Angelin Preljocajs „Requiem(s)“ bei den Osterfestspielen in Salzburg

Salzburg
Salzburg, Foto: Robert Fischer

„Wunden und Wunder“ ist die aktuelle Ausgabe der Salzburger Osterfestspiele überschrieben, die ihr Programm unter der künstlerischen Leitung von Nikolaus Bachler um die Sparten Tanz und elektronische Musik erweitert haben. So durfte man in diesem Jahr gespannt sein auf das jüngste Werk von Angelin Preljocaj: „Requiem(s)“ hat der französische Choreograf sein 90-minütiges Werk genannt, das sicher nicht zufällig bestens zum Festivalmotto passt. Denn die größte Wunde, die wir im Leben erleiden müssen, ist der Verlust nahestehender Menschen. So verlor Angelin Preljocai im Jahr 2023 seinen Vater, seine Mutter und einige sehr enge Freunde. Das weckte in ihm ein tiefes Verlangen, die mit dem Verlust eines geliebten Menschen verbundenen Gefühle zu choreografieren: „Ich möchte all diese Emotionen erforschen, die uns durchströmen, wenn wir trauern. Es geht nicht nur um Traurigkeit oder Verzweiflung. Da ist auch die Erinnerung, die Spur des geliebten Menschen, die in uns weiterlebt. Wenn wir zu einer Beerdigung gehen, schwelgen wir in Erinnerungen, tauschen Gedanken aus, und manchmal lachen wir sogar. Aus der Wunde, die nie heilen wird, kann eine Art Freude entstehen, die Freude, die Erinnerung an den Menschen, den wir verloren haben, wieder aufleben zu lassen. Der Tod kann auf diese Weise auch Erleichterung bringen und dem Leben zusätzliche Tiefe verleihen. Ich möchte versuchen, das Gefühl zu vermitteln, dass das Leben ein Wunder ist, gewissermaßen eine Feier des Lebens.“

Was bei Preljocaj von der Urerfahrung des individuellen Verlusts motiviert ist, fügt sich bei Bachler zu einem gesellschaftlichen Befund: „Wir leben in einer verwundeten Zeit. Wir wundern uns nicht mehr, dass wir uns Wunden schlagen. Und keine Zeit, scheint es, kann diese Wunden, die wir uns gegenseitig zufügen, mehr heilen. Und statt nach Heilung zu suchen, streuen wir Salz in unsere Wunden, als ob wir sie für immer offen halten wollen. Dabei reicht im Deutschen nur ein Buchstabe und aus der Wunde, dem Schmerz, wird das Wunder, die Überwindung des Schmerzes. Aber wozu die Wunden? Warum sie ertragen? Warum sie schlagen? Warum nicht lieber das Wunder wagen? Es gibt kein Wunder ohne uns – ebenso wie die Wunde sollten wir das Wunder anerkennen, jenseits aller christlichen Ikonographie. Und letztlich haben wir ein Geschenk, das uns das Wunder erlebbar macht wie sonst nur die Liebe: Es ist die Musik.“

Und die Kunst als Ganzes, möchte man hinzufügen: Dass die Musik und Körpersprache vereinende Kunst von Angelin Preljocaj auf ihre Weise ein ganz besonderes Geschenk ist, erwies sich an diesem 17. April 2025 im Salzburger Haus für Mozart auf beeindruckende Weise. Es begann, noch ehe das Saallicht erlosch, quasi mit einem anschwellenden Bocksgesang – laut und lauter werdende  Heavy-Metal-Klänge, die den sorgenvollen Blick der Sitznachbarin auf die Ohrstöpsel, die ihr von hilfreichen Geistern vor der Veranstaltung überreicht worden waren, zu bestätigen schienen. Erst dann wurde das Licht gedimmt, der Vorhang öffnete sich, und mit ihm eröffnete sich dem Festivalpublikum ein stauenswertes Panoptikum immer wieder neu inszenierter Requiems: Er habe eben nicht „das“ Requiem von Mozart, Fauré oder Ligeti choreografisch umsetzen wollen, ließ der Künstler zu seinem Werk verlauten, sondern eine heterogene musikalische Textur vorschlagen und sie mit Klangkreationen ergänzen, um über eine choreografische Prozession von Körpern zu versuchen, das Mosaik der Gefühle nach einem Verlust ins rechte Licht zu rücken.

