Double Trouble – zwei Kontrabassisten unter sich: Christian McBride und Edgar Meyer

Christian McBride, Foto: Angela Ballhorn

Bassist Christian McBride ist umtriebig, in Berlin war er Mitte April mit seinem Ellington-Duo-Programm Jason Moran im Pierre Boulez Saal zu hören, ganz intim im akustischen Setting von Flügel und Kontrabass. Eine Woche später hatte ich in Tallinn am estnischen Jazzkaar-Festival die Gelegenheit, den Bass-Virtuosen mit seinem jungem Quintett zu hören, wo er ein wahres Groove-Feuerwerk an Kontra- und E-Bass abfeuerte.

Doch eine seiner neuesten Veröffentlichungen hat eine ganz andere Besetzung: Mit dem amerikanischen Bassisten Edgar Meyer, der sonst eher in der Klassik oder im Bluegrass (unter anderem mit Banjo Spieler Béla Fleck) zu finden ist, hat Christian McBride ein Album eingespielt, dessen Titel schon spektakulär ist „But Who’s Gonna Play The Melody?“ (Mack Avenue) trifft die ungewöhnliche Besetzung mit zwei Kontrabässen auf den Punkt.
von Angela Ballhorn

jazz-fun.de:
Zwei Bassisten aus zwei verschiedenen Genres, die zusammenkommen und ein Album machen, ist wirklich etwas besonderes!

Christian McBride:
Edgar ist ein Freund und jemand, den ich seit langem bewundere, also war es nicht so schwierig, etwas zusammen zu machen. Wir spielen seit 2007 Konzerte zusammen, von daher war es folgerichtig, dieses Album zu machen. Das war überfällig!

jazz-fun.de:
Ich nehme an, dass es eine Weile gedauert hat, das Material oder auch den Stil einzuordnen, den ihr spielen wolltet, weil ihr beide musikalisch sehr breit aufgestellt seid.

Christian McBride:
Ich spiele ein bisschen klassischen Kontrabass, Edgar spielt ein bisschen Jazzbass, aber in der Mitte der Musikstile bleibt viel Musik übrig. Die Konzepte von Bluegrass und Jazz liegen nicht so weit auseinander. Es gibt Improvisationen und der Bass muss immer noch die Harmonien umreissen und den Rhythmus spielen. Ohne Schlagzeuger musst du ein sehr starkes Gefühl von Time haben. Die Sprache des Blues, das ist die herrschende Gemeinsamkeit zwischen Edgar und mir. Wir spielen ein paar Jazzstücke, ein paar Bluegrass-Stücke und ein Stück, dass eher eine zeitgenössische Komposition ist, das ist der Kanon auf dem Album. Es gab eine Menge Sachen, die für uns beide ungewöhnlich waren. Und das ist eine gute Sache.

jazz-fun.de:
Bei zwei Bassisten ist es wichtig, die gleiche Auffassung von Timing zu haben. Ich hatte bei dem Album das Gefühl, dass ihr absolut auf demselben Weg wart, egal, in welchem Genre. Wer hatte eigentlich die Idee zu dem wunderbaren Titel „But Who’s Gonna Play The Melody“?

Christian McBride:
Das war Joshua (Redman), er hatte die Idee, obwohl er nicht wusste, was er tat (lacht). Ich habe ein Photo von Edgar und mir auf Twitter geposted und Joshua kommentierte das Bild mit „Aber wer spielt denn die Melodie?“. Ich dachte, das ist ein guter Titel für das Album!

jazz-fun.de:
Wie lief das dann mit der Melodie und wer welche Funktion übernimmt? Wieviel war vorher geübt und abgesprochen?

Christian McBride:
Oh, wir haben viel vorher abgesprochen, nicht nur, wer sich in welchem Register bewegt. Wie in jeder anderen musikalischen Formation sprichst du Spielregeln ab. Eine Menge der Sachen, die wir spielen, sind tatsächlich ausgeschrieben. Der Standard „Days Of Wine  And Roses“ war natürlich nicht ausgeschrieben, da jammen wir uns durch. Alles andere war tatsächlich auf Papier ausgeschrieben und es gab Absprachen, ob ich die Melodie zuerst spiele oder einen anderen Part übernehme. Nicht zu viel notiert, aber doch so, dass die Kompositionen eine Form bekamen.

jazz-fun.de:
Wieviel Üben erforderte zum Beispiel das Stück „Bebop, Of Course“? Da wird das Thema unisono gespielt, aber der eine Bass wird gestrichen, der andere gezupft. Groove, Timing und Phrasierung stimmt da ja perfekt überein.

