Ein Ort, der atmet – Ela Krause über Musik, Mut und die Magie der Halle 424

Ela Krause
Ela Krause, Foto: Jacek Brun

Zwischen Backstein, Industriecharme und improvisierter Musik hat sich die Halle 424 in Hamburg in den vergangenen Jahren zu einem jener seltenen Orte entwickelt, die mehr sind als nur eine Bühne. Ein Ort der Begegnung, des Zuhörens und der musikalischen Entdeckungen – offen für Jazz, Klassik, Grenzgänge und Experimente.

Maßgeblich geprägt wird dieser besondere Raum von Ela Krause, die mit ihrer Konzertreihe JazzTracks424 internationale Künstler:innen, außergewöhnliche Projekte und musikalische Überraschungen nach Hamburg bringt. Dabei geht es nie nur um Namen oder Genres, sondern um Atmosphäre, Neugier und künstlerische Qualität.

Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt Ela Krause von ihrer Liebe zum Jazz, von den Herausforderungen unabhängiger Konzertarbeit, von mutigen Programmentscheidungen – und davon, warum Musik manchmal genau dort entsteht, wo Menschen bereit sind, sich auf Unbekanntes einzulassen.

jazz-fun.de:
Halle 424 hat sich in den letzten Jahren zu einem wichtigen Ort für Jazz und klassische Musik in Hamburg entwickelt. Wie begann Ihre persönliche Geschichte mit diesem besonderen Ort?

Ela Krause:
Jazz gehört seit meiner frühen Jugend zu meinem Leben. Besonders intensiv erinnere ich mich an meine Zeit in den USA, wo ich zunächst in Chicago, später in New York viele großartige Konzerte erleben durfte – als Anhängerin des AACM auch an ungewöhnlichen, oft spirituellen Orten jenseits der bekannten Clubs und Festivals.

Als ich 2009 – nach vielen Jahren im Ausland und in Ostdeutschland – nach Norddeutschland zurückkehrte, suchte ich nach einer Möglichkeit, mich neben meinem Beruf aktiv in der Hamburger Jazzszene zu engagieren. Gemeinsam mit einer Freundin träumte ich sogar davon, einen eigenen Club zu eröffnen. Ich habe sowohl einen kreativen Hintergrund im Bereich Architektur und Design als auch einen Business-Background und habe als Projektentwicklerin und Managerin viele kreative Teams begleitet. Daraus wollte ich in diesem Umfeld etwas machen.

Die Halle424 habe ich zunächst bei einem Feierabendkonzert kennengelernt. Als ehemalige Bewohnerin der HafenCity war es für mich besonders spannend, diese „Off“-Location am Rand des neuen Stadtteils zu entdecken. Da ich nebenbei schon immer Musiker bei Bookings unterstützt habe, ergab sich schließlich die Möglichkeit, hier ein erstes Konzert zu veranstalten – kein Jazz, sondern ein Bluesrock-Konzert mit einer französischen Band auf Tour.

jazz-fun.de:
Das Gebäude selbst hat eine außergewöhnliche Geschichte – vom Industrieort der 1950er Jahre zu einem kulturellen Treffpunkt. Welche Rolle spielt dieser Raum und seine Atmosphäre für die Konzerte, die hier stattfinden?

Ela Krause:
Der Raum hat mich von Anfang an fasziniert, weil er lebendig wirkte, nie ganz fertig war – und es bis heute nicht ist. Jürgen Carstensen, der Initiator und Betreiber der Halle424, hatte hier früher sein Fotoatelier. Als er dieses nicht mehr in vollem Umfang benötigte, öffnete er die ehemalige Stückguthalle für neue Nutzungen.

Im Zusammenhang mit Elbjazz fanden hier erste Jazzkonzerte statt, später etablierte der Kammerkunstverein seine monatlichen Feierabendkonzerte. Fast alles in der Halle wurde von Jürgen gemeinsam mit Freunden selbst gebaut oder gesammelt – mit Ausnahme der State-of-the-Art-Technik, eines wunderbaren Flügels und unserer Backline.

