Etta Scollo - Ora

Etta Scollo - Ora

Etta Scollo
Ora

Erscheinungstermin: 31.03.2023
Label: Jazzhaus, 2022

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Im Jetzt sein: Das ist eine Weisheit, die Spirituelle und Philosophen seit Jahrtausenden lehren. Doch ist in diesen krisen- und kriegsgeschüttelten Zeiten das „Jetzt“ erstrebenswert? Mit ihrem neuen Opus „Ora“ gibt die Sizilianerin Etta Scollo eine musikalisch vielschichtige Antwort. Sie begnügt sich nicht mit einfachen und bequemen Phrasen. Hält die dramaturgische Spannung hoch, in dem sie mit jedem Stück von Neuem überrascht. Und hat so in ihrer ersten Heimat Catania mit dem Starproduzenten Taketo Gohara ein Album geschaffen, das poetisch und politisch berührt – mit mehr als einem kleinen Hoffnungsschimmer.

„Ich stehe auf, ich stehe aufrecht, meine Hand arbeitet, begleitet, ein Lied über konkrete Dinge, erlebt und sofort wiedergeboren. Es ist Zeit zu sein – jetzt, jetzt, jetzt…“, singt Etta Scollo im abschließenden Titelstück von „Ora“. „Die Pandemie hat uns in eine musikalische Lethargie versetzt“, sagt sie. „Plötzlich war alles weg, ich hatte keine Perspektive, habe keinen einzigen Ton gesungen. Doch dann fing ich an, körperlich zu arbeiten: Ich habe in meiner neuen Wohnung Nägel in die Wand geschlagen, Lampen montiert, Regale gebaut. Ich habe gemerkt: Ich muss meinen Körper spüren, muss spüren, dass ich ein Mensch bin in dieser schlimmen Zeit der Isolation.“ Impulse zum Schaffen, so sagt Scollo, bekommt sie durch Berührungen, durch Basteln, Konstruieren, haptischen Austausch. Sie spricht von ihrer starken Beziehung nicht nur zu ihrer Stimme und ihren Gedanken, sondern auch zu ihren Händen. Aus diesem Tasten und Tun, aus dem Wiederaufstehen erwächst ein Album, das in seiner Direktheit erschüttert, in seiner Vielfalt verblüfft.

Am Anfang steht ein kreisrunder, vier Meter hoher Raum in ihrem neuen sizilianischen Domizil. Diesen überlässt sie Taketo Gohara zur akustischen Präparierung. Der in Mailand geborene japanische Produzent, der seine Schallkunst schon für Stars wie den Cantautore Vinicio Capossela oder die Popsängerin Elisa wirken ließ, bereitet den Ort mit dem Tontechniker Niccolò Fornabaio vor: „Taketo wollte, dass die Produktion ganz roh bleibt, und er ließ alles ganz nahe an meine Stimme herankommen“, sagt Scollo. „Beim Singen fühlte ich mich gar nicht so, als hätte ich einen Kopfhörer auf. Ich fühlte mich in mir. Taketo hat erkannt, welche Lieder eine starke Intimität brauchen, er ermunterte mich, auch mal leise zu singen. Und dabei nicht unbedingt immer ‚schön‘ zu intonieren. Ich bin ja keine perfekte, sondern auch eine verletzte Person. Und verletzte Inhalte kann man nicht mit einer Stimme transportieren, die eine nur konstruierte Schönheit ausdrückt.“

Musikalisch fasst „Ora“ ein ganzes Universum: Es gibt ganz nackte Stücke nur mit Gitarre. Töne aus der Tradition Siziliens, wirbelnden Walzer und ironische Sechsachtel-Takte. Es gibt die feinsinnige Kolorierung der Streicher, ein inniges Treffen von Blaskapelle und Renaissance-Chor, oder auch mal elektronische Texturen: „Jedes Setting steht für einen Moment, der in meinem Leben einmal wichtig war“, betont Scollo. Aus diesen ganz diversen Farben gruppiert Gohara eine spezielle Dramaturgie. Sein Ziel ist es, die Lieder nicht in einem „angenehmen Flow“ zu bündeln, sondern Kanten zwischen den Kompositionen zu verursachen, Brüche zuzulassen, mit jedem Stück eine neue Überraschung zu kreieren. Der Pulsschlag der Worte kommt einmal mehr von sizilianischen Poeten, die Scollo so verehrt. Da ist der Nobelpreisträger Salvatore Quasimodo, der in „Alle Fronde Dei Salici“ davon erzählt, wie aus Trauer über die deutschen Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg die Musiker ihre Instrumente an die Bäume hängen. Etta Scollos Vertonung ist eine schockhafte Antwort auf den ersten Tag des Angriffskrieges auf die Ukraine. Da ist Ignazio Buttitta, den sie wegen seines politischen Engagements für die Sprache schätzt: In „Lingua e Dialettu“ setzt sie mit der Metapher der Muttermilch seine starken Bilder von Identität und gegen die Anonymisierung der Sprache in Töne – mit einem kämpferischen und doch so empfindsamen Marsch.

