Danilo Rea - Opera

Danilo Rea - Opera (At Schloss Elmau)

Danilo Rea
Opera (At Schloss Elmau)

Erscheinungstermin: 24.06.2011
Label: ACT, 2010

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Besetzung:
Danilo Rea / piano
Flavio Boltro / trumpet

Recorded by Adrian von Ripka on December 9, 2010 at Schloss Elmau.
# 4, 6, 11, 12 recorded Live
Mixed and mastered at Bauer Studios Ludwigsburg by Adrian von Ripka in March 2011.

Produced by Siggi Loch

Es wäre vieles im wahrsten Sinne des Wortes eintöniger, wenn es nicht als Gegengewicht zur Globalisierung die nationalen und regionalen Eigenarten gäbe. Zum Beispiel die unverbrüchliche Liebe der Italiener zur Oper, die selbst noch den Sport und die Politik zu großem Musiktheater umformt. Der römische Jazzpianist Danilo Rea scheint in besonderer Weise für die Beschäftigung mit dieser nationalen Leidenschaft prädestiniert. Zum einen, weil er am Konservatorium Santa Cecilia in Rom ein klassisches Klavierstudium absolvierte und als Klassiker begann. Zum anderen, weil er sich auch nach seiner Hinwendung zum Jazz weniger an amerikanischen Standards orientiert, sondern am liebsten auf die eigene italienische Musiktradition von der Klassik bis zum Pop zurückgreift – mustergültig vorexerziert auch bei seinem ACT-Debüt „A Tribute to Fabrizio de André“ (ACT 9759-2) im vergangenen Jahr, wo er sich mit der Musik des berühmten Cantautore beschäftigte. Ein Einstand, der von der Kritik zum „bisherigen Höhepunkt der ACT Piano Works“-Serie (Kulturnews) und in Italien gar zum „Klavieralbum des Jahres 2010“ (Musica Jazz) erkoren wurde.

Dabei hat es lange gedauert, bis Rea die Oper entdeckte: „Wer wie ich als klassischer Pianist anfängt, arbeitet normalerweise nicht mit Sängern zusammen. Ich entdeckte spät, wie viel Seele in der Musik von Puccini – meines Lieblingskomponisten - steckt, begann über seine Musik zu improvisieren und kam so zur Oper.“ Auf dem Soloalbum „Lirico“ hat er 2004 bereits Opernmelodien auf seine ganz eigene Weise in den Jazz überführt. Auf Anregung vom Produzenten Siggi Loch widmet er sich nun auf seinem zweiten ACT-Album „Opera“ ganz der italienischen Oper. Prominente Verstärkung holt er sich mit Flavio Boltro, seit Jahren neben Paolo Fresu und Enrico Rava im Triumvirat der italienischen Trompeter von Weltrang. „Wir sind seit vielen Jahren befreundet und haben auch gelegentlich gemeinsam in Bands gespielt. Aber dies ist tatsächlich unser erstes eigenes gemeinsames Projekt.“ Für das Boltro, abgesehen von der norditalienischen Herkunft, ebenfalls die idealen Voraussetzungen mitbringt: ein klassisches Studium am Konservatorium von Turin, die Arbeit in einem Sinfonieorchester und die Genre- und Stil offene Lust am Experiment. Diese bewies Boltro unter anderem an der Seite von US-Stars wie Steve Grossman, Don Cherry, Billy Higgins, Cedar Walton oder Joe Lovano, im eigenen Trio mit Manu Roche und Furio Di Castro, als Mitglied des französischen Orchestre National du Jazz, bei Avantgardisten wie Michel Portal, in der Ethno-Kombination mit dem marokkanischen Guembri-Virtuosen Majid Bekkas oder als Freund und Begleiter von Landsleuten wie Stefano Di Battista oder Rosario Giuliani (mit dessen Hardbop-Quintet er soeben den Publikumspreis des BMW Welt Jazz Awards 2011 gewann).

