Konzerte zwischen Regenwald und Strand
Wenn es um große Weltmusikfestivals geht, denkt man erst einmal an Events im sogenannten Globalen Norden, z.B. an Rudolstadt in Deutschland, Sfinks in Belgien, Angoulême in Frankreich oder WOMAD in England, Australien und Neuseeland. In den letzten Jahren aber hat es ein Event in Südostasien in die erste Liga geschafft, so dass es kein Geheimtipp mehr ist, sondern als eine der besten Weltmusikveranstaltungen des Planeten gilt: Das Rainforest World Music Festival in Sarawak, dem größten Bundesstaat von Malaysia, gelegen auf der Insel Borneo zwischen dem Südchinesischen Meer, Indonesien und dem Sultanat Brunei.
Die konstitutionelle Wahlmonarchie Malaysia besteht geografisch aus zwei Teilen: dem Halbinselteil im Westen zwischen Thailand und Singapur und dem Inselteil im Osten auf Borneo, dem drittgrößten Eiland der Erde. Diese West-Ost-Aufteilung ist natürlich historisch bedingt, wobei gerade Sarawak eine einzigartige Geschichte hat. In Europa wurde die Region vor allem bekannt durch die Abenteuer-Romane des Italieners Emilio Salgari aus dem späten 19. Jahrhundert und die darauf beruhenden Filme über den Piraten Sandokan, den Sohn des Herrschers von Sarawak. Dieser wird vom Briten James Brooke umgebracht, der sich anschließend selber auf den Thron setzt. Sandokan wird gezwungenermaßen zum Piraten, bringt aber schließlich Brooke zur Strecke und wird rechtmäßiger Nachfolger seines ermordeten Vaters.
Sandokan hat nie existiert, Brooke aber sehr wohl, wenn auch ganz anders als in der Darstellung von Salgari, der für seine Story natürlich einen veritablen Schurken brauchte. Während West-Malaysia ethnisch von muslimischen Malaien dominiert wird, besteht im Osten, in den Bundesstaaten Sarawak und Sabah, die Mehrheit aus den Dayak, indigenen Gruppen, die seit Jahrhunderten wenn nicht Jahrtausenden in der Region leben und fast durchweg Christen sind. 1840 lehnten sich verschiedene Häuptlinge der Dayak gegen die Oberhoheit des Sultans von Brunei auf. Der mit seinem Segler The Royalist vor der Küste kreuzenden James Brooke schlug sich auf die Seite des Sultans und beendete den Aufstand ohne Blutvergießen, indem er die rebellierenden Chiefs an der Küste zusammenrief und ihnen die Feuerkraft seiner Schiffskanonen demonstrierte.
Zum Dank machte der Sultan Brooke zum Raja von Sarawak. In den folgenden Jahren gelang es ihm allerdings, Sarawak schrittweise aus dem Machtbereich des Sultans zu lösen und de facto unabhängig zu machen. Anders als man zu recht vermuten könnte, benahm sich Brooke aber nicht wie ein gewöhnlicher Eroberer und Kolonialist, sondern fühlte sich dem Land und seinen Bewohnern verpflichtet. Er bekämpfte z.B. die grassierende Piraterie und sorgte damit für einen Wirtschaftsaufschwung, weil sich nun wieder zahlreiche Händler in die Küstengewässer vor Sarawak trauten. Weil er kinderlos geblieben war, ernannte er seinen Neffen Charles Brooke zum Nachfolger. Der regierte ab 1868 für 20 Jahre als zweiter weißer Raja von Sarawak und schaffte es u.a., die Tradition der Kopfjagd zu beenden, die bis dahin zahllose junge Krieger der verschiedenen Dayak-Ethnien das Leben gekostet hatte. Charles’ Sohn Vyner Brooke, der dritte und letzte weiße Raja von Sarawak, floh 1942 vor den Japanern, die das Gebiet besetzt hatten, ins australische Sydney. Anfang 1945 konnte er zurückkehren, denn die britische Armee hatte mit tatkräftiger Unterstützung durch einheimische Kämpfer die Japaner vertrieben. Ein Jahr später übergab Brooke das Land der britischen Krone als Kolonie. Bis heute hält Sarawak das Andenken der drei weißen Rajas in Ehren.
Als 1963 die Unabhängigkeit anstand, zögerte man in London, Sarawak zu einem eigenen Staat zu machen, weil man eine Invasion der Armee des inzwischen selbstständig gewordenen Indonesien befürchtete, zu dem ohnehin der größte Teil von Borneo gehört. Darum wurde Sarawak 1963 mit der ebenfalls auf Borneo gelegenen britischen Kolonie Sabah und dem im Westen gelegene Malaya zur Föderation von Malaysia vereint, was einen größeren und stärkeren Staat ergab. Indonesiens Heer fiel trotzdem in Sarawak ein, wurde aber 1966 von malaysischen und britischen Truppen zurückgeschlagen. Heute haben beide Länder ein gutnachbarschaftliches Verhältnis.
