist das zweite Album, auf dem der Schweizer mit Bassist Lukas Traxel und Drummer Tobias Backhaus arbeitet. Der Grundton ist indes ein ganz anderer als auf „Embracing“ von 2019. Da standen noch die Isorhythmen im Vordergrund, ein mittelalterliches Kompositionsprinzip mit rhythmischen Verschiebungen, das unter anderem in den Motetten Guillaume de Machauts Anwendung fand. Isorhythmen sind auch auf „Chutes And Ladders“ zu hören, stärker rückt aber ein Aspekt in den Fokus, der Stiefel in den letzten zehn Jahren mehr und mehr umtrieb: sein Bekenntnis zur Jazz-Tradition. Nein, „Chutes And Ladders“ ist keinesfalls ein traditionelles Jazz-Album, doch der Pianist lotet die Bedeutung verschiedener Aggregatzustände der Jazztradition für sein eigenes Vokabular aus. Wenn er zum Beispiel von Swing spricht, ist das kein Swing im klassischen Sinn, sondern eine Swingfärbung im Sound des Inner Language Trios.

In diesem Jahr feiert Christoph Stiefel seinen 60. Geburtstag, eine Zäsur, die ihn gleichermaßen zurück wie voraus schauen lässt. In den 1980er Jahren spielte er Welttourneen an der Seite von Andreas Vollenweider, um 1990 machte er mit seiner Fusion-Band Stiletto Furore. Er spielte mit dem Who Is Who des internationalen Jazz, schrieb Orchestermusik, komponierte und arrangierte orchestrale Musik für sein Septet, arbeitet mit dem Norweger Karl Seglem an Improv-Programmen für Kinder und interpretiert mit der Sängerin Lisette Spinnler auf seine Weise Standards. Die elektrischen Keyboards ließ er schon vor Jahrzehnten beiseite, um sich aufs Klavier zu konzentrieren. Bis heute bleibt Reduktion ein wesentliches Merkmal seiner Ästhetik, die nun auf „Chutes And Ladders“ einen neuen Höhepunkt findet. Jede Redundanz wird weggelassen. Je mehr man spielt, desto größer ist die Gefahr der Wiederholung, und Wiederholungen sind eben nicht das Ding des Schweizer Musikers. Seit Beginn seiner Laufbahn wird Stiefel von dem drängenden Bedürfnis angetrieben, sich weiterzuentwickeln.

Auf „Chutes And Ladders“ erzählt der zurückhaltende Tasten-Philosoph viel über sich selbst. Entsprechend ändert sich auch die Haltung seiner beiden Mitspieler. Anders als auf „Embracing“ spielen Traxel und Backhaus gewissermaßen eine Hommage an den Bandleader. Es ist seine Geschichte. In Zeiten der Unsicherheit rettet er sich leise, aber souverän ans Ufer und manifestiert seine Position. Die Überschrift könnte auch lauten „Hier bin Ich!“. Backhaus und Traxel ziehen voll und ganz mit. Sie geben sich unaufdringlich, aber unverzichtbar in die Gestaltung der Geschichte des Pianisten ein. Dabei lassen sie sich ihren Weg nicht vom Bandleader vorgeben, sondern bestimmen selbst, wohin sie mit ihm gehen. Stiefel gibt zu, dass er sich die Orte, an die er gelangen wollte, selbst ausgesucht hat. „Vielleicht bin ich ein wenig präsenter, weil sich mir mit sechzig schon die Frage stellt, wie lange ich noch warten soll, um zu tun, was ich machen will.“ Ohne die Navigation seiner Gefährten würde er aber nie dorthin gelangen. Stiefel weiß zu schätzen, dass seine Rhythmusgruppe alle Erfahrungen mitbringt, die sie in anderen Bands gesammelt hat, und lässt ihr alle Freiheiten der Welt. Und doch ist hörbar, dass er seine Netze nach sich selbst auswirft und fündig wird. Erst aus der gemeinsamen Bewegung entsteht eine Richtung, die ans Ziel führt.

