Cyminology

Cyminology, Foto © Arne Reimer
Cyminology, Foto © Arne Reimer

Biographie

Das Initiationserlebnis kam während des Studiums in Berlin. Iranische Verwandte, bei denen Cymin Samawatie damals wohnte, hörten eine ungewöhnliche Aufnahme: Rezitationen, Gedichte Omar Chajjams, des Klassikers der persischen Lyrik aus der Zeit um 1100. „Es war altpersisch, eine sehr bildreiche Sprache. Viel verstanden habe ich nicht. Doch der Sound der Worte zog mich sofort an, ihre Musikalität. Als ich die Gedichte dann übersetzt bekam, war ich umso mehr gepackt. Weil ich spürte, wie viel diese alten Texte mit mir und meinem eigenen Leben zu tun haben.“ Obwohl in Braunschweig als Tochter iranischer Eltern aufgewachsen, war die junge Musikerin, die bereits ein Gesangs-, Klavier- und Schlagzeugstudium in Hannover hinter sich hatte, mit der literarischen Tradition ihres Herkunftslandes noch wenig in Kontakt gekommen. Nun aber war die Saat gelegt. Nach und nach entdeckte sie die berühmten Verse von Rumi und Hafiz. Grub sich immer weiter durch die persische Literatur. Und begann eigene Gedichte zu schreiben.

Cyminology, das 2001 gegründete Quartett, hatte seine Formel gefunden: Vokaler Kammerjazz und persische Lyrik. Ost und West, Alt und Neu, in bruchloser Synthese. Seelenvoll dunkel tönt die Stimme, unverkennbar orientalisch gefärbt. Raffiniert sparsam legt das Trio dazu seine Klangflächen aus, spinnt filigrane Linien. Eine Musik, so suggestiv und atmosphärisch, dass sie der Erklärungen kaum bedarf. Wenn das Quartett heute auf Tour ist – im Nahen Osten, in Europa und den USA oder, wie gerade jüngst erst, in der Kaukasus-Region – versucht Cymin ihrem Publikum trotzdem etwas von Inhalt und Aktualität der Texte zu vermitteln. „Es geht um ganz alltägliche Gefühlslagen. Um Heimweh, um diffuses Unglück und um Missverstehen zwischen Menschen, die sich eigentlich nahe sind: Da ist etwas in meinem Herzen, aber ich weiß nicht, was. Von außen mag ich ruhig erscheinen, doch in mir schreit es. Ich weiß nicht, was hinter dem Vorhang ist, der alle Dinge verhüllt. Aber wenn ich es herausfinde, werde ich nicht mehr auf dieser Welt sein.“

Im Detail verstehen muss man all das nicht, sagen die vier Musiker unisono. Worauf es Cymin beim Komponieren ankommt, ist der Rhythmus der Lyrik, der ihr die temperamentgeladenen ungeraden Takte eingibt. Die Sprachmelodie, die sich auf die mal zärtlichen, mal trotzigen Gesangslinien überträgt. Und natürlich der weiche Klang der Worte, der jene Gefühlsstimmung schafft, die in der improvisatorischen Erprobung mit den Kollegen immer weiter verdichtet wird. Was dabei entsteht, ist eine transkulturelle Kammermusik, in der sich Elemente des Kunstlieds mit freier Improvisation, moderner Harmonik und mit fernen Anklängen an zeitgenössischen Rock und Pop verbinden.

Auch Benedikt Jahnel, Pianist der Gruppe, mit dem Cymin Samawatie seit 2000 zusammenarbeitet, lässt sich bei seinen Kompositionen inzwischen öfters von persischen Gedichten anregen. Die Vorliebe des studierten Mathematikers für feingliedrige repetitive Muster und anspruchsvolle Vokallinien erweitert das Spektrum von Cyminology zusätzlich. Vier hervorragende Musiker kommen in diesem Quartett zusammen, vier wache Individualisten, die den Austausch offenbar genießen. Ketan Bhatti, der in Delhi geborene Schlagzeuger, verzahnt feinsten Groove mit dem entwickelten Klangsinn des vielseitig bewanderten Percussionisten. Bassist Ralf Schwarz gibt dem Dialog zwischen Piano und Drums ein ebenso warmes wie elastisches Fundament. „Wir legen viel Wert auf ein in sich stimmiges, kontinuierliches Gewebe, in dem nicht unterschieden wird zwischen Thema und Solo oder zwischen Solo und Begleitung“, sagt Benedikt Jahnel. „Natürlich sind wir alle in erster Linie Jazzmusiker. Improvisation ist wichtig und hat ihren festen Platz. Aber für uns ist auch das eher eine Komposition, die im Moment entsteht.“

Viel hat man in den letzten Jahren an Balance und Dramaturgie gefeilt. Auf langen Tourneen wurden Übergänge geschliffen und präzise Kontraste ausgearbeitet. Und immer wieder neue Stücke ausprobiert. Acht Jahre nach Gründung von Cyminology kommt nun „As Ney“ – zu übersetzen mit „Wie die Ney-Flöte“ – heraus. Das dritte Album der Gruppe und zugleich das Debüt bei ECM, produziert im Osloer Rainbow Studio von Manfred Eicher. „Es ist einfach wohltuend, wenn man weiß, dass einem da jemand zuhört, dem man bedingungslos vertraut“, sagt Cymin. „Manfred hatte immer schon das Ganze vor Augen, er wusste genau, wo er die kleinen aber entscheidenden Impulse setzen musste. Dabei kann dann eine noch klarere und intimere Musik entstehen.“ Noch nie war eine CD so schnell aufgenommen, staunen die vier Musiker und strahlen. Wie sie da so zusammen im Kreuzberger Café sitzen, scheinen sie ein ideales Stück multikultureller Gegenwart zu verkörpern. Doch darüber sprechen sie nicht so gern. Für gute Musiker ist Internationalität eben eine Selbstverständlichkeit.

Diskografie

Links

Cyminology Internetseite:
http://www.cyminology.de

Einen Kommentar schreiben