Das erste Rainforest World Music Festival fand 1998 statt. Als Veranstalter und Hauptsponsor tritt Sarawaks Fremdenverkehrsamt auf, das damit den Tourismus ankurbeln will. Veranstaltungsort ist das knapp 30 km von der Hauptstadt Kuching entfernte Sarawak Cultural Village, malerisch gelegen zwischen Regenwald und dem Strand am Südchinesichen Meer. Das Museumsdorf präsentiert vor allem die Architekturstile der vielen in Sarawak lebenden ethnischen Gruppen. Einige der Häuser dienen tagsüber als Veranstaltungsorte für Workshops aller Art. Manche Künstler stellen ihre etwas außergewöhnlichen Instrumente vor, in diesem Jahr z.B. der Balafon-Virtuose N’Famady Kouyaté aus Guinea, bei anderen kann man Bollywood-Tänze oder die Rhythmen der kubanischen Musik erlernen. Besonders interessant sind Workshops, bei denen Spieler eines Instruments bzw. einer Instrumentengruppe ihre jeweiligen Traditionen vorstellen und am Ende ein gemeinsames Stück improvisieren. Die unmittelbare Nähe des Regenwaldes zeigt sich manchmal auch dadurch, dass sich kleine, neugierige Affen am Rand der Veranstaltungen blicken lassen.
Die eigentlichen Festival-Konzerte finden auf zwei großen Bühnen statt, der Jungle Stage und der Tree Stage, hinter denen sich die imposante Kulisse des - zumindest noch - vollständig von Regenwald bedeckten Mount Santubong erhebt. Während auf der einen Bühne Künstler auftreten, wird die andere für den nächsten Act vorbereitet. Das Publikum - im ersten Jahr 300 Besucher aus der Region, heute fast das Hundertfache - kommt wie die Künstler mittlerweile aus aller Welt, natürlich vor allem aus Malaysia, Thailand, Singapur, Indonesien und von den Philippinen, aber auch aus Indien, Japan, Australien, Nordamerika und Europa. Die Anreise von Künstlern und Besuchern verursacht natürlich CO2-Emissionen, aber da, wo es geht, versucht das Festival, den ökologischen Fußabdruck möglichst gering zu halten. Das reicht von der weitgehenden Nutzung solarer Energie bis hin zur Müllvermeidung durch das Verbot von Einwegprodukten in der Gastronomie. Wer eine Flasche Wasser gekauft hat, kann sie an kostenlosen Filling Stations immer wieder auffüllen, was unter der tropischen Sonne auch dringend nötig ist.
Überall auf dem Festivalgelände sind immer wieder, live oder aus der Konserve, die Klänge der Sape zu hören. Diese traditionelle Laute von etwa einem Meter Länge war schon fast dem Vergessen anheimgefallen, denn der jungen Generation galt sie als altmodisch und nicht konkurrenzfähig gegenüber der elektrischen Gitarre. Es ist nicht zuletzt dem Rainforest World Music Festival zu verdanken, das auch einen Sapespieler im Logo hat, dass die Sape enorm an Coolness gewinnen konnte. Inzwischen gilt sie sogar als Malaysias Nationalinstrument. Eingesetzt wird sie nicht nur in der traditionellen Musik, sondern auch, elektrisch verstärkt, in Pop- und Jazzkontexten.
Die diesjährige 28. Ausgabe des Festivals präsentierte natürlich eine Reihe von, vorwiegend jungen, Formationen aus Sarawak und anderen Teilen Malaysias. Aus Japan kamen die Seppuku Pistols, eine ehemalige Punk-Band. Nach dem Erdbeben von 2011, das zur Nuklearkatastrophe von Fukushima führte, änderten die Pistols radikal ihren Stil. Die etwa 20 Mitglieder verabschiedeten sich von der Elektrik, spielen verschiedene Varianten der japanischen Taiko-Trommeln sowie andere traditionelle Instrumente und tragen japanische Kleidung aus dem 19. Jahrhundert, haben sich aber die Energie des Punk bewahrt. Seppuku ist ein anderes Wort für den in Europa als Harakiri bekannt gewordenen rituellen Selbstmord japanischer Samurais. Neben den ökologischen Gefahren für unser aller Überleben widmet sich die Band in ihren Songs vor allem dem Krieg als möglicher Form eines kollektiven Selbstmords der Menschheit.