Das Ambiente zwischen Industriecharme, recyceltem Interieur und Trödel ist einzigartig, und die Akustik eignet sich sowohl für klassische Ensembles als auch für elektronisch verstärkte Musik. Es ist ein besonderer Ort – Künstler und Publikum, die einmal hier waren, möchten immer wiederkommen.

jazz-fun.de:
Die Konzertreihe „JazzTracks424“ wurde mehrfach mit dem APPLAUS-Preis ausgezeichnet. Was macht diese Reihe aus Ihrer Sicht so besonders?

Ela Krause:
JazzTracks424 wurde 2018 als regelmäßige Veranstaltungsreihe mit rund 20 Konzerten pro Jahr etabliert und wird inzwischen vom Halle424-Verein zur Förderung von Musik und Kultur im Oberhafen e.V. getragen. Damals gab es in Hamburg jenseits der bekannten Konzertsäle und der Fabrik keinen größeren Ort für internationale Jazzveranstaltungen – die Halle bietet immerhin Platz für etwa 200 Besucher.

JazzTracks424 steht vor allem für Acts, die in Hamburg entweder noch nie zu hören waren oder mit neuen Programmen beziehungsweise ungewöhnlichen Besetzungen auftreten. Das gilt gleichermaßen für bekannte Künstler wie für Newcomer und konnte bis heute – mit wenigen Ausnahmen – konsequent umgesetzt werden.

Wir sind durchaus stolz darauf, früh Künstler präsentiert zu haben, die damals in Deutschland noch weitgehend unbekannt waren. Dazu zählen etwa Tania Giannouli, Immanuel Wilkins, Julio Resende oder – vor nicht allzu langer Zeit – Daoud, die ihr erstes Konzert in Hamburg bei uns gespielt haben und später in der Elbphilharmonie, beim NDR oder bei Elbjazz aufgetreten sind.

Gleichzeitig gehen wir immer wieder Risiken mit jungen, noch unbekannten Acts ein. Manchmal klappt das erst im zweiten Anlauf – wie bei der großartigen Sängerin und Performerin Sera Kalo. Das erste Konzert mussten wir wegen mangelnder Zuschauerzahlen absagen. Aber wir geben nicht so schnell auf und versuchen es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal – mit noch mehr Energie und Engagement. Diesmal hat es funktioniert.

jazz-fun.de:
Ihr Programm zeichnet sich durch eine hohe künstlerische Qualität aus und bringt regelmäßig internationale Musiker nach Hamburg. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler und Projekte aus?

Ela Krause:
Es ist heute wichtiger denn je, einige „große Namen“ im Programm zu haben, um neue Besucher zu gewinnen, die uns bislang noch nicht kennen. Neben dem Kriterium „neu in Hamburg“ achten wir darauf, möglichst viele Nationen und unterschiedliche Besetzungen abzubilden. Wir möchten ein breites Spektrum dessen zeigen, was Jazz heute sein kann – auch im Grenzbereich zur Klassik, zur Neuen Musik, zu Pop oder Rock, mit und ohne elektronische Elemente.

Bisher hatten wir Musiker aus rund 30 Nationen zu Gast. Aber selbst in einem Land wie den USA, aus dem viele unserer Künstler kommen, existieren sehr unterschiedliche Szenen mit ganz eigenen kulturellen Wurzeln – und genau das interessiert uns.

Wir leben vor allem von unserem Stammpublikum, das wir uns über viele Jahre mit viel Geduld und Engagement aufgebaut haben. Dieses Publikum vertraut uns, erwartet aber auch immer wieder Überraschungen und möchte Neues entdecken.

Inzwischen haben wir einige Musiker mehrfach eingeladen – Künstler, die sich mit spannenden Projekten immer wieder neu erfinden und ihrerseits zu treuen „Fans“ der Halle424 geworden sind. Dazu gehört beispielsweise der schwedisch-schweizerische Bassist Björn Meyer, der 2018 bei uns sein erstes Solo-Konzert am E-Bass spielte, während der Corona-Zeit mit dem NEN Quartett auftrat und zuletzt mit dem AMIIRA Trio zu hören war.

