Rezension des Albums "Breathing" von Esther Kaiser & Alexander Wienand
Esther Kaiser & Alexander Wienand
Breathing
Erscheinungstermin: 28.08.2026
Label: Double Moon Records, 2026
Zwischen zwei Atemzügen
Atmen ist die selbstverständlichste Bewegung unseres Lebens. Wir denken kaum darüber nach, aber wir können keine Minute darauf verzichten. Einatmen, ausatmen, aufnehmen, loslassen. Für Esther Kaiser wird dieser elementare Vorgang in „Breathing” zum Ausgangspunkt einer Musik, die über Freiheit, Nähe und menschliche Verbundenheit nachdenkt.
Seit Jahrhunderten beschäftigen sich Literatur, Philosophie und Kunst mit der existenziellen Bedeutung des Atems. Er verbindet Leben und Tod, Körper und Geist, Sprache und Stille. Er braucht Raum – und wird damit auch zum Sinnbild von Freiheit. „Ich atme, also bin ich“ könnte über dem neunten Album der Berliner Sängerin, Komponistin und Produzentin stehen.
Gemeinsam mit dem Pianisten Alexander Wienand entwickelt Kaiser eine musikalische Sprache, die nicht versucht, diese großen Gedanken mit ebenso großen Gesten zu beantworten. Im Gegenteil: „Breathing“ lebt von Offenheit und Transparenz.
Schon die Instrumentierung trägt dazu bei. Wienands Klavier, Tilmann Dehnhards Flöte und Athina Kontous Kontrabass bilden keine kompakte Begleitstruktur um die Sängerin. Sie schaffen vielmehr einen beweglichen Raum. Die Instrumente treten hervor, ziehen sich wieder zurück, reagieren aufeinander und lassen zwischen den einzelnen Stimmen genügend Platz.
Gerade die Flöte fügt sich wunderbar in dieses Konzept ein. Ihr Ton entsteht aus dem Atem heraus und begegnet Kaisers Stimme dadurch auf ganz natürliche Weise. Klavier und Kontrabass geben der Musik Struktur, ohne sie einzuengen. So entwickelt sich eine kammermusikalische Transparenz, in der jede Nuance wahrnehmbar bleibt.
Esther Kaisers Stimme verbindet auf reizvolle Weise Stärke und Feinheit. Sie kann präsent sein, ohne die Musik zu dominieren, und sich im nächsten Moment beinahe schwerelos in das Ensemble einfügen. Diese Balance vermittelt die Klarheit und Leichtigkeit, die das gesamte Album prägen.
Doch „Breathing” bleibt nicht bei der ästhetischen Idee stehen. Für Kaiser bedeutet Atmen auch Verbindung. Sprache, Berührung, Bewegung und Kreativität beginnen mit diesem elementaren Vorgang. Daraus entwickelt sie Gedanken über Verständnis, Toleranz, Frieden und Freiheit, ohne ihre Musik mit Botschaften zu überfrachten.
Vielleicht liegt gerade darin die Stärke dieses Albums: Es schafft Raum, statt ihn vollständig auszufüllen.
So wird ausgerechnet „Breathing” zu einem jener seltenen Alben, die man tatsächlich in einem Atemzug hören möchte.
(Jacek Brun, 28.08.2026)
Besetzung
Esther Kaiser - Vocals
Tilmann Dehnhard - Flute
Alexander Wienand - Piano
Athina Kontou - Double bass
Titelliste
- Winter in july
- Invention (breathing)
- The girl who is still standing
- Strong winds
- Gnome scene
- Imho
- Lost girl
- She said
- The old house
- Italian lovesong
- Learning to breathe
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