Rezension des Jazz-Albums "Prérie(s)" von Emmanuelle Bonnet
Emmanuelle Bonnet
Prérie(s)
Erscheinungstermin: 30.01.2026
Label: Mousse Records, 2025
Wie Pollen im Wind – Die fragile Intensität von „Prérie(s)“
Mit Prérie(s) legt die Schweizer Sängerin und Komponistin Emmanuelle Bonnet ihr zweites Album vor – eine musikalische Ode an Weite, Vergänglichkeit und an jene kleinen, oft überhörten Bewegungen des Lebens, die in der Natur ebenso präsent sind wie im Klang.
Die Musik entfaltet sich wie eine warme Brise, die einen gemeinsamen Raum mit Atem füllt. Nichts drängt sich auf, nichts ist plakativ. Stattdessen entsteht ein organischer Prozess, in dem Stimme, Instrumente und Texturen ein sensibles Gleichgewicht suchen.
Das Quartett um Bonnet erweitert die Grenzen spontaner Komposition, spielt mit (Dis-)Harmonie, mit Klangfarben und Strukturen. Worte, Motive und Miniaturen werden zu Bausteinen eines kollektiven Dialogs. Die Interaktion wirkt vorsichtig, beinahe tastend – wie Bienen, die Pollen sammeln, ohne Spuren der Zerstörung zu hinterlassen.
Bonnet erweist sich dabei nicht nur als außergewöhnliche Vokalistin, sondern als reflektierte Künstlerin mit einem ausgeprägten Bewusstsein für ihre vokalen Möglichkeiten. Ihre Stimme wird zum Instrument im Ensemble – sie verschmilzt mit den Klängen, löst sich wieder, erzeugt Reibung, schwebt über feinen rhythmischen Impulsen oder taucht in dissonante Geflechte ein. Gerade diese bewusst gesetzten Dissonanzen, die von allen Beteiligten gemeinsam geformt werden, verleihen der Musik ihre besondere Spannung.
Prérie(s) lebt von seiner Flüchtigkeit. Vieles bleibt leicht, fast ungreifbar – und gerade darin liegt die Kraft dieses Albums. Es ist eine Musik, die Aufmerksamkeit verlangt, weil sie nicht laut wird, sondern sich entfaltet.
Die Stücke wirken wie aus der Natur herausgehoben: roh, ehrlich, manchmal wild, nie gezähmt. Gleichzeitig ist alles durchdacht, fein austariert und geprägt von einer sensiblen Ensemblekultur.
Mit Prérie(s) entsteht eine musikalische Erzählung, die sich keiner Kategorie unterordnet. Zwischen zeitgenössischem Jazz, freier Improvisation und kammermusikalischer Klangforschung entwickelt Emmanuelle Bonnet eine poetische, eigenständige Sprache – leise, aber eindringlich.
(Jacek Brun, 14.02.2026)
Besetzung
Emmanuelle Bonnet – voice
Yvonne Rogers – piano
Tabea Kind – double bass
Lucas Zibulski – drums
Titelliste
- A-Line (or sometimes)
- Fame is a bee
- Glisse Pic
- Suite to Prélude
- Prérie
- Long Shorts
- New Piece of Yesterday
- Zanzare III
- Troubled Fruits
- Libellules
Unterstützen Sie unabhängigen Jazzjournalismus
Wenn Ihnen unsere Arbeit gefällt, können Sie Teil der jazz-fun.de Community werden.
jazz-fun`s recap:
Einen Kommentar schreiben