Vor längerer Zeit postulierte Christoph Stiefel sinngemäß, wenn das Konzept wichtiger wird als die Musik, geht die Musik kaputt. Dieser Ansatz wird auch auf dem neuen Album deutlich. Natürlich kann der Pianist nicht aus seiner Haut. Er liebt das Planen und durchdenkt jeden einzelnen Ton, jede Harmonie, jeden melodischen Bogen. Und doch gibt er nicht das Konzept an den Hörer weiter, sondern belässt es bei der puren Poesie des Klanges. Diese Fähigkeit zum Loslassen zeichnet ihn hier mehr denn je aus. Wenn man gleichzeitig Komponist, ausführender Spieler und Produzent ist, sei es nicht leicht loszulassen, lacht Stiefel, aber nur wenn das gelinge, könne etwas passieren. „Mit eigenen Stücken ist das viel schwieriger als mit Standards. Aus diesem Grund spielen so viele Musiker Standards, denn so kann man einfach das Material nehmen und etwas ganz Anderes daraus machen. Bei eigenen Stücken hört man als Komponist immer die Ursprungsidee.“

Eine weitere Herausforderung im Material ergab sich aus der Corona-Situation selbst. Vor dem Studiotermin waren viele Konzerte geplant, die aufgrund der Pandemie fast komplett abgesagt wurden. Statt gut eingespielt ins Studio zu gehen und zu wissen, wie weit man mit den Songs gehen kann, mussten Stiefel, Backhaus und Traxel die Kompositionen so nehmen, wie sie waren, und den Freiheitsgehalt situativ herausfiltern. „Früher sind die Musiker zum Beispiel mit Miles Davis ins Studio gegangen, haben die Stücke vom Blatt gespielt, und der erste Take, bei dem das Thema mehr oder weniger gestimmt hat, wurde genommen. Das ist nicht unsere Herangehensweise, aber diesmal hatten die meisten Stücke eben nicht den längeren Entwicklungsprozess durchlaufen, den wir normalerweise zugrunde legen.“

Aus der nicht allzu großen Not machte das Trio eine umso größere Tugend. Stiefel, Traxel und Backhaus nutzten die vollendete Form als Basis für alles Kommende. „Chutes And Ladders“ wirkt wesentlich definitiver als frühere Alben von Stiefel. Die Songs sind keine Versionen aus einer Vielzahl von Möglichkeiten, sondern formulieren im klassischen Sinne die Essenz. Sie stehen nicht am Ende, sondern am Anfang eines Prozesses. Stiefels Haltung, Ernsthaftigkeit und Gestaltungslust haben ebenso viel mit Jazz wie mit Klassik im besten Sinne gemein.

Am Ende steht ein einmaliges Geschenk an den Hörer. Aus einer persönlichen Erfahrung wurde in einem Prozess aus äußeren Einflüssen und inneren Bekenntnissen ein Klang der Hoffnung, der das Vergangene mit dem Künftigen versöhnt, die Intention hinter sich lässt und im Ohr tatsächlich zu einer inneren Sprache wird.

Text: nWog Records

jazz-fun.de meint:
Ausgewogen und zurückhaltend, aber voller Charisma und Flair, strahlen die Kompositionen keine virtuosen Soloeinlagen aus, sondern präsentieren anspruchsvoll eine originelle Schöpfung des Gesamtkonzeptes. Die Musik regt die Fantasie an und entführt den Hörer in verschiedene musikalische Regionen, was das Album sehr interessant macht.

  1. Where do we go?
  2. Chutes and ladders
  3. Cut a clearing in the wilderness / Isorhythm # 37
  4. Prayer / Isorhythm # 36
  5. Salomon's dream
  6. Ombres
  7. Raining Iguanas
  8. Traumfänger
  9. Rhapsody

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