Außerdem entstehen immer wieder neue Konstellationen direkt aus den Bands heraus. Mich interessiert besonders, was großartige Sidemen und Sidewomen bekannter Künstler wie Mark Turner oder Andreas Schaerer außerhalb dieser Projekte machen. Gerade dazu sind derzeit zwei spannende Konzerte in Planung.

Wichtig ist vor allem, dass man – in diesem Fall ich – seinen inneren Kompass nicht verliert. Ich habe meist früh im Jahr eine grobe programmatische Idee im Kopf und setze einige erste Eckpunkte, um die herum sich das weitere Programm entwickelt – gespeist aus Netzwerken, Vorschlägen und Intuition. Natürlich gibt es immer noch viele weitere wunderbare Angebote, die wir aus Kapazitätsgründen nicht realisieren können. Und es tut mir tatsächlich um jede Künstlerin und jeden Künstler leid, die/die wir nicht berücksichtigen können.

Halle 424 - Team
Halle 424 - Team, Foto: Jacek Brun

jazz-fun.de:
Viele Besucher beschreiben die Konzerte in der Halle 424 als sehr intensiv und persönlich. Ein Grund dafür ist die Möglichkeit, die Künstler im Anschluss im Lounge-Bereich zu treffen. Wie wichtig ist Ihnen dieser direkte Austausch zwischen Publikum und Musikern?

Ela Krause:
Der Austausch zwischen Publikum und Künstlern ist uns immens wichtig, nicht nur während des Konzerts, sondern auch danach. Die Atmosphäre in der Halle ist „niederschwellig“ und informell. Es ist sehr einfach, mit den Nachbarn oder den Künstlern ins Gespräch zu kommen – am CD-Stand oder an der Bar. Je mehr der Funke im Konzert überspringt, desto mehr Menschen bleiben anschließend noch bei uns. In ungezwungener Atmosphäre kann man dann auch ungewöhnliche Instrumente bewundern, den Technikern beim Abbau zuschauen oder sogar helfen.

Ob dies funktioniert, findet man oft schon viel früher heraus, nämlich in der direkten Kommunikation mit den Künstlern im Vorfeld oder mit deren Agenten, die die Künstler gut kennen und mittlerweile auch ein Gespür dafür haben, worauf ich/wir Wert legen. Wir lassen die Musiker auch explizit wissen, dass wir es gerne sehen, wenn sie mit dem Publikum sprechen und nicht nur ihre Titel ansagen. „Storytelling“ nennt man das wohl heutzutage.

Ausschlaggebend für eine gute Atmosphäre ist vor allem auch, wie wir als Team mit den Besuchern und den Künstlern umgehen. Die Zuschauer werden von uns nach wie vor ganz „analog“ am Eingang empfangen, viele von ihnen kennen wir persönlich. Wir sind jederzeit ansprechbar, wenn mal etwas nicht passt oder jemand seinen Stuhl verrücken möchte, weil ihn das Licht blendet. Den Künstlern bringen wir viel Empathie entgegen. Ich habe selbst zwei Musiker in der Familie und etliche im engen Freundeskreis. So kenne ich auch diese Seite der Medaille gut und weiß, wie wichtig es ist, sich von der Ankunft in Hamburg bis zur Abreise auf der Bühne, im Backstage-Bereich und an der Bar wohlzufühlen, etwas Ordentliches zu essen und sich willkommen zu fühlen.

jazz-fun.de:
Hamburg hat mit Orten wie der JazzHall oder dem Birdland eine lebendige Jazzszene. Welche Rolle spielt die Halle 424 innerhalb dieser kulturellen Landschaft?