Das Septet Tāl Fry aus Neu-Delhi präsentierte, ebenfalls mit akustischen Instrumenten, eine eigenwillige Mischung aus klassischer nord- und südindischer Musik mit traditionellen Rhythmen vom ganzen Subkontinent. Spannend auch die Gruppe Manhu aus der südchinesischen Provinz Yunnan. Sie kombinierte typische Songs und Instrumente der ethnischen Minderheit der Yi mit E-Bass, Schlagzeug und Rockelementen zu einem originellen Mix aus Alt und Neu. Ein ähnlich funktionierendes und vom Publikum mit Beifallsstürmen aufgenommenes Konzept vertrat die philippinische Band Kuntaw Mindanao von der gleichnamigen Insel.
Um einiges rocklastiger war die fast nur aus Frauen bestehende Gruppe Otyken aus dem sibirischen Krasnojarsk, die trotzdem feste Wurzeln in ihrer heimischen Tradition hat, z.B. im zentralasiatischen Kehlkopf-Gesang.
Das Trio Kulāiwi präsentierte polynesische Songs aus Hawaii. Keine aufregende, aber angenehm entspannte Musik. Überraschend originell präsentierte sich die marokkanisch/US-amerikanische Gruppe Seffarine mit einem einzigartigen Mix aus arabischen Melodien, Flamenco und Jazz.
Zu den Highlights des diesjährigen Festivals gehörte auch der seit einigen Jahren in Wales lebende guineische Musiker N’Famady Kouyaté. Er singt und spielt Gitarre, aber sein eigentliches Metier ist das Balafon, die afrikanische Marimba. Wie praktisch alle Kouyatés entstammt er einer Familie von Griots, den Musikern und Geschichtenerzählern Westafrikas, die seit über tausend Jahren das kollektive Gedächtnis ihrer Völker repräsentieren. Und das Instrument der Kouyatés ist seit Jahrhunderten das Balafon.
Wenig überzeugte dagegen die indonesisch/französische Formation Gaga Gundul, die Javas Gamelan-Musik mit Jazz und Rock zu kombinieren versprach. Statt einer organischen Fusion standen diese Elemente weitgehend nebeneinander. Als Enttäuschung erwies sich auch der Sänger Rob Ruha aus Neuseeland. Anstelle der angekündigten Mischung aus Maori-Tradition und R&B gab es eine Show mit Mainstream-Pop, gesungen auf Maorisch. Geschmackssache war das Konzert der belgisch-kolumbianischen Gruppe La Chiva Gantiva, die ein paar kolumbianische Elemente mit einer großen Portion Punk, Heavy Metal und Hiphop mixte.
Als letzte Künstler betraten die Lokalmatadoren der Gruppe At Adau die Bühne. Die Band war maßgeblich mitverantwortlich für die Renaissance der Sape als prägendes Instrument moderner sarawakischer Musik mit Einflüssen aus Rock, Soul und Jazz. Unter jungen Sarawakians hat At Adau viele beinharte Fans, die ihre Idole mit Beifall geradezu überschütteten. Anschließend kamen alle Künstler des Festivals zum Finale auf der Bühne zusammen.
Der vielleicht größte Name des Festivals war gleichzeitig derjenige, der bei den Fachjournalisten für Verwunderung sorgte. Earth, Wind & Fire Experience ist ein ein Ableger von Maurice Whites legendärer Funk-Band, geleitet vom Gitarristen Al McKay, der dem Original von 1973 bis 1981 angehörte und Co-Autor verschiedener Songs war, u.a. des Hits September. Die hochprofessionellen Musiker um Al McKay lieferten eine perfekte Show, die allerdings nicht die Frage beantwortete, was diese Formation auf einem Weltmusik-Festival verloren hatte. Von den Veranstaltern war zu hören, dass damit zusätzliches Publikum angezogen werden sollte. Ob das funktioniert hat, darf bezweifelt werden. Die über 22.000 Besucher dieses Jahrgangs wären höchstwahrscheinlich auch so gekommen.
Auf jeden Fall steht das Datum für 2026 schon fest: der 26. bis 28. Juni.
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At Adau (Sarawak), Foto: Wolfgang König -
At Adau (Sarawak), Foto: Wolfgang König -
At Adau (Sarawak), Foto: Wolfgang König -
Fans von At Adau (Sarawak), Foto: Wolfgang König -
Finale, Foto: Wolfgang König -
Manhu (China), Foto: Wolfgang König -
N’Famady Kouyaté, Foto: Wolfgang König -
N’Famady Kouyaté, Foto: Wolfgang König -
N’Famady Kouyaté, Foto: Wolfgang König -
Publikum, Foto: Wolfgang König -
Sape Workshop, Foto: Wolfgang König -
Spae Varianten, Foto: Wolfgang König -
Tāl Fry (Indien), Foto: Wolfgang König -
Tierischer Festivalbeobachter, Foto: Wolfgang König -
Warnschild, Foto: Wolfgang König
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