Vom ersten Ton an präsentieren sich Rea und Boltro auf „Opera“ als überragende Lyriker. Schon der Einstieg mit Monteverdis „Lasciatemi morire“ klingt wie der Soundtrack zu einem Sergio Leone-Epos. Boltro zelebriert auf den meisten Stücken einen klassischen, reinen Trompetenklang, der mitunter sogar an eine Bachtrompete erinnert („Sinfonia dal Barbiere di Siviglia“ von Rossini). Rea beweist sich als Anschlagmagier („Dal tuo stellato soglio“ von Rossini) und Meister des ganz Feinen. Beide kennen dabei keine Scheu vor dem Pathos und dem ganz großen Gefühl: „Die Emotion ist mir sehr wichtig. Ich mag es nicht, wenn nach einen Konzert die Leute sagen: Das war nett. Lieber ist mir, sie sagen: Ich habe geweint.“ Der Musiker selbst darf dem Pathos freilich nicht erliegen: „Für Opernbearbeitungen im Jazz braucht man einen anderer Zugang als bei anderem Material“, befindet Rea. „Man muss anders improvisieren und bei einem klassischen Sound bleiben, um nicht in die Gefahr zu geraten, kitschig zu werden. Am wichtigsten ist der Respekt vor den Melodien. Und man darf nicht zu viel an den Harmonien ändern.“ Zumeist konzentrieren sich Rea und Boltro bei ihren Interpretationen deshalb ganz auf den melodischen Gehalt und bleiben selbst bei wilden Ritten wie beim „Barbier von Sevilla“ aufs Wesentliche reduziert. Ein Minimalismus, der Rea schon früh von seiner klassischen Lehrerin Lilliana Vallazza mit auf den Weg geben wurde: „Sie sagte immer zu mir, was du auch spielst, denke an den Klang. Wenn du eine Taste drückst, mach‘ es profund.“

Der stets hörbare Respekt vor der Vorlage schließt freilich Innovation nie aus. Als zwei der kreativsten Improvisatoren der Szene, die die beiden sind, finden sie stets eine spannende rhythmische Variation, eine belebende Phrase oder eine wichtige harmonische Erweiterung. Doch ist der Übergang in den Jazz nie abrupt, bemüht oder mechanisch, die Klassik und die zweite Klassik (der Jazz) fließen harmonisch ineinander. Bestes Beispiel ist Rossinis „Sinfonia dal Guglielmo Tell“, vielleicht der Höhepunkt des Albums: So flott das Tempo ist, nie wird unnötig forciert, beide, insbesondere Boltro, der hier am „jazzigsten“ klingt, konzentrieren sich ganz auf die dem Stück innewohnende Dramatik, wobei ihnen die ideale Verbindung von überragender Technik, einem verblüffenden Arrangement und improvisatorischer Kraft gelingt.

Eine der Inspirationsquellen für diese grandiosen Ausflüge in die Welt der Oper war wieder einmal das Kultur- und Luxushotel Schloss Elmau inmitten der bayerischen Voralpen, ein beliebter Aufnahmeort für ACT-Künstler und mittlerweile ein Markenzeichen für außergewöhnliche Jazzproduktionen. Alle Stücke wurden am 9. Dezember 2010 dort aufgenommen, vier davon live vor Publikum. „Es war der perfekte Ort für diese Art von Projekt. Nicht nur, weil sie dort zwei unglaubliche Steinway-Flügel haben. Die Atmosphäre bei den Konzerten ist magisch. Du kannst es durch die riesigen Fenster draußen schneien sehen.“ So bleibt über das Ergebnis dieses idealen Zusammentreffens von Vorstellung, Umsetzung und Umgebung nur zu sagen: Große Oper.

  1. Lasciatemi morire
  2. Toccata from Orfeo
  3. Dal tuo stellato soglio
  4. Vaga luna che inargenti
  5. Sinfonia dal Barbiere di Siviglia
  6. Caro mio ben
  7. Piango, gemo, sospiro e peno
  8. E lucevan le stelle
  9. O mio babbino caro
  10. Casta Diva
  11. Sinfonia dal Guglielmo Tell
  12. Io son L'umile ancella

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