Christian McBride:
Oft ist es so, dass ich einen Song mitbringe und Edgar mich fragt, wie ich das Stück höre. Wenn ich es nicht weiss, dann spielen wir beide die Melodie und überlegen, ob es mit dem Bogen vielleicht noch besser klingt. Dann probieren wir aus und sehen, was passiert.

jazz-fun.de:
Also gibt es keine First Takes, sondern eher zweit- und Drittaufnahmen? Bei dem Bebop-Stück bleibt es trotzdem spektakulär, dass zwei Bassisten mit unterschiedlicher Spielweise so deckungsgleich spielen.

Christian McBride:
Edgar macht es einem so leicht als Mitspieler.

jazz-fun.de:
Du aber auch, wir wollen hier die Komplimente nicht einseitig verteilen...

Christian McBride:
Danke sehr! Edgar ist so kreativ und er spielt mit dem Bogen einfach großartig. Er ist ein so akkurater Bassist, das könnte schon fast deprimierend sein. Aber ich sehe es als Inspiration.

jazz-fun.de:
Gibt es tatsächlich für dich als großartigen Bassisten Kollegen, die dich deprimieren können?

Christian McBride:
Oh ja, die gibt es! Wenn du neben einem grossartigen Bassisten stehst, egal, ob es Edgar Meyer ist oder Marcus Miller, Stanley Clarke, Dave Holland oder John Patitucci – alle haben etwas, das sie speziell und besonders macht. Grundsätzlich ist das nicht deprimierend, sondern eher inspirierend für mich. Aber wenn du dir Edgar anguckst, wie er diese klassischen Stücke spielt, an denen viele Bassisten jahrelang verzweifeln und sich dumm und dusselig üben – und dann noch sagt, dass die ein Kinderspiel seien... Das kann dann schon deprimierend sein.

jazz-fun.de:
Es ist erstaunlich, dass die Bluegrass-Stücke ebenso gut funktionieren wie die Jazzstücke oder die eher modernen Klassik-Stücke. Ich weiss natürlich, dass Edgar Meyer viel mit Béla Fleck und Yo-Yo Ma gespielt hat, war aber doch überrascht, dass die Stücke auch für zwei Kontrabässe funktionieren.

Christian McBride:
Den Songs „FRB“ hat Edgar früher mit dem Mandolinenspieler Chris Thile aufgenommen. Diese Fassung ist unglaublich. Wenn man zwei menschliche Wesen etwas absolut perfekt zusammen spielen hört! Ich war davon überzeugt, dass digitales Editing eine Rolle gespielt haben muss, aber nein… Ich hatte das Album ja gehört und habe Edgar dann gefragt, ob er mir das Stück vorspielen kann. Also persönlich und direkt vor mir, ohne Tricks und technische Hilfsmittel - und es war absolut perfekt. Kein Editing (lacht)!

jazz-fun.de:
Wieviel musstest du für dieses Album üben?

Christian McBride:
Eine Menge (lacht)! Meine Frau lacht immer über mich, sie sagt immer: Ich sehe dich mit so vielen verschiedenen Leuten spielen und du bist immer total ruhig. Dich bringt nichts aus der Fassung. Aber immer, wenn du mit Edgar spielst, bist du total angespannt und gestresst.

jazz-fun.de:
Sie weiss also, ohne dass du es ihr sagen musst, dass du wieder Konzerte mit Edgar spielst.

Christian McBride:
Ja, auf jeden Fall. Sie sagt, dass sich meine ganze Energie verändert.

jazz-fun.de:
Gibt es eine Chance, dass Fans in Europa dieses Duo live sehen können?

Christian McBride:
Sicher, wir haben zwar im Moment nichts auf dem Tourplan stehen, aber dieses Duo live zu präsentieren, das planen wir gefühlt schon immer.

Text und Fotos: Angela Ballhorn

Christian McBrides Internetseite:
www.christianmcbride.com

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