Rezension des Albums "Handmade" von Emilio Solla
Emilio Solla
Handmade
Erscheinungstermin: 12.06.2026
Label: Club del Disco, 2026
Die schönsten Klänge entstehen dort, wo Hände erzählen, was Worte nicht ausdrücken können
Der Titel dieses Albums ist Programm. Handmade steht nicht nur für die Art, wie diese Musik entsteht, sondern auch für eine Haltung. Emilio Solla setzt der digitalen Perfektion bewusst die Unmittelbarkeit des gemeinsamen Musizierens entgegen. Was zählt, ist der Moment, in dem Klang durch Berührung entsteht – durch Hände, Atem und das aufmerksame Zusammenspiel von Musikerinnen und Musikern.
Der argentinische Pianist, Komponist und Arrangeur, der zwischen New York und Europa lebt, gehört seit vielen Jahren zu den spannendsten Stimmen des Latin Jazz. Seine Musik verbindet die emotionale Tiefe des Tangos mit der Offenheit des zeitgenössischen Jazz und entwickelt daraus eine unverwechselbare Klangsprache, die gleichermaßen von kompositorischer Präzision und improvisatorischer Freiheit geprägt ist.
Für Handmade hat Solla den neunköpfigen Klangkörper La Inestable de Brooklyn zusammengestellt. Das Ensemble agiert dabei nicht wie eine klassische Begleitband, sondern wie ein einziger atmender Organismus. Die fein ausgearbeiteten Arrangements lassen jedem Musiker Raum für individuelle Gestaltung, ohne jemals die Geschlossenheit des Gesamtklangs aus den Augen zu verlieren.
Die Kompositionen verbinden kammermusikalische Transparenz mit der rhythmischen Kraft des Tangos und der harmonischen Raffinesse des modernen Jazz. Lyrische Passagen wechseln mit energiegeladenen Improvisationen, dichte Ensembleklänge öffnen sich immer wieder zu intimen Momenten, bevor sich die Musik erneut in großer klanglicher Fülle entfaltet. Diese natürliche Bewegung verleiht dem Album eine außergewöhnliche Lebendigkeit.
Besonders beeindruckend ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich Virtuosität und musikalische Erzählkunst ergänzen. Technische Brillanz steht hier niemals im Vordergrund. Sie dient vielmehr dazu, Emotionen, Spannungen und feine Nuancen hörbar werden zu lassen. Jeder musikalische Gedanke entwickelt sich organisch aus dem vorhergehenden, sodass das gesamte Album wie eine zusammenhängende Geschichte wirkt.
Aufgenommen in Brooklyn und geprägt von den kulturellen Wurzeln der Musiker aus Buenos Aires, spiegelt Handmade die Begegnung unterschiedlicher musikalischer Welten wider. Latin Jazz, Tango, Kammermusik und die Tradition des New Yorker Jazz verschmelzen dabei zu einer Musik, die ihre Herkunft nie verleugnet und dennoch ganz im Hier und Jetzt lebt.
Vielleicht ist Handmade gerade deshalb mehr als ein hervorragendes Jazzalbum. Es ist ein Plädoyer für das menschliche Maß in der Kunst. Für Musik, die nicht von Algorithmen oder Perfektion lebt, sondern von Begegnung, Erfahrung und gegenseitigem Zuhören.
Emilio Solla zeigt eindrucksvoll, dass die stärksten musikalischen Aussagen oft dort entstehen, wo Menschen gemeinsam atmen, reagieren und gestalten. Handmade ist ein ebenso klug komponiertes wie tief empfundenes Album – ehrlich, lebendig und von beeindruckender künstlerischer Qualität.
(Jacek Brun, 08.07.2026)
Besetzung
Alejandro Aviles - soprano, alto, flute
David Smith - trumpet, flugelhorn
Tim Armacost - tenor, clarinet, bass clarinet
Mike Fahie - trombone
Rodolfo Zanetti - bandoneon
Sara Caswell - violin
Emilio Solla - piano, conductor
Edward Perez - double-bass
Rogerio Boccato - drums, percussion
Titelliste
- Suite de los Abrazos, III - Bodegón Caníbal
- Joni Mitchell
- Suite de los Abrazos, I -Milonga Mutante
- Para el Agua
- Suite de los Abrazos, II -The Loss
- Miles Tango
- Bird Song
- La Carta
- De Viento y de Sal
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