Ela Krause:
Wie schon gesagt, waren wir die Ersten, die größere internationale Konzerte im privaten Rahmen organisiert haben. Das Birdland hatte sich gerade neu erfunden, es gab noch keine Jazzhalle, keinen Nica-Club und die Elbphilharmonie hatte noch kein nennenswertes Jazzprogramm. Das ist heute anders, und wir müssen mit der Konkurrenz leben – vor allem, wenn an einem unserer Konzerttage auch anderswo großartiger Jazz geboten wird. Aber die Halle 424 ist eben ein besonderer Ort, den es so nur einmal gibt – und das weit über Hamburg hinaus. Dieses Feedback bekommen wir auch immer wieder von unseren Besuchern, die sich durchaus auch woanders umsehen und dann doch wieder zu uns kommen – nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der Atmosphäre. Das funktioniert natürlich nur bei einem entsprechend interessanten Angebot.

Insgesamt ist es aber, vor allem seit Corona, eine immer größere Herausforderung, die Halle voll zu bekommen. Unser bestes Jahr war tatsächlich 2019, seitdem tun wir uns viel schwerer. Zudem sind wir rein privat finanziert und erhalten keinerlei institutionelle Unterstützung. Hinter uns steht weder eine Stiftung noch ein großer Sponsor. Unser kleiner Verein hat nur sehr begrenzte Kapazitäten. Ohne das ehrenamtliche Engagement unseres kleinen Teams und einiger weniger Freunde, die uns auch finanziell unterstützen, wäre JazzTracks424 nicht denkbar.

jazz-fun.de:
Durch Ihre Arbeit kommen Musiker aus verschiedenen Ländern und Szenen hier zusammen. Haben Sie das Gefühl, dass dabei neue musikalische Ideen oder Kooperationen entstehen?

Ela Krause:
Im letzten Jahr haben wir ein Experiment gewagt und die Reihe „Young European Jazz Talents“ ins Leben gerufen. Hier treffen jeweils zwei junge Bands – eine aus Deutschland, eine aus dem europäischen Ausland – rund um ein Instrument aufeinander. Im letzten Jahr haben wir die Posaune und die Trompete als Lead-Instrumente ausgewählt. Die Musiker kannten sich vorher nicht und sind schon im Konzert in einen musikalischen Dialog getreten. Wir hoffen natürlich sehr, dass diese Kooperation nachhaltig ist.

Unsere Motivation war auch, eine für das Publikum interessante Veranstaltungsreihe zu organisieren, indem wir diesen Dialog entfacht haben. Das ist im ersten Jahr nur bedingt gelungen, denn die Zuschauerzahlen ließen zu wünschen übrig. Aber auch hier wird es eine Fortsetzung geben, sofern wir eine Förderung organisieren können.

jazz-fun.de:
Ein Blick auf Ihr Programm zeigt, dass Sie sowohl etablierte Künstler als auch spannende neue Stimmen präsentieren. Wie wichtig ist Ihnen diese Balance zwischen Erfahrung und Entdeckung?

Ela Krause:
Sehr wichtig! Wir würden gerne noch mehr Experimente wagen, aber diese kosten uns in der Regel Geld, d. h., wir kommen nicht auf unsere Kosten, wenn nur wenige Zuschauer kommen. Es ist und bleibt ein Risiko. Aber ohne dieses Risiko würde es mir auch keinen Spaß machen. Nur große Namen zu buchen ist einfach, aber auch langweilig.  

jazz-fun.de:
Die Organisation unabhängiger Konzertreihen ist heute oft mit großen Herausforderungen verbunden – sowohl finanziell als auch organisatorisch. Was motiviert Sie persönlich, dieses Engagement fortzusetzen?

Ela Krause:
Das ist absolut richtig und eine gute Frage. Wir sind nur ein kleines, aber eingeschworenes Team, das unter meiner Direktion als Vereinsvorsitzende ehrenamtlich arbeitet. Den mit dem finanziellen Risiko verbundenen Stress kann ich nur bedingt teilen, denn ich muss vor allem motivieren und positiv bleiben. Aber manchmal ist die Rolle des ‚Mädchen für alles‘ schon ein wenig zu viel.