Franco Scaldati, den Freund, sanften Theatermann und Nachtmenschen ehrt sie in „A Notti u rici o jornu“. Nur mit einer von ihr selbst geschriebenen Streichertextur entwirft sie eine nokturne Szenerie, in der sich vor den eigentlichen Menschen ihre Schatten treffen. Und wie ganz anders ihr zweites Nachtlied „Cantanotte“, die Annäherung an Mariannina Coffa, Poetin des 19. Jahrhunderts, die jede Nacht aus ihrer unglücklichen Ehe in ihre Lyrikwelt floh: eine Eigendichtung als festlicher Walzer mit Theremin, dem einzigen Instrument, das ohne Berührung gespielt wird und in diese Fantasiesphäre entführt. Als Gast überrascht die deutsche Schauspielerin Hanna Schygulla, eine enge Freundin Scollos. Mit ihr gestaltet sie das bittere Brecht/Eisler-Stück „Von der Freundlichkeit der Welt“: „Das Kind ist vom Vater verlassen bei Brecht, es ist eine Kriegssituation, und trotzdem wollen die Frauen das Gefühl geben, dass sie in die Arme nehmen. Hanna beginnt danach mit ihrer schönen dunklen Stimme das sizilianische Wiegenlied ‚Avò‘ zu singen: Das ist wie ein Licht am Ende des Tunnels.“ Und schließlich, auch mit Bildern der Mutter-Kind-Thematik, ein weiterer Scollo-Text, die „Fuga In La Minore“: Mit musikalischen Vokabeln erzählt sie von der Flucht (im Italienischen wie die „Fuge“ ebenfalls mit dem Wort „fuga“ bezeichnet!). Und sie begegnet der heutigen Migrationsrealität mit einer bitteren, fast cartoonhaften Ironie. Auch die wird wieder in einer Umarmung aufgefangen, aufgelöst. „Ora“ flieht nicht vor den vielen Problemen unserer Zeit in einen Wohlfühlklang hinein. Etta Scollos neues Werk stellt sich den Herausforderungen der Gegenwart mit tiefsinniger, engagierter Poesie, und die musikalische Schöpfkelle taucht in viele alte und neue Quellen. Gerade durch dieses unverzagte Schaffen und Aufrechtstehen wird es zu einem überzeugenden Statement gegen die Lethargie, gegen die Vereinzelung und „Berührungslosigkeit“. Und vielmehr noch ist „Ora“: ein beherztes, offenes Bekenntnis zum Leben, inmitten von Sturm und Asche. Zum Mut, ohne Zögern zu lieben.

Text: Stefan Franzen

jazz-fun.de meint:
Die emotionale Artikulation, die Dichte der Erzählung, der musikalische Reichtum: all das macht dieses Album vom ersten Takt an fesselnd und hält bis zum Schluss in Atem, so dass ein Gefühl der Unbefriedigtheit zurückbleibt, das es schwer macht, dem Drang zu widerstehen, es wieder einzuschalten. Lassen Sie sich von dieser Musik mitreißen, sie wird sich in Ihrer Seele festsetzen.

  1. C'è una pace
  2. Von der Freundlichkeit der Welt/Avò
  3. Cose da dire, da tacere
  4. Lingua e dialettu
  5. Cantanotte
  6. Ialofru
  7. A notti u dici o jornu
  8. Alle fronde dei salici
  9. Vivere è stare svegli
  10. Fuga in La minore
  11. La cifalota
  12. A-ttia
  13. Ora

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