Musikalisch schreitet diese Prozession durch Raum und Zeit, beginnend bei mittelalterlichen Gesängen und keineswegs endend bei ganz neuen Klängen etwa von Georg Friedrich Haas. Wobei die so unterschiedlich ausgewählte Musik niemals ein bloßer Klangteppich zu sein scheint, auf dem die Tänzer:innen ihre Schrittfolgen zählen, sondern etwas, das erst völlig verinnerlicht zum Ausdruck gebracht werden kann.

Bei der Inszenierung choreografierter Bilder bedient sich Preljocaj großformatiger Videoinstallationen – Sand, der in extremer Zeitlupe durch die Hände rinnt, eine junge Trauernde mit Schleier, ein Totenkopf. Auch diese Installationen fügen sich erst mit den vor ihnen agierenden Tänzer:innen zum schlüssigen Gesamtbild. Besonders eindrücklich aber wird die Aufführung, wenn das tänzerische Geschehen quasi den Atem anhält, wenn auf der Leinwand die Ruinen einer kriegsversehrten Stadt erscheinen, ein Stacheldrahtzaun. Und auf einmal lauscht man in dieser sonst wortlosen Kunst einer Stimme, die von jener Schande spricht, ein Mensch zu sein, die Primo Levi erlebte, als er aus den Lagern zurückkam. Von Opfern ist die Rede wie von Henkern, und man ahnt, was Preljocaj wichtig ist: dass man sich entscheiden kann – jedenfalls nicht zum Henker zu werden.

Was die tänzerische Inszenierung angeht, fällt auf, dass er sein auf der Bühne aus 19 Tänzerinnen und Tänzern bestehendes Ensemble gern geschlechtsspezifisch aufteilt: Frauen verkörpern das luftig Leichte, Männer die rohe Kraft bis hin zur brachialen Gewalt. Frauen bilden mit den Verstorbenen eine Pietà, betten deren Körper sanft in ihren Armen, Männer stemmen sich wütend gegen das unausweichliche Schicksal. So oder so aber drängt sich der Gedanke auf, dass all die so kunstvoll inszenierten, mit dem Schlussapplaus frenetisch gefeierten Requiems Ausdruck vor allem einer uns alle betreffenden Erkenntnis sind: dass der Tod vielleicht sinnlos erscheinen mag – das Leben ist es nicht. Und, ja: Wir sind es, die dem Leben einen Sinn geben können.

Choreographie: Angelin Preljocaj Musik: György Ligeti, Wolfgang Amadeus Mozart, System of a down, Johann Sebastian Bach, Hildur Guðnadóttir, Olivier Messiaen, Georg Friedrich Haas, Jóhann Jóhannsson, 79 D & Mittelalterliche Gesänge

Tänzerinnen und Tänzer: Ballet Preljocaj Teresa Abreu, Lucile Boulay, Elliot Bussinet, Araceli Caro Regalón, Leonardo Cremaschi, Mirea Delogu, Lucia Deville, Antoine Dubois, Chloé Fagot, Alfonso Goeveia, Erwan Jean- Pouvreau, Théa Martin, Ygraine Miller-Zahnke, Agathe Peluso, Romain Renaud, Mireia Reyes Valenciano, Redi Shtylla, Owen Steutelings, Micol Taiana Licht: Éric Soyer Kostüme: Eleonoara Peronetti Video: Nicolas Clauss Set: Adrien Chalgard Assistant, Deputy to the Artistic Direction: Youri Aharon van den Bosch

Probenassistent: Cécile Médour
Choreologist: Dany Léveque

Text: Robert Fischer
Fotos: Didier Philispart, Yang Fang

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