Dazu kommen die operativen Risiken und Überraschungen am Konzerttag selbst. Kommen die Musiker pünktlich, oder ist mal wieder ein Flug oder Zug ausgefallen? Stimmt die Backline oder woher bekommen wir last minute noch den richtigen Verstärker? Haben wir bei der Verpflegung einen Vegetarier vergessen? Gibt es vielleicht sogar Hochwasser, sodass wir das Konzert ausfallen lassen müssen? Da gäbe es viele spannende Geschichten zu erzählen.

Wenn ich meine kleine Konzertankündigung gemacht habe, die Musiker:innen auf der Bühne sind und das Konzert beginnt und am Ende des Abends alle zufrieden nach Hause gehen, dann weiß ich wieder, warum ich das mache. Man nennt das wohl auch „Leidenschaft“. Natürlich weiß ich nie, wie lange wir das durchhalten werden, aber mir würde persönlich auch sehr viel fehlen, wenn es JazzTracks nicht mehr gäbe.

jazz-fun.de:
Wenn Sie in die Zukunft blicken: Welche Vision haben Sie für die Halle 424 und für ihre Rolle in der Hamburger Jazzlandschaft?

Ela Krause:
Die Zukunft der Halle 424 hängt unter anderem davon ab, unter welchen Konditionen die Halle – als Mieter der HafenCity GmbH – weiterhin betrieben werden kann. Darauf hat unser Verein als Untermieter nur bedingt Einfluss. Die Halle 424 steht heute auch für ein Gesamtkonzept, einen Ort für vielfältige kulturelle und musikalische Veranstaltungen: Kammermusik, Orchester, Filmmusik, aber auch Comedy oder Lesungen. Wichtig ist, dass der Ort als Ganzes wahrgenommen wird – im Rahmen eines lebendigen Oberhafenquartiers. Davon profitieren alle.

Ich hoffe natürlich, dass es uns als kleinem Verein weiterhin gelingt, JazzTracks424 und unser ambitioniertes Programm am Leben zu erhalten und weiterzuentwickeln. Das hängt vor allem davon ab, inwiefern es uns gelingt, genügend Publikum anzuziehen bzw. zu halten.

Es gibt immer noch viele Hamburger:innen, die überrascht sind, dass es uns gibt. Wenn wir das ändern können, haben wir sicher eine Chance, auch in der Jazzlandschaft der Hansestadt noch präsenter zu werden. Es ist schon seltsam, wenn man überregional bekannter ist als in der eigenen Stadt.

jazz-fun.de:
Viele unabhängige Konzertorte sehen sich derzeit mit wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert: steigende Kosten, unsichere Förderstrukturen und ein verändertes Publikum. Wie erleben Sie diese Situation konkret bei der Halle 424?

Ela Krause:
Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind immens. Ob es die Bewirtschaftungskosten für die Halle sind, die Hotelkosten etc., alles ist teurer geworden. Wir sind es ja gewohnt, ohne institutionelle Förderung auszukommen, aber es wird immer enger. Ohne den Applaus und einen kleinen Sponsoringvertrag mit der HafenCity GmbH hätte es JazzTracks424 in den letzten Jahren nicht geschafft, aber darauf können wir uns nicht verlassen. Uns fehlen an allen Ecken und Kanten Ressourcen, vor allem mehr Mittel und Personal für professionelle Werbung und Fundraising, das uns unabhängiger machen würde.

Ja, und das Publikum lässt sich oft zu viel Zeit mit dem Ticketkauf. Der Vorverkauf ist oft katastrophal und erst in den letzten Tagen entscheidet sich, ob das Konzert ein finanzieller Erfolg wird oder ein Flop. Zwei- oder dreimal im Jahr sagen wir ein Event schon mal ab, wenn eine Woche vor dem Konzert gar nichts läuft. Dann versuchen wir gemeinsam mit den Künstlern, eine andere Lösung zu finden, sei es eine Verschiebung auf ein späteres Datum oder ein Doppelkonzert. Wir sitzen alle im selben Boot, und je besser bei der Werbung und PR alle Parteien – Halle, Künstler, Agenten, Label – zusammenarbeiten, desto besser sind die Chancen.

jazz-fun.de:
Kleine, unabhängige Spielstätten sind oft entscheidend für die Entwicklung der Jazzszene, weil hier neue Projekte entstehen und experimentelle Musik einen Raum bekommt. Haben Sie das Gefühl, dass diese Arbeit von Politik und Öffentlichkeit ausreichend wahrgenommen und unterstützt wird?

Ela Krause:
Die Antwort ist ganz klar nein. Die meisten öffentlichen Programme und auch die der Stiftungen fokussieren sich auf die Förderung von Künstlerinnen und Künstlern sowie deren Projekten. Das ist außerordentlich wichtig, und wir unterstützen dies oft genug, indem wir sogenannte Spielstätten-Bescheinigungen ausstellen, das heißt, wir bieten den Künstlern Auftrittsmöglichkeiten.

Aber abgesehen von APPLAUS gibt es kein Instrument, das gezielt Programmreihen wie unsere oder die Halle als Spielort fördert. Ohne besondere und inspirierende Orte wie die Halle 424 und Programmreihen wie „JazzTracks424” wird es in Zukunft noch weniger Bühnen für die Vielzahl der Musiker/-innen geben. Letztendlich müssen sich Politik und Gesellschaft positionieren: Ist die Kreativität in der unabhängigen Szene – dazu gehören Orte wie unserer – ein wertvoller Teil einer vorwärtsgewandten Kulturpolitik?

jazz-fun.de:
Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Welche Konzerte oder besonderen Projekte stehen aktuell bei JazzTracks424 an – und warum lohnt es sich, Halle 424 in den kommenden Monaten im Auge zu behalten?

Ela Krause:
Vor der Sommerpause im Juli/August und dann wieder ab September haben wir noch einige internationale und deutsche Highlights im Programm:

27.06. KENO HARRIEHAUSEN 4tet (Piano, Violine, Cello, Sxxophon): der in Hamburg geborene, in Leipzig aktive Pianist war auch schon vor Jahren bei uns zu Gast und präsentiert jetzt sein brandneues Projekt ‚There For You‘. Keno ist ein echter Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz. Am Mittwoch vor unserem Konzert ist er solo im NDR zu hören.

24.09. Das Konzert mit den US-Stars PETER BERNSTEIN, SULLIVAN FORTNER, DOUG WEISS UND KUSH ABADEY zählt zu den Highlights unseres Jazz-Jahres. Wir freuen uns u.a. darauf, Sullivan wiederzusehen, der bei uns bereits ein Solo-Konzert gegeben hat.

16.10. Mit dem AURORA OKTETT bewegen wir uns wieder zwischen Jazz und Klassik. Das Konzert mit dieser noch jungen Band mussten wir in der Corona-Zeit leider absagen, umso mehr freuen wir uns jetzt darauf, die Musiker bald bei uns zu begrüßen. Das Ensemble hat 2025 den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie ‚Großes Ensemble‘ gewonnen.

07.11. Der griechische Bassist PETROS KLAMPANIS kommt in prominenter Begleitung des finnischen Pianisten Kristjan Ranadu, vor kurzem mit Trygve Seim bei uns zu hören, sowie dem israelischen Schlagzeuger Ziv Ravitz in die Halle424.

27.11. HILDE steht für ein Quartett von vier abenteuerlustigen, äußerst kreativen jungen Musikerinnen aus der Kölner und Londoner Musikszene, in der eigenwilligen Besetzung Violine, Stimme, Violoncello, Posaune; anspruchsvolle Musik zwischen Kammermusik und Free-jazz.

11.12. BJORN MEYER alleine auf der Bühne mit seiner 6-seitigen E-Bassgitarre, das wird ein ganz besonderes Erlebnis, Präsentieren wird er uns sein zweites Solo-Programm CONVERGENCE (ECM), das gerade mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde.

19.12. TRIOSENCE, u.a. mit dem bekannten Hamburger Bassisten Omar Rodrigez-Calvo, wird auf vielfältigen Wunsch in diesem Jahr wieder unsere Jazz-Weihnachtsfeier musikalisch gestalten.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Halle 424 Internetseite:
https://halle424.de/

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Maciej Gołyźniak / New Beat Records

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